https://www.faz.net/-gtl-y75q

Nodar Kumaritaschwili : Trauer und Wut in Bakuriani

  • Aktualisiert am

Nodar Kumaritaschwili wurde nur 21 Jahre alt Bild: REUTERS

Der Sarg des tödlich verunglückten Rodlers Nodar Kumaritaschwili ist in sein Heimatdorf überführt worden. „Von dieser Kurve, in der er starb, sprach er am Telefon“, sagte sein Vater: „Aber Angst hatte er nie.“

          2 Min.

          Rund 2000 Menschen haben in der georgischen Hauptstadt Tiflis dem jungen Rennrodler Nodar Kumaritaschwili das letzte Geleit gegeben. Bei der Ankunft des Sargs in seinem Heimatdorf spielten sich herzzerreißende Szenen ab. „Warum habe ich Dich überlebt“, rief seine Mutter Dodo Karazischwili und warf sich weinend auf den in eine georgische Flagge gehüllten Sarg. Der erst 21-jährige Kumaritaschwili war am vergangenen Freitag auf der Hochgeschwindigkeitsbahn im kanadischen Whistler beim Training für die Winterspiele tödlich verunglückt.

          Ein Flugzeug aus München brachte den Leichnam des Sportlers in der Nacht zum Mittwoch in die Heimat, wo ihn eine Ehrengarde in Empfang nahm. In dem 1500-Einwohner-Dorf Bakuriani etwa 170 Kilometer westlich von Tiflis soll Kumaritaschwili an diesem Samstag in einem Gedenkakt, zu dem auch Patriarch Ilia II. kommt, im Hof einer orthodoxen Kirche beigesetzt werden. Der Chef des georgischen Olympischen Komitees, Gia Natswlischwili, schämte sich nicht für seine Tränen. Er hatte den Sarg begleitet. „Hunderte haben uns in Vancouver verabschiedet, auch bei der Zwischenlandung in München kamen wildfremde Menschen auf uns zu“, sagte der Funktionär. „Die Leute haben geweint - in Vancouver, in München und hier. Diese Reise werde ich nie vergessen.“

          Seine Eltern wohnen jetzt in der Nodar-Kumaritaschwili-Straße 32

          Auch der Rodler Lewan Gureschidse, der eigentlich mit Kumaritaschwili bei Olympia an den Start gehen sollte, sowie Nodars Onkel Felix Kumaritaschwili, der als Trainer den Tod seines Neffen mitansehen musste, hatten den Sportler auf seiner letzten Reise begleitet. In Bakuriani trägt die Straße, in der er aufwuchs, seit Mittwoch seinen Namen. Das entschied die Verwaltung des Ortes. Seine Eltern wohnen jetzt in der Nodar-Kumaritaschwili-Straße 32. „Mein Sohn war sehr tapfer“, sagte Nodars Vater David mit tränenerstickter Stimme. „Von dieser Kurve, in der er starb, sprach er am Telefon. Diese Kurve ist sehr schwer, sagte er. Aber Angst? Angst hatte er nie.“

          David Kumaritaschwili mit dem Bild seines Sohnes: „Angst hatte er nie”

          In Tiflis wurden auch kritische Stimmen laut. „Vor dem tragischen Lauf wurde die letzte Kurve der Bahn mit Tüchern verhängt, aber das wusste niemand vorher“, sagte Felix Kumaritaschwili. Sein Neffe habe dadurch die Unglückskurve nicht richtig einsehen können. „Klar, erfahrene Sportler kennen die Strecke auswendig, aber Nodar war eben nicht so erfahren. Er war ja erst 21 Jahre alt.“ Wer aber sage, der Sportler sei ein schlechter Fahrer gewesen, liege falsch. „Nach dem ersten Lauf lag er auf dem zwölften Platz. Wenn er von den Tüchern gewusst hätte, wäre er vielleicht langsamer gefahren. Aber er wollte eben nicht langsam sein. Nodar träumte von einer Medaille.“

          Präsident Saakaschwili kündigte den Bau einer Rodelbahn an

          Auch Sportfunktionär Irakli Dschafaritse ist zornig. „Es heißt, dass Nodar aus Unerfahrenheit und mangelnder Professionalität gestorben sei. Das ist eine Schande!“ Dies seien bloß Ausreden der Olympia-Organisatoren, um die Verantwortung loszuwerden. „Alle machen Fehler - besonders Sportler. Und sollen Sportler wegen ihrer Fehler sterben?“ Er hoffe auf künftig bessere Schutzmaßnahmen im Rennrodeln, sagte Dschafaritse. „Dann ist Nodar nicht umsonst gestorben.“

          Sein Sohn habe davon geträumt, dass es in Bakuriani einmal eine Strecke für Rennrodler gebe, sagte David Kumaritaschwili. Nun soll dieser Wunsch in Erfüllung gehen. Präsident Michail Saakaschwili kündigte vor wenigen Tagen den Bau an - die Strecke wird Nodars Namen tragen. „Und die Kinder von Bakuriani werden dort trainieren können“, sagte David Kumaritaschwili mit einer Mischung aus Trauer und trotzigem Stolz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

          F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

          Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

          Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.