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Restles Olympia-Reise : Ein hessischer Bobtrainer für Down Under

  • -Aktualisiert am

Trainiert in Wiesbaden und startet für Australien bei den Olympischen Spielen: Breeana Walker auf Kurs im Eiskanal von Yanqing Bild: picture alliance/dpa

Tim Restle ist Bobtrainer beim hessischen Landesverband. Bei Olympia ist der Quereinsteiger aus der Leichtathletik aber für Australien akkreditiert. Dort betreut er die Wiesbadenerin Breeana Walker.

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          In China wird Tim Restle oft nicht als Deutscher erkannt. Landsleute sprechen den 37 Jahre alten Hessen auf Englisch an. Wenn er ihnen in der gemeinsamen Sprache antwortet, ruft das Überraschung hervor. Die Kleidung sorgt für das Missverständnis. Bei den Olympischen Spielen in Peking ist der Bob-Coach für Australien akkreditiert und muss sich, den Regeln entsprechend, überall in den Farben von Down Under zeigen.

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          Das Debüt bei den Winterspielen verdankt Restle einer Athletin seiner Wiesbadener Trainingsgruppe: Breeana Walker sammelt, wie der Kelkheimer Restle, ihre ersten Erfahrungen bei dem alle vier Jahre ausgetragenen Großereignis. Im Eiskanal von Yanqing raste die 29-Jährige bei der olympischen Premiere des Monobobs auf den fünften Platz. Das Ergebnis, das die frühere Hürdenspezialistin einer deutlichen Steigerung in den beiden abschließenden Rennen am Montag verdankt, entsprach der Zielsetzung, unter die besten sechs zu kommen. Das gute Gefühl soll die Pilotin in die Zweier-Entscheidung mitnehmen, die am Freitag (13.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia, im ZDF und bei Eurosport) mit den beiden ersten von vier Läufen beginnt.

          Seit vier Jahren arbeiten Restle und Walker zusammen, 2020 zog die ambitionierte Athletin ins Rhein-Main-Gebiet. Im Bobzirkus hatte sie den Anschieber Christian Hammers kennengelernt; die beiden wohnen gemeinsam in Frankfurt. „In Australien gibt es nicht so professionelle Bedingungen fürs Training wie hier“, sagt Restle. Das Engagement für die Konkurrenz musste der hauptamtliche Landestrainer mit seinem Verband abklären. „Natürlich wollen wir als Deutschland sehr erfolgreich sein“, sagt Restle, „aber trotzdem nicht alle Medaillen gewinnen.“ Das würde dem Sport, dem Wettbewerb und seiner Attraktivität nicht guttun. Deshalb gelte es, „die richtige Balance“ zu finden.

          Zitterpartie im Vorfeld

          Als Ausbilder und Förderer leistungsstarker Bob-Sportler hat sich der Quereinsteiger längst auf nationaler und internationaler Ebene einen Namen gemacht. 2010 war der damalige Leichtathletik-Trainer von Eintracht Wiesbaden bei einem Casting für die Wok-Weltmeisterschaft von TV-Moderator Stefan Raab erstmals mit der Szene in Berührung gekommen. Zu den Talenten, die er, von der Geschwindigkeit berauscht, früh zum Umsteigen von der Tartan- in die Eisbahn bewog, gehört Kim Kalicki. Die zweimalige WM-Zweite, die bei den Olympischen Spielen im Zweierbob zu den Medaillenkandidatinnen zählt, hat sich mittlerweile nach Halle orientiert.

          Als Bobtrainer in China: Tim Restle
          Als Bobtrainer in China: Tim Restle : Bild: Privat

          Doch unter den zahlreichen Athleten, denen Perfektionist Restle zu schnellen Beinen für die Startphase in der Rinne verhilft, gab es in den vergangenen Monaten noch weitere Olympiakandidaten. Verletzungen oder Krankheiten bremsten neben Hammers auch Vanessa Mark und den zweimaligen Junioren-Weltmeister Issam Ammour aus. Allein Christoph Hafer schaffte es noch nach Asien; der 29-Jährige rangiert im Zweierbob-Wettbewerb nach zwei von vier Läufen auf dem vierten Platz.

          Im deutschen Team sind die Plätze für Trainer rar. So schaute sich Restle nach einer Alternative um, um nach Peking zu kommen. Einige Turbulenzen hatte er dabei zu überwinden. Bei den Europameisterschaften Mitte Januar in St. Moritz steckte er sich mit dem Coronavirus an und konnte nach einer Zitterpartie und den geforderten vier negativen Tests erst fünf Tage später als geplant die weite Reise antreten. Vor Ort traf Restle bei seiner Athletin auf das Problem, dass diese sich mit muskulären Problemen quälte. Im Ursprungszustand, lässt er wissen, hätte sie gar nicht in den Wettkampf gehen können. Doch mit intensiver Betreuung wurde Walker rechtzeitig fit.

          Trotz der pandemiebedingten Einschränkungen konnte Restle dank seiner Akkreditierung bei anderen Disziplinen zuschauen. Vieles laufe in China nicht so strikt wie befürchtet ab. Am Flughafen etwa habe er seine überwundenen Sym­ptome brav in die Gesundheits-App eingetragen. Die Kontrolleure vor Ort hätten die Angaben wieder gelöscht, um das Prozedere zu vereinfachen. Ins olympische Dorf wird Restle erst an diesem Dienstag einziehen. Die Australier teilen sich ihren Bereich mit mehreren anderen Nationen, und so mussten Betreuer von Spätstartern wie er im Hotel abwarten, bis genügend Zimmer frei waren.

          Nach seiner Rückkehr warten Veränderungen auf Restle und seine aktuell 20 Mitglieder umfassende Truppe. Von Wiesbaden werden sie ganz nach Frankfurt umziehen, wo sie bislang schon zweimal in der Woche schwitzen. Am bisherigen Standort die Infrastruktur entscheidend zu verbessern sei nicht gelungen. Am Stützpunkt des Hessischen Leichtathletik-Verbandes an der Niederräder Hahnstraße kann Restle intensiver mit seinen langjährigen Weggefährten zusammenarbeiten: Mittelstrecken-Bundestrainer Georg Schmidt und Sprintspezialist David Corell, der mit Deborah Levi ebenfalls eine Olympiateilnehmerin unter seinen Fittichen hat. Ob mit dem Umzug ein Vereinswechsel für die Wiesbadener einhergeht, wollte Restle nicht verraten. Großklub Eintracht Frankfurt hat noch keine Bob-Abteilung.

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