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Oberkörperfreier Fahnenträger : Langlauf bis die Zähne klappern

  • -Aktualisiert am

Pita Taufatofua aus Tonga ging in Pyeongchang als Langläufer an den Start – bei den Olympischen Sommerspielen in Rio trat er noch im Taekwondo an. Bild: Reuters

Bei der Eröffnungsfeier verzückte er noch mit nacktem Oberkörper. Auch sportlich hat Pita Taufatofua, der Langläufer aus Tonga, sein Ziel erreicht: „Keinen Baum mitnehmen und nicht Letzter werden“.

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          Eines mal vorweg: Bei der Eröffnungsfeier hat er eine noch bessere Figur gemacht. Als Fahnenträger. Da war er der Hingucker. Denn auf die Fahne von Tonga hat keiner geachtet, weil der Bursche todesmutig mit nacktem Oberkörper auftrat, wo doch der schneidend kalte Wind auch durch fünf, sechs Textilschichten glatt durchgeht. Das bisschen Öl auf der Haut bietet ja keinen Schutz. Diesen spektakulären Auftritt, mit dem er vor allem die koreanische Frauenwelt in Verzückung versetzt hat, hat Pita Taufatofua immerhin unbeschadet überstanden. Dank einer erstaunlichen Konstitution – und minutiöser Planung. Bis 30 Sekunden vor seinem Auftritt habe er noch im Mehrschichten-Look dagestanden, und der Einmarsch habe doch bloß sechs, Minuten gedauert, verrät sein deutscher Trainer Thomas Jacob. Sei es drum. Da war er der große Held, und dieser Knalleffekt war ihm auch wichtig. Für sein Land – und für ihn selbst. Aber da hatte er auch festen Boden unter den Füßen.

          Nach Pyeongchang war der 34 Jahre alte Mann mit australischer Mutter und tongalesischem Vater allerdings gekommen, um die für ihn momentan größte sportliche Herausforderung zu bestehen: den olympischen 15-Kilometer-Langlauf, Abteilung Skating. Und da war die Frage, welche Figur dieses Mannsbild von 100 Kilogramm auf zwei flattrigen, dünnen Ski abgeben würde. Vor allem bergab, denn so „ohne“ sind die Abfahrten im Alpensia Cross-Country Centre nun keineswegs. Und so mancher Langlauf-Exot hat bei Großereignissen mehr auf der Nase gelegen, als es gut für ihn war – und den Sport. Da muss man doch anerkennend sagen: Er hat sich viel besser geschlagen als erwartet. Es zwar ein Rennen der zwei Geschwindigkeiten am Freitag, weil die Spitzenleute schon längst beim letzten Interview waren, als die kleine Exoten-Gruppe um Taufatofua sich noch die Anstiege hinaufquälte und die Abfahrten herunter zitterte, aber bei dem Mann aus Tonga sah das schon nach Langlauf aus. Ohne große Dynamik, aber stilistisch ganz passabel und relativ kontrolliert, auch in den Abfahrten. „Bei der letzten habe ich gebetet, bitte lass mich jetzt nicht noch stürzen“, verriet er später, und sein großes Ziel hat er auch erreicht – „keinen Baum mitzunehmen und nicht Letzter zu werden.“ Die Bäume blieben stehen, und ein Kolumbianer und ein Mexikaner kamen noch später ins Ziel. „Ich finde, ich habe das heute gut gemacht.“

          Pita Taufatofua (links) und der Marrokaner Samir Azzimani feiern mit dem Mexikaner German Madrazo den Zieleinlauf im Langlauf über 15 Kilometer.
          Pita Taufatofua (links) und der Marrokaner Samir Azzimani feiern mit dem Mexikaner German Madrazo den Zieleinlauf im Langlauf über 15 Kilometer. : Bild: AFP

