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Biathlon : Die Großmacht Deutschland schwächelt

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Kriselnde Biathlon Großmacht Deutschland: Auch Dreifach-Olympiasieger Michael schießt daneben und läuft hinterher Bild: DPA

Magdalena Neuner hat das Soll der Frauen erfüllt. Aber sonst lassen die deutschen Biathleten zu viele Scheiben stehen. Die Biathlon-Großmacht Deutschland schwächelt.

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          Vielleicht haben jetzt alle gedacht, dass es so weitergehen würde mit dem Medaillensammeln. Aber nicht jeder Tag ist eben ein Neuner-Tag. Und nach so einem Stressprogramm, wie es die Wallgauerin mit Vornamen Magdalena nach dem Gold in der Verfolgung durchgemacht hat, ist es nicht verwunderlich, dass am Donnerstag im 15-Kilometer-Einzelwettkampf trotz mentalen Trainings ein paar Scheiben mehr als bislang stehen blieben, nämlich drei. Gleich zu Anfang schon, „weil ich da mit dem Kopf noch nicht bei der Sache war“. Die punktgenaue Konzentration kam erst wieder, als es schon zu spät war: Platz zehn.

          Und weil auch Kati Wilhelm als beste Deutsche des Tages auf dem „blödesten Platz, den man haben kann“, landete, nämlich an Position vier, und Andrea Henkel die mögliche Medaille „verballert“ hatte, mussten die deutschen Biathletinnen diesmal eben zuschauen, wie die Norwegerin Tora Berger das Gold in Empfang nahm. Aber die deutschen Skijägerinnen haben die Vorgabe von Bundestrainer Uwe Müssiggang – zwei Medaillen – immerhin schon erfüllt, genauer gesagt: Magdalena Neuner hat das getan. Ansonsten stünde in der Zwischenbilanz auch dort noch die Null.

          So wie bei den Männern, die auf den Strecken im Olympic Park entweder zu spät kommen oder zu oft danebenschießen. Und sie haben im Moment niemanden mit dem Kaliber Neuner. Niemanden, hinter dem sie sich verstecken könnten. Der Leitwolf Michael Greis bietet in der Wildnis des wunderschönen Callaghan-Valley jedenfalls seinem jungen Rudel keine Rückendeckung. Es kommt ja niemand auf die Idee, Turin zum Maßstab zu erheben. Da hatte der „Greis-Michi“ mit seinen drei Goldmedaillen eine Glückssträhne erwischt, und die kommt wohl nur einmal im Leben.

          Michael Greis ist auf der Suche nach der Form: Der Held von Turin ist in Vancouver bislang ohne Medaille
          Michael Greis ist auf der Suche nach der Form: Der Held von Turin ist in Vancouver bislang ohne Medaille : Bild: AP

          Chance zur Kurskorrektur verpasst

          Aber die Kluft zwischen Anspruch und Realität ist offensichtlich. Aber wen man auch fragt zu diesem Auftritt in Whistlers olympischer Welt, er setzt die gleiche Argumentationskette in Gang. Ob das Bundestrainer Frank Ullrich ist, ob das Greis ist oder sonst wer, alle klingen in etwas so: „Der Sprint zu Anfang war irregulär, und da hängt ja noch der Verfolger mit dran. Da sind dann schon mal zwei Wettkämpfe verschenkt.“

          Das ist schon richtig, aber am Donnerstag wäre eben im Einzel die Chance gewesen, ein wenig Kurskorrektur zu betreiben, so wie Ole Einar Björndalen, den im Sprint ja auch das Schneegestöber voll erwischt hat, und der über 20 Kilometer dann zeitgleich mit dem weißrussischen Überraschungsmann Sergej Nowikow Silber gewann – hinter seinem Landsmann und potentiellen Nachfolger Emil Hegle Svendsen. Bei nahezu idealen Bedingungen: Sonnenschein, hartes Geläuf, kein Startnummernrennen, keine Materialfrage, sondern ein richtig fairer Wettkampf. Also beste Gelegenheit, die Dinge zurechtzurücken. Und was passiert? Gelegenheit verpasst.

          Nehmen wir ruhig Björndalen zum Vergleich, der hatte ja auch zu den Enttäuschten dieser Spiele gezählt, weil schon jetzt feststeht, dass der fünfmalige Olympiasieger den olympischen Rekord seines Landmannes Björn Dählie (acht- mal Gold im Skilanglauf) frühestens in Sotschi 2014 brechen kann. Björndalen leistet sich also am Schießstand bei zwanzig Schuss zwei Fehler, Greis trifft genauso oft, braucht aber 2:15,1 Minuten länger. Dabei war er vom Tempo her in der Weltcupsaison fast auf einer Höhe mit dem Norweger.

          Ein Hätte, Wenn und Aber

          Jetzt, ausgerechnet bei Olympia, ist da diese Kluft, die Greis so erklärt: „Heute habe ich in der zweiten Runde gespürt, dass ich nicht mehr so frisch bin, und dann ist es schwierig, die Spannung am Schießstand zu halten. Ich war nicht so angriffslustig auf der Strecke.“ Und Ullrich sagt: „Ohne den Klops beim Schießen wäre der Michi groß im Geschäft.“ Dessen Kollegen geht es ähnlich: Ob Andreas Birnbacher (Platz zwölf), Alexander Wolf (24.) oder Christoph Stephan (29.): Das, was der Bundestrainer gerne als „komplexe Biathlonleistung“ bezeichnet, bringt in Whistler einfach keiner in den Schnee. Eine Fahrkarte zuviel, natürlich vollkommen unnötig, ein paar Sekunden zu wenig, ein bisschen Pech. Ein Hätte, Wenn und Aber.

          Es ist – und da muss man den fünften Platz von Greis in der Verfolgung ausdrücklich ausnehmen – gehobenes Mittelmaß, was die deutschen Männer im Olympic Parc bislang zeigen. Wie fast schon die ganze Saison. Und die Kunst der Trainingssteuerung, die Ullrichs Männer bislang auch nach einer durchwachsenen Saison noch bei jedem Saisonhöhepunkt auf das Podest gebracht hat, diesmal droht sie zu scheitern. Es bieten sich nur noch zwei Gelegenheiten, das angekratzte Image der Biathlon-Macht Deutschland aufzupolieren. Der Massenstart am Sonntag beendet das olympische Individualprogramm im Biathlon, danach steht nur noch die Staffel auf dem Plan.

          Die Gefahr, diesmal leer auszugehen, ist gar nicht so klein. Zumal der Druck wächst. Das treibt DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller schon die Sorgenfalten in die Stirn. „Das ist natürlich traurig, wenn man vier Jahre immer dabei ist, und bei Olympia nicht. Das ist schon ein Wermutstropfen. Aber wir müssen es hinnehmen.“ Die Analyse steht noch aus. „Wir müssen sehen, woran es gelegen hat und wie es weitergeht.“ Es stehen ja ohnehin große Änderungen bevor. Frank Ullrich wird Ende der Saison aufhören, die Strukturen sollen geändert werden. Wer Ullrich kennt, weiß, dass ein so stumpfer Abschied an ihm nagt. Darum zum Schluss noch ein bisschen Optimismus: „Wir wollen immer noch zwei Medaillen“, sagt er, „es ist immer noch möglich.“ Theoretisch schon.

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