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Olympia-Kommentar : Unnötige Risikobereitschaft

  • -Aktualisiert am

Glück im Unglück: Dominique Gisin Bild: AP

Ein Vergleich der Zustände auf der olympischen Abfahrtspiste mit den Gefahren in der Bob- und Rodelbahn verbietet sich. Auf das Wetter haben die Kanadier keinen Einfluss. Auf den Bau des Eiskanals aber sehr wohl.

          Abfahrtspisten werden gerne spektakulär präpariert. In Europa ist das schon länger aufgefallen. In Kanada, noch dazu in Whistler, sollte das niemanden überraschen. Hier fahren selbst die Freizeitsportler wie Freestyler, springen abends bei Dunkelheit Halbstarke atemraubende Kunststücke durch brennende Ringe bis fast auf die Tische der Bistros. Im Land der Crazy Canucks, die als durchgeknallte Abfahrtsläufer in der Alten Welt eine Attraktion waren, gehört das Spiel ohne Netz und doppelten Boden zum Programm. Risiko muss sein.

          Von dieser Lebenseinstellung unter Freeridern darf man aber nicht auf die Geisteshaltung der Pistenchefs schließen. Der Abfahrtskurs für die Damen ist nicht per se zu schwer gewesen. Erst die widrigen Umstände haben dem Terrain über Nacht eine Härte verliehen, die viele Rennläuferinnen überrascht, manche ausgehebelt, die meisten verunsichert hat. Das lag vor allem an dem unzureichenden Training.

          Ein halbe Tour ist zu wenig, wenn man auf zwei Brettern ohne Knautschzone mit Tempo hundert zu Tale jagen soll. Es ist auch nicht zu akzeptieren, dass eine gestürzte Athletin nach einer langen Rutschpartie bis zum Rand der Piste noch einmal durch eine Mulde schießt und hochgeschleudert wird. Der scharfkantige Ski von Dominique Gisin löste sich dabei und kreiste über ihr wie das Rotorblatt eines Hubschraubers. Eine vermeidbare Gefahr. Die nachlässige Präparierung hätte fatale Folgen haben können.

          Trotz zahlreicher Warnungen

          Ein Vergleich der Zustände auf der Abfahrtspiste mit den Gefahren in der olympischen Bob- und Rodelbahn aber verbietet sich. Auf das Wetter hatten die Kanadier, bei allem Respekt, keinen Einfluss. Auf den Bau des Eiskanals aber sehr wohl. Sie wollten den schnellsten der Welt. Sie haben ihn bekommen.

          Und trotz zahlreicher Warnungen von Trainern und Athleten ist bis zu dem tödlichen Unfall des georgischen Rennrodlers am vergangenen Freitag kaum etwas zur Entschärfung getan worden. Mit Sorge schauen Experten auf die am Samstag beginnenden Bob-Wettbewerbe, besonders auf die Rennen der Vierer zum Ende der Spiele. Viele Stürze während der ersten Trainingsfahrten im kleinen Schlitten bestätigten die Einschätzungen.

          Aufrechte Haltung: Mehr Überblick und Sicherheit

          Zweifellos muss man erwachsenen Athleten eine gewisse Selbstverantwortung zugestehen. Auch wenn der Druck von Offiziellen, Sponsoren, die eigene Erwartungshaltung einen großen Widerstand bietet: Sie alle können bei alpinen Hochgeschwindigkeitsrennen selbst entscheiden, ohne gleich vom Wettbewerb zurücktreten zu müssen.

          Beim Speedrennen der Frauen hat man gesehen, dass nicht alle alles für ein Stück Edelmetall oder eine bessere Plazierung riskierten. Eine aufrechte Haltung garantiert meistens schon etwas mehr Überblick und Sicherheit. Das ist der große Unterschied zur Tour im Eiskanal. Dort kann man mal den Kopf heben, aber nicht wesentlich bremsen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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