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HGH : „Meilenstein im Kampf gegen Doping“

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Auch bei Olympia in Vancouver: Teströhrchen stehen für Tests auf das Wachstumshormon HGH bereit Bild: AFP

Der britische Rugby-Nationalspieler Terry Newton ist der erste HGH-Dopingfall. Die Überführung basiert auf einem Test, der vor mehr als einem Jahrzehnt in München entwickelt wurde. Es gibt weitere Fälle - aber wohl keinen aktuellen Olympia-Teilnehmer.

          „Könnte sein, dass wir die ein oder andere Verschiebung bei den Ergebnissen der Winterspiele während der Hochsommermonate erleben“, sagt Christian Strasburger. Der Medizinprofessor von der Berliner Charité spielt darauf an, dass Tests und Nachtests auf Wachstumshormon (Human Growth Hormone, HGH) nun möglich sind mit einem Verfahren, das er vor mehr als einem Jahrzehnt in München entwickelt hat.

          Am Montag machte die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver den ersten HGH-Dopingfall bekannt. Im November ist der britische Rugby-Nationalspieler Terry Newton überführt worden; dieser hat zwei Jahre Sperre akzeptiert.

          „Dieser große Schritt wird abschreckende Wirkung haben“

          „Das ist ein Meilenstein im Kampf gegen Doping“, sagte in Vancouver Thomas Bach, Vizepräsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). „Man kann den Forschern und der Welt-Anti-Doping-Agentur gratulieren. Dieser große Schritt wird eine weitere abschreckende Wirkung haben. Bei Olympia ist dieser Effekt durch das Einfrieren der Proben für Nachtests über acht Jahre bereits gegeben.“

          Strasburger in Berlin dagegen sagt: „Ich fand, der Meilenstein war, als Zida Wu, Martin Bidlingmaier und ich den Nachweis für ein Hormon, das als unnachweisbar galt, ersonnen hatten und in der Zeitschrift Lancet vorstellten. Das war 1999.“ Strasburger hat gleichwohl Verständnis dafür, dass die Wada sich Zeit gelassen hat mit der Etablierung des Tests. „Der Umstand, dass das Verfahren juristisch wasserdicht sein muss, bringt das wohl mit sich.“

          Schon bei den Spielen 2004 wurde der Test angewandt

          Das IOC könne sich nicht auf möglicherweise existenzgefährdende Rechtsstreits einlassen. Zudem bereitete die Bereitstellung der notwendigen Reagenzien Schwierigkeiten. Bereits in der vergangenen Woche informierte die Wada Strasburger von dem ersten positiven Test. IOC und Wada unterstützten die Entwicklung des Nachweises finanziell.

          Wachstumshormon ist seit Anfang der neunziger Jahre als Dopingmittel im Sport verboten. Seit 2007/2008 sei das Verfahren in der jetzigen Form in Händen der Wada, sagte Strasburger. Dreißig der 35 akkreditierten Labors beherrschten es und hätten Erfahrung mit tausenden von Proben. Bereits bei den Olympischen Sommerspielen von Athen 2004 sei das Verfahren angewandt worden. Die Kriterien für einen positiven Befund seien damals allerdings derart streng gefasst gewesen, dass niemand überführt wurde. Auch bei den Winterspielen in Turin vor vier Jahren sei in den Dopingproben nach gentechnisch hergestelltem Wachstumshormon gesucht worden.

          „Es gibt noch mehr Fälle als den Rugbyspieler“

          Seit Ende des vergangenen Jahres scheint die Wada ernst zu machen mit dem Test. Laut Deutscher Presse-Agentur (dpa) kündigte der Brasilianer Eduarde de Rose, Mitglied der Medizinischen Kommission des IOC, in Vancouver weitere positive Befunde an. „Es gibt noch mehr Fälle als den Rugbyspieler“, sagte er. Es handele sich nicht um Teilnehmer der Olympischen Spiele.