          Auch sein Trainer war zufrieden. „Ich habe ihm einfach nur gesagt: „Lauf ganz gleichmäßig dein Tempo. Lass dich bloß von den Zuschauern treiben“, sagt Jacob. Und eigentlich sei Taufatofua vor dem Rennen ganz entspannt gewesen. Danach war er erleichtert. Ob es hart gewesen sei? Ja, schon, aber nichts im Vergleich zu dem Qualifikations-Marathon, den er hinter sich hat: „Acht oder neun Rennen in acht Wochen.“ Zu Olympia geschafft hat er es erst im letzten. Das war am 18. Januar auf Island. „Da wäre ich fast gestorben, so habe ich mich verausgabt.“ Verausgabt hat er sich beim Unternehmen Pyeongchang auch finanziell. Aber der Mann ist ein Medienprofi – ein sehr sympathischer – und mit so viel Sinn für Selbstinszenierung könnte sich die monetäre Lage bald entspannen. Aber wie kommt einer aus Polynesien bloß auf die Schnapsidee, Skilanglauf zu machen?

          „Stirb für Tonga“

          Einer, dessen Vorbild Bruce Lee ist, der Martial Arts-Hero. Dass Taufatofua schon mal bei Olympischen Sommerspielen war – 2016 in Rio als Taekwondo-Kämpfer, passt doch viel besser ins Bild. „Bis ich 30 Jahre alt war“, sagt er, „hatte ich noch nie Schnee gesehen, aber für mich geht es immer um Herausforderungen. Was ist das Schwierigste, das ich mir vorstellen kann? Skilanglauf ist ziemlich schwierig.“ Zumindest für ihn. Und wenn sich Taufatofua, der sein Geld einst als Sozialarbeiter verdient hat, etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er nicht mehr locker. Aufgeben kommt nicht in Frage. Das sei eben so bei ihnen zu Hause: „Wir sagen: Stirb für Tonga!“ Irgendwie kam dann der Kontakt zu Thomas Jacob aus Pfullendorf zustande. Der ist eigentlich Malermeister – und kein Langlauftrainer der Premiumklasse. Aber er nahm Taufatofua unter seine Fittiche, weil auch er einen Traum hatte: Einmal zu Olympia. In diesem Fall als Trainer. In Deutschland hat der Tonga-Mann dann zum ersten Mal auf Schnee auf Langlaufski gestanden, Aber meistens nicht lange, weil es ihn ständig hinschmiss. Eine harte Zeit. Dafür hat er in Pyeongchang schon sehr passabel ausgesehen. Das findet er im Übrigen auch. „Wenn man bedenkt, dass ich erst zwölf Wochen auf Schnee hinter mir habe.“

          Die größte Prüfung stand aber erst nach der sportlichen Examination an: der Interview-Marathon. Und man wunderte sich aufs Neue über diese unglaubliche Kälteresistenz des Mannes aus dem polynesischen Königreich im Südpazifik – man könnte aber auch Unerfahrenheit sagen. Während sich die Konkurrenz bei solchen Gelegenheiten in Daunenjacken und Thermohosen hüllt, kam Taufatofua im dünnen Langlauf-Outfit daher. Und wunderte sich irgendwann dann doch: Im Rennen sei ihm nicht so kalt gewesen. Aber bis er am Ende des Journalisten-Spaliers angekommen war, klapperten ihm die Zähne. Und doch wich er nicht, genoss die Aufmerksamkeit. Mit einer gewissen Selbstironie: „Na ja, bei denen da vorne geht es darum, Erster zu werden, bei uns da hinten geht es eben darum, nicht Letzter zu werden.“ Wie man es auch dreht und wendet: Der Verdacht liegt nahe, dass Pito Taufatofua aus Tonga in Korea jetzt berühmter ist als ein gewisser Dario Cologna. Der Schweizer hat am Freitag die 15 Kilometer gewonnen – und Taufatofua im Ziel gratuliert.

          Pita Taufatofua aus Tonga mit nacktem Oberkörper und gut eingeölt war der Hingucker im Stadion.
          Pita Taufatofua aus Tonga mit nacktem Oberkörper und gut eingeölt war der Hingucker im Stadion. : Bild: Rob Schumacher-USA TODAY Sports

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