https://www.faz.net/-g8b-7marh

Abfahrt der Damen : Zwei Kämpferinnen - zwei Olympiasiegerinnen

  • -Aktualisiert am

Ab heute Schwestern: Dominique und Tina Gisin-Maze Bild: REUTERS

Erstmals in der olympischen Geschichte gibt es zwei Abfahrts-Olympiasiegerinnen. Dominique Gisin und Tina Maze haben beide viele Rückschläge überwunden vor dem Triumph.

          Dominique Gisin stand da, wo die Führenden stehen während eines Skirennens, in der „Leader Box“, und ihr Gesicht war ein Spiegel des Rennens, das vor ihr ablief. Mit Startnummer acht hatte die Schweizerin in der Abfahrt der Frauen am Mittwoch die Führung übernommen, und erst war da nur Freude gewesen und Erleichterung, über die gute Fahrt und über das grüne Licht auf der Anzeigetafel, das signalisierte: Dominique Gisin war die Schnellste.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mit jeder Fahrerin, die das Ziel erreichte, wurde die Befreiung dann größer, leuchteten die Augen noch stärker, und als die Mitfavoritin Lara Gut mit einer Zehntelsekunde Rückstand ankam, da schaute Dominique Gisin fast schon erschrocken und ungläubig. Weil ihr spätestens da dämmerte, wie dieser Tag enden könnte - mit dem ganz großen Knall. Mit Olympia-Gold.

          „Es war ein verrückter Tag“, sagte Dominique Gisin. Nicht so sehr, weil die 28 Jahre alte Schweizerin im Weltcup seit fünf Jahren keine Abfahrt mehr gewonnen hatte. Sondern, weil der ganz große Knall dann doch noch mal schwer in Gefahr geriet.

          Er hat das beste Bild: Kameramann mit Nahaufnahme der Golden Girls Tina Maze und Dominique Gisin Bilderstrecke

          Die Slowenin Tina Maze näherte sich mit Zwischenbestzeiten - war am Ende aber nach einem Fehler im Schlussteil im Ziel zeitgleich. Es war das erste Mal, dass in einem olympischen Skirennen zweimal Gold vergeben wurde. Bronze ging an Gisins Landsfrau Lara Gut. „Als Tina kam, hab ich weggeschaut“, sagte Dominique Gisin, „und als ich wieder hochgeschaut habe, stand da: 0,00. Ich gedacht: Das ist okay für mich.“

          Für Tina Maze schien es ebenfalls okay: Sie haute sich vor Freude mit beiden Fäusten auf den Helm, warf die Skibrille von sich, küsste den Schnee. „Davon habe ich geträumt, seit ich klein war“, sagte sie, und weil es nun endlich geklappt hatte mit dem ersten Winter-Olympiasieg für eine Slowenin und weil diese Freude ja irgendwohin musste, schnappte sie sich eine Handvoll Schnee, marschierte zur Leader Box und seifte Dominique Gisin erst mal richtig ein.

          „Es ist großartig“, sagte die 30 Jahre alte Maze, „Dominique und ich sind ziemlich gute Freundinnen, wir haben die gleiche Mentalität.“ Vielleicht, weil sie ähnlich hart kämpfen mussten für diesen Erfolg. Dominique Gisin verletzte sich vor zwei Jahren im Abfahrtstraining in Cortina d’Ampezzo am Meniskus im linken Knie, ohne gestürzt zu sein. Es folgte eine Operation, wieder mal, und das vorzeitige Saisonende. „Danach hatte ich große Mühe, im Rennen alles zu geben“, sagte die dreimalige Weltcup-Siegerin. Sie baute oft eine kleine Sicherheitsreserve ein, „aber so gewinnt man keine Rennen. Das war eine harte Zeit. Ich habe mich nicht mehr wie eine Athletin gefühlt.“

          Bei Olympia musste sie dann erst mal die teaminterne Qualifikation überstehen, und weil das im starken Schweizer Team nicht so einfach ist, musste sie dafür im Training, als die Olympia-Plätze ausgefahren wurden, konsequent Vollgas geben. Die engste Linie nehmen, so lange wie möglich in der Hocke bleiben. Sie musste genau das tun, „was es braucht, um Rennen zu gewinnen“, wie sie sagt. „Jetzt fühle ich mich wieder wie eine Athletin. Das ist mein schönster Sieg heute.“

          Zwei Kämpferinnen, zwei Rückkehrerinnen

          Kam dieses Gold für Dominique Gisin für viele überraschend, war das bei Tina Maze anders. „Ich wusste, dass sie hier gut fahren würde, weil die Strecke technisch sehr anspruchsvoll ist“, sagte die Amerikanerin Julia Mancuso, selbst nach fehlerhafter Fahrt nur Achte. Für Tina Maze hatte es in diesem Winter lange nach einer Seuchen-Saison ausgesehen, und das nach der Super-Saison im Vorjahr, als sie in 34 Rennen 24 Mal auf dem Podest stand und als Gesamtweltcupsiegerin 2414 Punkte sammelte, so viele wie nie ein Skirennfahrer zuvor.

