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Olympia in den Bergen : Vorne bunt, hinten tot

  • -Aktualisiert am

Ist das hier nur eine Attrappe? Gorki Village Bild: Michael Eder

Kaum Menschen, keine Stimmung, null Charme: In den olympischen Orten Gorki Village und Krasnaja Poljana erscheinen die Gebäude wie Attrappen. Zu retten sind die Spiele hier nur durch eines - den Sport.

          5 Min.

          Die erste Enttäuschung gleich am Anfang. Flughafen Sotschi. Raus aus der Maschine einer zweifelhaften Airline, rein in den internationalen Flughafen Adler. Und selbstredend nur das Schlimmste im Sinn. Olympia in Russland, Sicherheitswahn, Terrorgefahr, ewiges Warten, üble Schikanen, Fingerabdruckscanner, kurzum: Zustände wie auf einem New Yorker Airport.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Doch dann: Der Mann in Uniform nimmt den Pass am Schalter, betrachtet ihn und fragt: „Wie heißt du?“ Die Antwort fällt offenbar zufriedenstellend aus, jedenfalls hält man nach einer Minute seinen Pass schon wieder in den Händen. „Viel Spaß in Sotschi!“ Viel Spaß? In Sotschi? Fünf Minuten später ist das Gepäck da, zehn Minuten später die Akkreditierung erledigt, fünfzehn Minuten später sitzt man im Bus. Sicherheitskontrollen? Null. Erstaunlich. Alles halb so wild? Streik?

          Die Sorge, dass sich der Billigflieger verflogen haben könnte, zerstreut sich bald. Die nagelneue, leere Straße, die der Bus hinaufrollt, führt an einem Flussbett entlang, in dem kilometerlang riesige Betonpfeiler stehen. Auf ihnen führt die Bahntrasse fast 50 Kilometer hinauf nach Krasnaja Poljana und Rosa Khutor, wo die Schneewettbewerbe der Spiele ausgetragen werden.

          Das Tal des Flusses Msymta ist konsequent zerstört, wir sind richtig, willkommen bei Putins Spielen! Der Bus brummt ohne Überprüfung in den Ort, und die Insassen werden in Krasnaja Poljana in eine Seilbahn verladen und ins Gorki Village gebracht, einen neuen Ortsteil auf 960 Meter Höhe, der aus verschiedenen Hotelkomplexen besteht.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Die Stimmung, die hier herrscht, ist nicht gerade überschäumend, das stellt sich am nächsten Morgen heraus, als auf dem zentralen Platz unterhalb der Endstation der Seilbahn ein DJ fleißig am Plattenteller dreht, die Beteiligung jedoch zu wünschen übrig lässt. Der Einzige, der stehen bleibt, ist ein roter Mülleimer. Mehr Betrieb ist nicht. Die Gassen sind rund um die Uhr wie leergefegt, die paar Journalisten verlieren sich schon in einer der riesigen Hotelhallen.

          Ab und zu trifft man wenigstens einen Fotografen auf der Suche nach Motiven, etwa skandalösen Zuständen in Hotelzimmern. Doch im Gorki Village sind die Journalistenhotels, im Gegensatz zu Sotschi, zumindest innerlich weitgehend fertiggestellt. Bei aller Kooperationsbereitschaft ist deshalb nur von Mini-Skandalen zu berichten, einem fehlenden Kleiderbügel zum Beispiel. Nichts also für das Sportfoto des Jahres.

          Ist das hier alles echt oder nur Kulisse?

          Überhaupt taugt das Gorki Village kaum für Fotos, alles sieht aus wie die Staffage eines Hollywoodfilms, zu dem die Crew noch nicht angereist ist. So als hätte man auf die Schnelle eine Hotelattrappe hingestellt, in der später mal ein Monumentalschinken gedreht wird, wenn es sich die Produktion nicht noch anders überlegt.

          Beim Gang durch die Gassen ist man sich tatsächlich nicht sicher, ob das alles echt ist, und man prüft erst einmal, ob auf der anderen Seite der Fassade möglicherweise diese Stangen stehen, die dafür sorgen, dass nicht alles in sich zusammenfällt. Aber ist tatsächlich alles echt und ernst gemeint. Bloß noch nicht ganz fertig.

          Das Deutsche Haus steht auch in den Bergen von Krasnaja Poljana

          Die Hotelhalle ist interessant wie alles hier. Ständig fährt jemand auf und ab mit einem Wagen, der aussieht wie jene, mit denen man in den Pausen eines Eishockeyspiels das Spielfeld aufbereitet. Hier aber ist das Wägelchen dafür da, den weitläufigen Marmorboden zu polieren.

          Der ist spiegelglatt, im Prinzip könnte man auf ihm auch die olympischen Eiskunstlauf-Entscheidungen veranstalten, Jewgeni Pluschenko jedenfalls würde sich hier gut machen. Allerdings stünde ihm der schwarze Flügel im Weg, der mitten in der Halle ruht, einsam und verloren. Er hat Symbolcharakter, möchte man meinen: Der Flügel ist da, aber keiner, der auf ihm spielen kann.

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