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Langlauf-Staffel der Frauen : Bronze als Lohn für ein echtes Team

  • -Aktualisiert am

Eine Medaille ist klasse: Die Deutschen sind zufrieden Bild: dpa

Deutschlands Langläuferinnen stürmen in der Staffel zu Olympia-Bronze und sorgen damit für eine schöne Überraschung. Es hätte sogar Gold werden können.

          „Jaaaa, da ist das Ding“, schrie Physiotherapeut Silvio Thieme in bester Olli-Kahn-Manier in den blauen Olympia-Himmel und fiel Cheftrainer Frank Ullrich freudetrunken in die Arme. Dabei handelte es sich weder um eine Meisterschale, und es waren eigentlich auch gleich vier Dinger, die zudem allesamt aus Bronze waren. Aber ganz grundsätzlich betrachtet, war es schon ein Ding, was vier deutsche Langläuferinnen im Verein am Samstag im Langlauf-Zentrum Laura auf die Beine stellten. Bronze in der Staffel, nur hauchdünn bezwungen von Schweden mit der überragenden Schlussläuferin Charlotte Kalla und dem finnischen Quartett – das war vielleicht mehr, als man erwartet hatte.

          Und doch hätte nicht viel gefehlt, und Denise Herrmann hätte das vergoldet, was ihr Nicole Fessel, Steffi Böhler und Claudia Nystad auf die letzten fünf Kilometer mitgegeben hatten.

          Dranbleiben, dranbleiben – das war ohnehin die Devise. Die auch Denise Herrmann beherzigte. Die Sechs-Sekunden-Lücke zur führenden Finnin Krista Lahteenmäki lief sie zu, und lange Zeit sah es nach einem Zweikampf aus, bis von hinten Frau Kalla heranpreschte. Und im Finish schoss der schnellsten deutschen Sprinterin dermaßen das „Laktat in den Körper, dass ich fast nix mehr gesehen habe. Aber ein bisschen ärgert es mich schon.“

          So sehen Siegerinnen aus: Nicole Fessel, Stefanie Böhler, Claudia Nystad und Denise Herrmann sind glücklich mit Bronze Bilderstrecke

          Gold oder Silber verpasst? Nein, ganz klar Bronze gewonnen. Das sah auch Ullrich so: „Heute haben die Mädels ganz beherzt angegriffen. Von Anfang an. Diese Mannschaft hat mit Emotion und Leidenschaft gekämpft, davor muss ich den Hut ziehen.“ Den hat Ullrich verbal schon oft in dieser Saison gezogen, ohne dass das Ergebnis entsprechend war, aber diese erste Langlauf-Medaille in der Karriere des früheren Biathlon-Bundestrainers ist eine Befreiung für ihn und das gesamte Team. „Das ist für mich was Neues, was Schönes, und ich werde es genießen“, sagte der Thüringer.

          Was spielt es für eine Rolle, dass die Norwegerinnen, seit Jahren dominierend und von der Besetzung mit dem FC Bayern München vergleichbar, merkwürdig chancenlos hinterherliefen. Man muss die Gunst der Stunde nutzen, wenn sie sich bietet. So wie die deutsche Staffel. „Keine ist heute auch nur ein Prozent unter ihrer Maximalleistung geblieben“, sagte Frauen-Trainer Stefan Dotzler. „Auf der Zielgeraden um den Sieg noch mitzukämpfen ist ein extrem schönes Erlebnis für mich – ohne jede Enttäuschung.“

          Für jede Läuferin eine besondere Belohung

          Und jede hatte sich mit einer Leistung am Limit auf ihre Weise belohnt. Für Nicole Fessel, die Oberstdorferin, war es die erste Olympiamedaille überhaupt. „Ich habe ja so lange kämpfen müssen, bis ich überhaupt in die Staffel reingekommen bin“, sagte sie.

          Die Schwarzwälderin Steffi Böhler, die sich erst bei letzter Gelegenheit für Sotschi qualifiziert hatte, was nach ihrer Krebserkrankung nicht unbedingt zu erwarten gewesen war, empfand das Ganze als „vielleicht ein Stückchen Gerechtigkeit von oben“ und fühlte sich „ein bisschen wie im Märchen“.

          Denise Herrmann, die im Sprint als große Hoffnung galt, hat sich die verpasste Medaille eben mit der Staffel zurückgeholt.

          Die letzte Farbe für Claudia Nystad

          Und für Claudia Nystad, die nach drei Jahren Wettkampfpause erst diese Saison wieder auf die große Bühne zurückgekehrt ist und ebenfalls bei letzter Gelegenheit ihre Olympiatauglichkeit nachgewiesen hatte, war es die letzte Medaillenfarbe, die der mit zweimal Gold und dreimal Silber erfolgreichsten deutschen Skilangläuferin noch in ihrer Sammlung gefehlt hat.

          Und sie war vor allem erleichtert, weil ihr Einsatz nicht unumstritten war. „Ich stand ganz schön unter Druck.“ Von den Vorleistungen hätte die Waage eigentlich leicht zugunsten von Katrin Zeller ausschlagen müssen, aber das Trainerteam entschied sich für Nystads Erfahrung von jetzt vier Olympischen Spielen und ihre Fähigkeit, sich auf den Punkt zu fokussieren. Was die 36 Jahre alte Sächsin am Samstag eindrucksvoll bewies. „Sie hat heute bei weitem ihr bestes Saisonrennen gemacht“, sagte Frauen-Trainer Dotzler.

          Sie haben also alles richtig gemacht, und hinterher hatten sich alle wieder lieb. Es war Denise Herrmann, die die anfangs doch sehr geknickte Kollegin Katrin Zeller ausdrücklich in die Staffel einschloss: „Das heute war eine Teamleistung, und da gehört die Katrin selbstverständlich dazu.“ Frank Ullrich zog den Kreis noch ein Stück weiter, und vergaß auch die Techniker und die Physiotherapeuten nicht. „Bronze heute ist die Arbeit eines ganzen Teams.“

          Ski nordisch, Langlauf, Damen, 4 x 5 Kilometer

          Gold: Schweden 53:02,7 Min. (Ida Ingemarsdotter, Emma Wiken, Anna Haag, Charlotte Kalla)
          Silber: Finnland + 0:00,5 (Anne Kyllönen, Aino-Kaisa Saarinen, Kerttu Niskanen, Krista Lähteenmäki)
          Bronze: Deutschland + 0:00,9 (Nicole Fessel/Oberstdorf, Stefanie Böhler/Ibach, Claudia Nystad/Oberwiesenthal, Denise Herrmann/Oberwiesenthal)

          4. Frankreich + 0:45,0
          5. Norwegen + 0:53,6
          6. Russland + 1:03,6
          7. Polen + 1:36,2
          8. Italien + 2:17,2
          9. USA + 2:30,7
          10. Tschechien + 3:27,1

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