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Silvia Mittermüller : Die letzte Abenteurerin des Snowboardens

  • -Aktualisiert am

Lebe den Moment! Silvia Mittermüller macht ihr Lebensmotto wahr. Bild: dpa

Silvia Mittermüller erfüllt sich mit der Olympia-Teilnahme ihren letzten Traum. Der Weg dorthin war hart. In der Vorbereitung auf die Spiele in Südkorea erhielt sie eine erschreckende Diagnose.

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          Freestyle-Snowboarden heute und Freestyle-Snowboarden vor zwanzig Jahren, das sind zwei verschiedene Geschichten. Die von heute erzählt von Stars, die ihre Tricks auf perfekten Schanzen üben, mit Protektoren aus dem Lager der Motocrosser, mit futuristischen Airbags und riesigen Luftkissen, falls beim Landeanflug mal was schiefgeht. Die neuen Stars sind keine Visionäre mehr, schon gar keine Rebellen, sie sind Besserverdiener und Hochleistungssportler, und manche sagen, die Seele des Snowboardens sei verlorengegangen auf dem Weg dorthin.

          Die alten Geschichten, sie erzählen von Idealisten und Abenteurern, von Frauen wie Silvia Mittermüller, die sich über selbstgebaute Schanzen und in windschiefe Halfpipes warfen und aus dem Geist des Skateboardens einen neuen Sport erfanden, der anders sein sollte als das müde gewordene Skifahren der Väter: lässig und cool, voller Ideen und Freiheit. Silvia Mittermüller ist heute 34 Jahre alt und betreibt Snowboarden immer noch als „Herzblutsport“, und wenn sie dieses Wort ausspricht, klingt es immer ein bisschen wie eine Liebeserklärung. Man könnte sagen, Silvia Mittermüller ist übrig geblieben aus den alten Zeiten, aus den alten Geschichten.

          Seit vielen Jahren ist sie die beste deutsche Freestylerin, auch deshalb ist sie immer weitergefahren, auch dann, als das Snowboarden als Wettkampfsport in den Mainstream abrutschte, immer professioneller wurde, immer herzblutleerer. Sie ist auf Distanz zu den Verbänden gegangen und ist es geblieben. Weil sie immer die Beste war, haben sich die anderen mit ihr arrangieren müssen, nicht sie mit ihnen. Einzelkämpferin, Freigeist, Hippie-Mädchen – man hat sie mit vielen Etiketten versehen, aber natürlich wird man ihr damit nicht gerecht. Silvia Mittermüllers Persönlichkeit hat viele Facetten, ist voller Talente, Pläne, Fragezeichen. Sie hat ein Einser-Abitur und eine klassische Ballett- und Klavierausbildung.

          Die Verbände haben es nicht leicht gehabt mit ihr. Aber auch Silvia Mittermüller ist Kompromisse eingegangen. Um sich den letzten Traum zu erfüllen, der ihr in der langen Karriere geblieben war, die Teilnahme an den Olympischen Spielen, hat sie im Sommer 2016 eine dieser Pseudostellen bei der Bundeswehr angenommen, das bringt finanzielle Sicherheit, aber ihre deutliche Kritik an Verbänden und unfähigen Trainern hat sie sich damit nicht abkaufen lassen.

          Ihr Traum von Olympia wird sich in Südkorea erfüllen – wenn sie gesund wird. Sie liege mit Fieber im Bett, teilte die Münchnerin am Sonntag mit. „Ich hoffe, es geht bis zum Finale morgen weg“, schrieb Mittermüller auf Twitter. Die 34-Jährige hatte am Sonntag durch die Wetter-Kapriolen ohne Qualifikation das Finale erreicht. Wegen der Absage des Vorausscheids dürfen alle teilnehmenden Damen im Finale an diesem Montag (2.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia und bei Eurosport) antreten, das mit zwei statt mit drei Läufen durchgeführt wird. Mittermüller ist als einzige deutsche Snowboard-Freestylerin für Pyeongchang qualifiziert.

          Es war ein harter Weg dorthin. „Ich habe gewonnen, allein weil ich hinfahre“, sagt sie, und was wie eine Platitude klingt, ist die Wahrheit, denn um ein Haar hätte die Münchnerin Olympia wiederum verpasst, nachdem vor vier Jahren ein Abriss der Achillessehne das Aus bedeutet hatte. Diesmal war sie Ende September in Neuseeland während des Trainings auf den Kopf gestürzt und hatte die Besinnung verloren. Die Ärzte entließen sie mit der Diagnose „Gehirnerschütterung“, sie reiste per Anhalter zum Flughafen, flog heim nach München, trank auf dem Oktoberfest zwei Maß Bier, stellte sich tags darauf einem Neurologen vor, weil sich ihr Zustand verschlechtert hatte, und bekam eine neue, erschreckende Diagnose: Hirnblutung.

          Sechs Wochen musste sie absolute Ruhe halten, nicht einmal lesen durfte sie. Drei Kreuzbandrisse hatte sie in den Jahren zuvor weggesteckt, aber diesmal war es schlimmer. Sie hatte keine Zeit mehr. Kaum waren die sechs Wochen um, versuchte sie – man kann es verrückt nennen – die Olympiaqualifikation noch irgendwie zu schaffen. Innerhalb von fünf Wochen sprang sie in Europa, Amerika und China bei vier Big-Air- und Slopestyle-Wettkämpfen über die Schanzen. Wäre sie wieder auf den Kopf gestürzt – man mag über die Konsequenzen nicht nachdenken. Lebe den Moment, pflegt Mittermüller zu sagen. Und denke nicht immer daran, was passieren könnte. Es passierte nichts. Es ging gut. Vor dem letzten Weltcup in Laax lag sie gerade so unter den besten 30 der Weltrangliste, das war die internationale Norm, die sie erfüllen musste. Dann fiel der Wettkampf wegen schlechten Wetters aus, und sie hatte es geschafft, keine Konkurrentin konnte sie mehr überholen. Nun steht Silvia Mittermüller beim Slopestyle in Südkorea am Start, wenn sich die Erkältung legt. Bei Olympia. Eine der schönen alten Snowboard-Geschichten neigt sich ihrem Ende zu.

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