          In dieser Saison aber jagte ein Rückschlag den nächsten, Tina Maze fuhr teilweise um Klassen schlechter, und eine Folge war, dass die unerschütterliche Selbstsicherheit, die sie zuvor ausgezeichnet hatte, zusehends schwand. Tina Maze ist eine Athletin, die, um ihre Höchstleistung zu bringen, das Gefühl und die instinktive Gewissheit braucht, dass alles passt: Form, Team, Trainer, Material. Diese Gewissheit fehlte ihr in dieser Saison.

          Hand in Hand zur Blumenzeremonie

          Ihr Skitrainer Livio Magoni war nach Italien gewechselt, zu seinem Nachfolger Walter Ronconi fand sie nicht den rechten Draht. So engagierte sie vor vier Wochen Knall auf Fall den Schweizer Mauro Pini - und wenig später gelang ihr in Cortina der erste Saisonsieg. „Wir mussten etwas ändern, es gab viele Dinge, die nicht so geklappt haben wie gewünscht“, sagte Tina Maze zum Trainerwechsel. „Es war riskant, aber ohne Risiko kannst du nichts gewinnen.“ Der Olympia-Start ging trotzdem daneben. In der Super-Kombination landete sie als aussichtsreiche Medaillenkandidatin auf Platz vier - ein Resultat wie ein Spiegelbild ihrer Saison. Zwei Tage später kam die Befreiung. „Ich kam zu Olympia, um Gold zu gewinnen“, sagte die Super-G-Weltmeisterin. „Und ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als die Abfahrt zu gewinnen.“ Trotz allem sei sie mit viel Zuversicht zu den Spielen gekommen, weil sie wusste, „Olympia ist eine andere Welt“, und weil sie sich in dieser Saison von vornherein ganz auf diese Welt konzentriert habe. „Auch deswegen bin ich nicht so gut im Weltcup gefahren“, sagte sie.

          Zwei Kämpferinnen, zwei Rückkehrerinnen, zwei Athletinnen, die wieder aufgestanden sind: Hand in Hand stiegen Dominique Gisin und Tina Maze am Mittwoch bei der Blumenzeremonie in der Zielarena auf das Siegerpodest. Es passte zu diesem verrückten Tag, dass beide ihre ersten Weltcup-Siege ebenfalls geteilt hatten - Tina Maze 2002 mit Nicole Hosp aus Österreich und Andrine Flemmen (Norwegen), Dominique Gisin 2009 mit der Schwedin Anja Pärson. „Das Glück“, sagte Dominique Gisin, „kommt immer zurück im Leben. Mal bist du auf der einen Seite, mal auf der anderen und mal in der Mitte, wie heute.“ Mitten im Glück - besser konnte man diesen Tag wohl nicht beschreiben.

          Lesen Sie jetzt 4 Wochen lang die F.A.Z. und die Sonntagszeitung im Olympia-Abo – klicken Sie bitte hier!

          Ski alpin, Damen, Abfahrt

          Gold:  Tina Maze (Slowenien) und Dominique Gisin (Schweiz) beide 1:41,57 Min.
          Bronze: Lara Gut (Schweiz) 1:41,67
          4. Daniela Merighetti (Italien) 1:41,84; 5. Fabienne Suter (Schweiz) 1:41,94; 6. Lotte Smiseth Sejersted (Norwegen) 1:42,01; 7. Edit Miklos (Ungarn) 1:42,28; 8. Julia Mancuso (USA) 1:42,56; 9. Nicole Hosp (Österreich) 1:42,62; 10. Ilka Stuhec (Slowenien) 1:42,65; ...13. Maria Höfl-Riesch (Partenkirchen) 1:42,74; 15. Viktoria Rebensburg (Kreuth) 1:42,76.

          Weitere Themen

          Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho Video-Seite öffnen

          Transfer-Neuzugang : Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho

          Auf dem Spielfeld während des Trainings suchte man ihn noch vergebens. Der FC Bayern hatte aber bestätigt: Er und der FC Barcelona haben grundsätzlich eine Einigung über einen Transfer von Philippe Coutinho nach München erzielt.

          Topmeldungen

          Nach Unwettern : Verkehr in Teilen Deutschlands gestört

          Ein starkes Unwetter sorgt in Teilen Deutschlands für Störungen und Ausfälle im Bahnverkehr. Auch auf vielen Autobahnen gibt es massive Behinderungen. Am Frankfurter Flughafen wird die Abfertigung zwischenzeitlich eingestellt.
          Hans Kammler (Mitte) auf dem Weg zu einer rüstungstechnischen Anlage bei Ebensee (1944).

          „Hitlers Geheimwaffenchef“ : Der verschwundene SS-General

          Hans Kammler gehörte zur engeren Führung des NS-Regimes. Er war mitverantwortlich für den Holocaust. Im Mai 1945 soll er Suizid begangen haben. Doch daran gibt es große Zweifel, wie das ZDF zeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.