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Olympische Eröffnungsfeier : Ausgerechnet Schwanensee

Leicht, elegant, beschwingend. Aber gerne Bild: AFP

Zum Start in Sotschi gibt es Tschaikowskis Schwanensee. Leicht, elegant, beschwingend. Aber gerne. Doch ausgerechnet, nachdem der frühere KGB-Offizier Wladimir Putin die Spiele eröffnet hat?

          Doch, Überschwang geht auch in Sotschi, ein bisschen wenigstens. Als die olympische Eröffnungsfeier um kurz vor elf am Freitagabend zu Ende ging, da hatten viele der jungen Olympia-Helfer in ihren bunten Anzügen einen großen Auftritt. Dazu brauchte es gar nicht viel, außer: ein bisschen Ausgelassenheit und ein paar Megafone.

          „Liebe Freunde“, rief eine Helferin in die Menge, als die Zuschauer in den Olympiapark strömten, „liebe Freunde, wer die Abkürzung nehmen will: rechts rum. Alle anderen: habt auch Spaß!“ Ein paar Meter weiter standen etwa zehn Volunteers, die es schafften, gleichzeitig Fotos mit ihren Handys von sich und den Zuschauern zu schießen, der Arbeit nachzukommen und ein bisschen zu feiern.

          Das alles wirkte so locker, wie die – von vielen Sportlern gelobte – Eröffnungsfeier begonnen hatte, bevor sie im Laufe der zweieinhalb Stunden mehr und mehr von Pomp, Schwere und beunruhigenden Untertönen erstickt wurde. Das kleine Mädchen Ljubow (russisch für Liebe) sollte einen unverstellten Blick auf ihr Russland werfen und der Welt die „feminine Seele“ des Landes zeigen, so hatte sich Regisseur Konstantin Ernst, Generaldirektor des russischen Staatsfernsehens, das gedacht.

          Und dann? Öffnete sich alsbald eine Schneeflocke nicht zum fünften Olympischen Ring. Kein Problem, sollte man meinen, schweben eben vier Ringe und eine Flocke aus dem Stadion, niemand ist perfekt, auch die Russen nicht – auch wenn später noch zurückgegriffen werden sollte auf die gigantomane Symbolik des leninistisch-stalinistischen Strebens nach dem idealen Menschen.

          Das sollte anders aussehen: Vier Ringe sind zu sehen, einer bleibt eine Flocke Bilderstrecke

          „Ein Streifzug durch die russische Geschichte“, lobte Michel Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), die Erzählung der russischen Historie. Nur von den Abermillionen Toten, den Opfern des Staatsterrors unter Stalin war nichts zu sehen, obwohl Olympia ja als Beispiel für die Möglichkeit einer friedlichen Gesellschaft dienen solle, wie Thomas Bach später sagte.

          Bach sagte ohnehin viel, er sprach lange, nutzte seine erste Rede bei einer olympischen Eröffnungsfeier, um der Welt sein Programm als IOC-Präsident vorzustellen und zeigte der Weltöffentlichkeit geschickt, dass er die Kritik an den Spielen in Sotschi wahrnimmt. Ausgebeutete Wanderarbeiter? Er dankte den Arbeitern für ihre „großen Anstrengungen unter manchmal schwierigen Bedingungen“.

          Fünf Ringe dank des Staatsfernsehens

          Homophobie? Die Spiele zeigen, dass man tolerant und „ohne Diskriminierung, gleich aus welchen Gründen“ zusammen leben könne. Das waren die Worte, von denen kein russischer Homosexueller freier lebt und die keinem längst abgeschobener Arbeiter noch ausstehenden Lohn bescheren. Aber Bach hat sie gesagt, die Welt kennt ihn jetzt als dynamisches Gegenbild zu seinem maskenhaft wirkenden Vorgänger Jacques Rogge.

          Aber zurück zur Flocke, die da aus dem Stadion schwebte und der Show des Zeremonienmeisters Ernst zunächst einen sympathischen Makel zu geben schien. Allein: Den versprochenen unverstellten Blick auf die weibliche Seele von Mutter Russland sahen die Zuschauer im Stadion, die Zuschauer in der ganzen Welt am Fernseher. Nur die Zuschauer im russischen Staatsfernsehen nicht. Sie bekamen, der zeitversetzten Übertragung sei dank, Aufnahmen aus der Generalprobe, also fünf Ringe.

          Ziel sei die „perfekte Show“ gewesen, die habe man den russischen Zuschauern bieten wollen, erklärte das Staatsfernsehen. Das Streben nach dem idealen Menschen, nach den perfekten Bildern, es legte sich nach und nach wie Mehltau auf diese zweieinhalb Stunden. Aber dann kamen die Untertöne aus der Hochkultur. Tschaikowskis Schwanensee? Leicht, elegant, beschwingend. Aber gerne.

          Doch ausgerechnet, nachdem der frühere KGB-Offizier Wladimir Putin die Spiele eröffnet hat? Auf sozialen Netzwerke kursierten schnell Nachrichten kritischer Geister, die an den 19. August 1991 erinnerten, als acht Revisionisten aus der alten Elite des sowjetischen Kommunismus, unter ihnen der KGB-Chef Wladimir Krjutschkow, Panzer auf Moskaus Straßen rollen ließen, um Michail Gorbatschow zu entmachten.

          Putins Olympische Spiele haben begonnen

          Während die Panzer rollten, spielte das sowjetische Staatsfernsehen einen Tag lang – Schwanensee. Das Volk stellte sich damals gegen den Putsch, ein großer Moment in der politischen Geschichte Russlands. Am 20. August 1991 schied Wladimir Putin aus dem KGB aus. Russland wurde ein neues Land, in dem Putin erst Geheimdienstchef, dann Präsident wurde. Und 23 Jahre nach dem gescheiterten Putsch der Hardliner hat Russland einen Präsidenten, der seinen Fernsehchef die Bilder der Show zensieren und auf seinen Auftritt Schwanensee folgen lässt.

          Putins Olympische Spiele haben begonnen.

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