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Skispringer Schlierenzauer : Der „Herr der Lüfte“ ist im Sinkflug

  • -Aktualisiert am

Für Gregor Schlierenzauer gab es zuletzt nicht viele Lichtblicke. Bild: Reuters

Gregor Schlierenzauer, der Seriensieger von einst, hat den Anschluss an die Spitze verloren – und muss sich neu erfinden. Doch bei Olympia muss er den nächsten Rückschlag hinnehmen.

          3 Min.

          Er besitzt eine große Vorstellungskraft. Und doch ist vieles anders als zuvor gedacht. Gregor Schlierenzauer hat Neuland betreten. Das Land Südkorea war ihm bis vor wenigen Tagen nur vom Hörensagen bekannt, anders als mancher Kollege verzichtete er in den vergangenen Monaten auf die Gelegenheit, sich mit einer Stippvisite von den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen. Der Österreicher, der wegen einer Knieverletzung, die er sich im Training Ende Oktober zugezogen hatte, verspätet in die Saison einstieg, musste zuletzt andere Schwerpunkte setzen, um mit einem „guten Gefühl“, von dem er noch bei der Abreise gesprochen hatte, in Pyeongchang loslegen zu können. In den stürmischen Bergen hat sich dieses in Windeseile verflüchtigt: Erstmals in seiner Karriere ist Schlierenzauer bei einem internationalen Großereignis, bei denen er sonst als Top-Favorit antrat, Außenseiter.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Der Seriensieger von einst, der mit 53 Weltcup-Erfolgen eine Bestmarke setzte, die ihm so schnell keiner wegnehmen wird, wirkte nach dem Auftakt auf der Normalschanze alles andere als glücklich. Aus dem „Herren der Lüfte“, wie er zu seiner Hoch-Zeit von der Konkurrenz respektvoll betitelt wurde, ist ein unsteter Wackelkandidat geworden, der sich in Regionen des Klassements wiederfindet, die bei seiner wiederholt demonstrierten Klasse früher unvorstellbar waren. In der vergangenen Samstagnacht, als sich Andreas Wellinger zum Gold-Gewinner krönte, landete Schlierenzauer auf dem 22. Platz. Was er nicht verlor, ist eine beachtenswerte Offenheit, mit der er schon immer über sich und sein Metier sprach; was ihm früher von abgehängten Konkurrenten als Arroganz ausgelegt wurde und heute bisweilen mitfühlende Reaktionen auslöst: „Es ist emotional nicht einfach“, räumte der Tiroler ein, dessen erfreulichstes Resultat in diesem Winter, beim Auftakt der Vierschanzentournee in Oberstdorf, der 13. Rang war.

          Wiederholt verpasste der sechsmalige Weltmeister sogar die Qualifikation fürs Finale. „Ich kann es nicht mehr hören, dass es im Training funktioniert, dann aber im Wettkampf nicht. Wenn etwas auf dem Spiel steht und der Schuss ausgerechnet dann nach hinten losgeht – das ist die Hölle“, lautet sein unbefriedigendes Zwischenfazit. An Selbstvertrauen mangele es ihm nicht, sagte Schlierenzauer, der im Interview mit dem ORF seine Situation mit der eines Tennisspielers verglich, der sich mit der Schlaghärte schwertue: „Wenn man draufhaut und der Ball immer knapp im Aus landet, hat man im Wettkampf ein Problem. Schupft man im Training den Ball nur hin und her, dann bleibt er im Feld, aber man wird auf diese Art schwer ein Turnier gewinnen.“

          Schlierenzauer besaß über Jahre eine Ausnahmestellung, der er sich bewusst war – und die er auf eine selbstbewusste Art und Weise genoss. Bei den (weiblichen) Fans in der Heimat kam das gut an, im Kreis des Österreichischen Skiverbandes mitunter eher weniger, was das Teamwork schwierig machte. Ende 2015 mehrte das 54 Kilo schwere Leichtgewicht mit zweideutigen Aussagen Spekulationen, er sei am Burnout-Syndrom erkrankt, vermied es aber, konkreter zu werden. Er begründete plötzlich auftretende Leistungsschwankungen mit „Motivationsschwierigkeiten“ und „Antriebslosigkeit“. Und es kam noch unerfreulicher: Beim Versuch, im Frühjahr 2016 wieder einzusteigen und auf eigene Faust eine gesundheitliche Basis zu schaffen, riss ihm bei einem Privattrip in Kanada beim Skifahren das Kreuzband.

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