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Olympia-Kommentar : Verbieten und verbiegen

Schweigsamer Herr der olympischen Ringe: Erst zum Abschluss spricht auch IOC-Präsident Thomas Bach Bild: AP

Die Olympische Familie ist stolz auf Emotionen. Ernste Fragen zu Trauer und Politik beantwortet sie aber nicht zufriedenstellend. Erst an diesem Sonntag äußerst sich IOC-Präsident Thomas Bach erstmals.

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          Die Spiele von Sotschi sind gerade drei Tage alt, da betritt Christophe Dubi die Bühne des „Puschkin“-Saals im Medienzentrum von Sotschi. Dubi ist Schweizer, Sportdirektor des Internationalen Olympischen Komitees, stellvertretender Generaldirektor, und er soll jetzt mal beurteilen, wie er den neuen Wettbewerb Slopestyle findet.

          Neben ihm sitzt Sotschis erster Olympiasieger, der amerikanische Slopestyle-Snowboarder Sage Kotsenburg. „Wir haben das Verlangen nach den ultimativen Emotionen. Seit der Eröffnungsfeier gibt es bei jedem Event volle Pulle Emotionen. Wir hatten echt Gänsehaut bisher, dank so toller Typen wie Sage. Unser Barometer sind unsere Kinder, ich habe einen Elfjährigen, und ich sage Ihnen, der ist super aufgeregt, der guckt das im Fernsehen, im Internet, das ist wichtig.“

          Volle Pulle Emotionen. Ein paar Snowboarderinnen wollten beim Gänsehaut-Event Slopestyle am Tag nach Kotsenburgs Sieg an die vor zwei Jahren im Training zu Tode gestürzte Kanadierin Sarah Burke erinnern, sich einen Sticker mit Burkes Gesicht an den Helm kleben. Sie durften es nicht, die Sache wird zum Thema in dieser Pressekonferenz. Eine Reporterin fragt nach dem Grund des Verbots. Mark Adams, der IOC-Sprecher, der neben Dubi sitzt, muss jetzt erklären, welche Emotionen in den Wettkampf gehören, das IOC hat sich dazu Gedanken gemacht. „An Sarah muss erinnert werden, das ist uns sehr wichtig. Der Wettkampf ist für uns nicht der richtige Ort für so etwas, das ist eine Feierstätte. Wir finden, dass das getrennt werden muss.“

          Kurz darauf wird der Fall der norwegischen Langläuferinnen publik, die in Erinnerung an den toten Bruder einer Mannschaftskameradin mit Trauerflor gelaufen sind. Sie wurden abgemahnt vom IOC, schriftlich. Trauerflor, die Sache hält sich, es ist das Thema der Spiele, mit dem niemand gerechnet hatte.

          Unterschiede in der Trauer

          Man hatte mit vielem gerechnet, jeden Olympiamorgen um elf betritt Adams die Bühne des „Puschkin“-Saals, und er muss Fragen beantworten, mit denen zu rechnen war, weil sie Sotschi zu einem so unangenehmen Ort machen: Verhaftungen, Umweltzerstörung, Arbeiterausbeutung, Menschenrechtsverletzungen, Arbeitslager, Polizeigewalt, Kosaken, die „Pussy Riot“ mit Pferdepeitschen schlagen, streunende Hunde, Probleme mit den Hotelzimmern, Eiskunstlaufskandale. Adams beantwortet die meisten dieser Fragen, ohne sie zu beantworten, denn vieles habe entweder nichts mit den Spielen zu tun oder sei nicht Sache des IOC. Aber mit dem Trauerflor hatte anfangs wirklich niemand gerechnet, er hat sich gewissermaßen um die anderen Themen der Spiele gewickelt.

          In der zweiten Olympiawoche heißt es erst, ein Antrag des ukrainischen Nationalen Olympischen Komitees sei abgelehnt worden, angesichts des Blutbads auf dem Majdan in Kiew und anderen Opfern des Aufstands im Nachbarland mit Trauerflor starten zu dürfen. Warum ist es den Ukrainern verboten worden? „Es ist ihnen nicht verboten worden“, sagt Adams, „es gab ein informelles Treffen, und man hat übereinstimmend festgestellt, dass es andere Wege gibt, dieses Moments zu gedenken. Den Athleten wurde nie verboten, Trauerflor zu tragen.“

          Nun will man wissen, wo der Unterschied liegt zwischen ukrainischen Sportlern, die Opfern der Gewalt in ihrem Land gedenken, und norwegischen Sportlerinnen, die einen privaten Trauerfall verarbeiten wollen, aber diese Frage wird während dieser Spiele nicht mehr geklärt. „Was wäre passiert, wenn die Ukrainer mit Trauerflor gestartet wären?“ Antwort: „Das ist eine hypothetische Frage.“ Sergej Bubka, der frühere Stabhochsprung-Olympiasieger, IOC-Vorstandsmitglied und Chef des Olympischen Komitees der Ukraine, sei der Ansicht, sagt Adams, am besten sei es, die Mannschaft zeige sich einig, als Beispiel für Wiedergutmachung, aber wer nach Hause fahren wolle, werde nicht aufgehalten.

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