          Das Zeitfenster für den Nachweis von künstlichem HGH beträgt lediglich zwei Tage nach Anwendung. Verfügt die Wada seit Jahren über Verdachtsmomente und Erkenntnisse, hat sie auch vor Vancouver gezielt Trainingskontrollen anberaumen können. Der Internationale Skiverband FIS machte im Herbst bekannt, dass er eine Liste von Athleten mit verdächtigen Blutwerten führe.

          „Jede Sportart außer Schach kann ffektiver trainiert werden“

          Der Geschäftsführer der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada) in Bonn, Göttrik Wewer, sagte, dass auch seine Institution seit 2007 einige hundert Tests auf HGH veranlasst habe. Keine habe zu einem positiven Befund geführt.

          Wachstumshormon schmilzt Körperfett ab und sorgt damit auch für die Bereitstellung von Energie. Außerdem fördert es den Muskelaufbau. „Jede Sportart außer Schach kann damit effektiver trainiert werden“, sagt der ehemalige Ruderer Strasburger. „Daher glaube ich, dass es auch im Wintersport eingesetzt wird.“

          HGH-Test ein Abfallprodukt der klinikorientierten Forschung

          Von den Winterspielen in Turin 2006 wie von den Sommerspielen in Peking 2008 sind einige tausend Proben eingefroren worden. Das IOC entscheidet, ob und wann welche davon auf welche Substanzen untersucht werden. Die Nachuntersuchung von rund tausend Proben aus Peking auf das Epo-Mittel Cera erbrachte sechs positive Fälle, darunter den von Rashid Ramzi, Olympiasieger über 1500 Meter aus Bahrein, sowie die der Radprofis Davide Rebellin und Stefan Schumacher. Die Proben von Turin sind, soweit bekannt, unberührt geblieben.

          Für den Strasburger war die Entwicklung des HGH-Tests ein Abfallprodukt der klinikorientierten Forschung. Derzeit werde er nicht von IOC oder Wada unterstützt, sagt er. Er arbeite aber an einem Verfahren, mit dem Doping mit Insulin nachgewiesen werden kann.

          Stichwort: Wachstumshormon

          Wachstumshormon (Somatotropin oder HGH = human growth hormone) ist ein Peptidhormon, das aus insgesamt 191 Aminosäuren aufgebaut ist. Es wird in der Hypophyse in großen Mengen gebildet und dann ins Blut ausgeschüttet. Über die Blutbahn erreicht HGH die verschiedenen Zellen des Körpers, wo es seine Wirkungen entfalten kann. Die Tatsache, dass es in großen Mengen in der Hypophyse gebildet wird, führte dazu, dass HGH zur therapeutischen Anwendung früher aus den Hypophysen von Toten isoliert wurde.

          Die industrielle Produktion wird heutzutage über gentechnische Verfahren gewährleistet, wobei Bakterienzellen wie Escherichia Coli verwendet werden. Durch die gentechnische Produktion ist die gesundheitliche Sicherheit der Produkte (keine bakteriellen Verunreinigungen), aber auch die wirtschaftliche Bereitstellung des Hormons in großen Mengen gesichert.

          HGH wirkt direkt beziehungsweise über sogenannte Somatomedine (IGF-1 und IGF-2; IGF = insulin like growth factor), die in der Leber gebildet werden. Im Fettgewebe stimuliert es den Abbau von Fetten (Lipolyse), während es im Kohlenhydratstoffwechsel zu einer erhöhten Freisetzung von Glucose aus Glycogen führt (Hyperglycämie).

          Die abbauende Wirkung auf das Fettgewebe macht diese Verbindung allerdings für Sportarten wie Bodybuilding besonders interessant. Dagegen werden alle anabolen Effekte wie zum Beispiel Stimulation der Eiweißsynthese zur Verbesserung des Muskelwachstums und Stimulation des Skelettwachstums größtenteils indirekt über IGF-1 bewirkt.

          Für die therapeutische Anwendung von HGH kommen derzeit nur zwei wesentliche Krankheitsbilder in Frage: Zwergwuchs bei Kindern und HGH-Mangel beim Erwachsenen.

          (Quelle: Institut für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln)

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