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Olympia-Eröffnungsfeier : Der kuriose Auftritt von Tongas Fahnenträger

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Pita Taufatofua aus Tonga mit nacktem Oberkörper und gut eingeölt war der Hingucker im Stadion. Bild: Rob Schumacher-USA TODAY Sports

Die Winterspiele 2018 sind eröffnet, das olympische Feuer brennt. Die Eröffnungsshow in Pyeongchang ist bunt. Einer aber fällt besonders auf. Pita Taufatofua aus Tonga kommt halbnackt – nicht zum ersten Mal.

          Genau wie bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro ist Pita Taufatofua auch zum Auftakt der Winterspiele in Pyeongchang halbnackt mit eingeölter Brust ins Stadion eingelaufen. Trotz Temperaturen von drei Grad unter Null kam der 34-Jährige aus Tonga am Freitag unter dem Jubel der Fans mit freiem Oberkörper, im Bastrock und mit Flip-Flops in die Arena. Berühmt wurde der Ski-Exot, der vor zwei Jahren noch beim Taekwondo angetreten war, für seinen Einlauf ins Maracanã-Stadion, als er die Delegation seines Landes anführte und die Fahne des Südsee-Staates auch schon mit nacktem Oberkörper trug. In Pyeongchang trug er abermals die Fahne und freute sich sichtlich über den Jubel der ansonsten eher zurückhaltenden Zuschauer.

          Eigentlich hatte Taufatofua angekündigt, bei seiner zweiten Olympia-Teilnahme bekleidet ins Stadion einzulaufen. „Ich will ja bei meinem Rennen noch am Leben sein“, hatte der 100-Kilo-Mann gesagt. Der „Coconut Fighter“ ist als zweiter Tongaer überhaupt bei Winterspielen dabei und wird im Langlauf an den Start gehen. Für eine wettbewerbsfähige Ausrüstung sammelte Taufatofua in den vergangenen Monaten Spenden.

          Taufatofua ist nicht der einzige Sportler aus einem Land, das man nicht sofort mit Wintersport in Verbindung bringt. Erstmals sind sogar Athleten aus dem heißen Eritrea, Nigeria und Malaysia dabei. Insgesamt kommen sogar 2900 Teilnehmer aus 92 Nationen – und trotzdem ist die Frage: Trifft sich bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang tatsächlich die Jugend der Welt, wie es so schön heißt? Oder ist es nur eine elitäre Veranstaltung einiger Länder, wo es Schnee und Eis gibt – aufgepeppt durch ein paar Exoten?

          Die Türkei beispielsweise schickt gerade mal acht Sportler nach Südkorea, darunter einen, der nur durch seine Herkunft bei der Vierschanzentournee für Aufsehen sorgte: Fatih Arda Ipcioglu konnte sich vor Interview-Anfragen kaum retten und genoss den Rummel sichtlich: „Es fühlt sich großartig an, hier zu sein.“ Ansonsten an der Schanze: Norweger, Österreicher, Finnen, Deutsche, Österreicher, Slowenen, Polen. Amerika ist – weniger erfolgreich – durch die Vereinigten Staaten vertreten, Asien – etwas erfolgreicher – durch Japan.

          Beim Eishockey ist Südkorea mit seiner Wildcard schon ein Exot, ansonsten flitzen nur Teams aus Europa und Nordamerika hinterm Puck her. Beim in Deutschland so populären Biathlon ist der Gastgeber mit einem Sechs-Mann-Team vertreten, davon sind allerdings drei eingebürgerte Russen. Starter aus Lateinamerika, Afrika und Ozeanien – Fehlanzeige. Eisschnelllauf ist in Afrika und Südamerika etwa so populär wie hierzulande das vielzitierte Hallen-Halma. Und für Exoten liegen die Qualifikationsnormen einfach zu hoch. Deutschlands „Sportler des Jahres“ Johannes Rydzek kommt aus einer Disziplin, bei deren Weltcup-Wettbewerben gerade mal 15 Nationen am Start sind, davon 13 aus Europa. Selbst in der Schweiz gibt es nur einen Nordischen Kombinierer auf internationalem Niveau: Tim Hug finanziert seinen Sport allerdings mehr oder weniger selbst.

          Kim Yu-na durfte das olympische Feuer entzünden – nach einer kleinen Show auf dem Eis. Bilderstrecke

          Rodeln wird weltweit nur von etwa einem Dutzend Nationen ernsthaft betrieben. Auch der Bobsport findet – alleine schon mangels Material und Eiskanälen – international nur ein begrenztes Interesse. In Pyeongchang startet allerdings neben einem Team aus Nigeria 30 Jahre nach dem berühmten Auftritts des jamaikanischen Vierers erstmals ein Frauenteam von der Karibikinsel. Sandra Kiriasis, die dreimalige Weltmeisterin aus Sachsen, trainiert Pilotin Jazmine Fenlator-Victorian und Anschieberin Carrie Russell. „Cool Runnings“, der Kultfilm um den Bob von Calgary 1988, hatte alleine im Kino über 150 Millionen US-Dollar eingespielt. Dudley Stokes, der Pilot von damals und heute ein Art Mädchen für alles beim neuen Team Jamaika, erklärte, das man mittlerweile in den „german mode“ („deutschen Modus“) gewechselt sei: „Arbeiten, arbeiten, arbeiten! Wir haben uns eine andere Einstellung verschafft“, sagte der 54-Jährige der „Süddeutschen Zeitung“.

          Im Ski alpin gilt schon der britische Slalom-Spezialist Dave Ryding als Exot. Allerdings wird während Olympia wohl öfter Sabrina Simader im Fernsehen zu sehen sein: Die 19 Jahre alte, in Österreich aufgewachsene Speed-Fahrerin ist die erste Frau Kenias bei Winterspielen; bislang hatte sich nur der frühere Mittelstreckenläufer Philip Boit 1998, 2002 und 2006 in die Loipe gestürzt. „Am Anfang haben mich alle angestarrt – okay, eine dunkelhäutige Skifahrerin erregt immer Aufmerksamkeit. Aber als meine Rennen besser wurden, war das vorbei“, sagte Simader.

          An einer Ausdauersportart wie Langlauf versuchen sich inzwischen auch Nationen wie Ekuador (mit Klaus Jungbluth Rodriguez) und eben Tonga: Pita Taufatofua war bei den Sommerspielen in Rio de Janeiro noch im Taekwondo angetreten. Im Skeleton geht Akwasi Frimpong für sein Geburtsland Ghana an den Start, der einst als illegaler Einwanderer in den Niederlanden lebte. Durch Sportler-Importe verschieben sich die Grenzen ohnehin: So hat sich Israel mit Sportlern aus ehemaligen Sowjetrepubliken zu einer Eiskunstlauf-Nation gemausert. Einen Medaillensegen für Wintersport-Nationen außerhalb von Nordamerika, Europa und vereinzelt Asien wird aber auch Pyeongchang nicht erleben.

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