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Zweierbob in Sotschi : Kein „olympiawürdiger“ Schlitten

Francesco Friedrich (rechts) und sein Anschieber Jannis Bäcker werden Achte. Bild: EPA

Nach dem Desaster für die Deutschen im Zweierbob mit den Plätzen acht, elf und fünfzehn nimmt Pilot Florschütz kein Blatt mehr vor den Mund. Er kritisiert Schlitten-Konstrukteur und den Verband.

          3 Min.

          Es war ein Blindflug mit Ansage, den die deutschen Piloten am Montag auf der vom Nebel befreiten Bobbahn erlebten. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren haben deutsche Starter keine Medaille im Zweierbob gewonnen, dabei war seit Christoph Langens Sieg 2002 der Olympiasieger im kleinen Schlitten stets in deutschen Farben unterwegs gewesen.

          Franceso Friedrich und Jannis Bäcker auf Platz acht, Thomas Florschütz/Kevin Kuske auf Platz elf und Maximilian Arndt und Alexander Rödiger nur 15. Sie alle wurden schwer geschlagen. Die Russen Alexander Zubkow und Alexeij Woijewoda nutzten ihren Heimvorteil zum umjubelten Olympiasieg vor den Schweizern Beat Hefti und Alex Baumann. Dritte wurden der Amerikaner Steven Holcomb sowie sein Anschieber Steven Langston.

          „Wir sind mit einer ganz starken Mannschaft angereist“, sagte Bundestrainer Christoph Langen. „Jeder unserer Piloten hätte aufs Podest fahren können mit seiner Leistung. Ich bin stolz auf sie, weil sie alles versucht haben. Jeder Blinde hat gesehen, dass wir eine gute Leistung abgeliefert haben.“ Und doch waren die deutschen Bobpiloten bloße Mitfahrer im olympischen Rennen, „Adabeis“, wie der Österreicher das nennt, als Zaungäste bei der Siegerehrung. Das gab es schon lange nicht mehr, ein ähnlich schlechtes Ergebnis findet, wer sich die Ergebnislisten von den Spielen 1956 in Cortina d’Ampezzo heraussucht.

          Das Rennen war im Prinzip am Sonntag schon gelaufen für die Deutschen, zu groß war der Rückstand auch von Friedrich/Bäcker, der besten deutschen Paarung. „Wir haben heute noch mal alles riskiert“, sagte Friedrich nach dem Rennen am Montag. „Wir haben auf eine andere Kufe gesetzt, die gleiche, die die Russen fahren. Aber weiter hat es uns nicht gebracht. Wir fahren ziemlich gut runter, die anderen fahren zum Teil schlechter und es reicht einfach nicht.“

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Friedrich und Bäcker waren sogar vergleichsweise gut gestartet, einzig die Letten und die Schweizer kamen noch schneller in Schwung, während die beiden anderen deutschen Schlitten schon am Start etwas Zeit verloren. Wenn aber der Anschieber Schub gibt, der Pilot alles richtig macht und das Gespann trotzdem nicht einmal unter den besten Sieben eines Laufs landet, dann gibt es grundlegendere Problem im Land der Bobbahnen, das allein schon deswegen einen riesigen Wettbewerbsvorteil hat, weil es in keinem anderen Staat auf der Welt vier Kunsteisbahnen gibt.

          Mancher beim Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) sagt gar, das Rennen sei schon zu Beginn der Saison gelaufen gewesen. Erst kurz vor Beginn der Saison war das neue Sportgerät vom Institut für die Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin fertig geworden. Zufrieden war mit dem FES-Schlitten so recht niemand. Im Oktober schon nicht und in Sotschi erst Recht nicht.

          „Es ist traurig, dass wir keine Chance hatten“

          „Ich werde dieses Rennen wahrscheinlich nie vergessen“, sagte Thomas Florschütz. „Es ist traurig, dass wir keine Chance hatten, anzugreifen. Ich habe frühzeitig den Finger gehoben, schon am Anfang der Saison. Da wurde nicht auf mich gehört, die Probleme wurden kleingeredet. Jetzt ist das Kind in den Brunnen gefallen.“

          Florschütz wird am Donnerstag 36, Sotschi werden seine letzten Olympischen Spiele gewesen sein, entsprechend aufgeräumt präsentierte er seine Kritik am Montagabend. „Die nächsten Spiele sind in vier Jahren – tja. Ich will niemandem zu nahe treten, weder dem Christoph (Bundestrainer Langen; d. Red.), noch der FES. Aber es war kein olympiawürdiges Gerät.“ Florschütz hatte schon anfangs der Weltcupsaison wieder seinen alten Schlitten fahren, aber da sei er belächelt worden. „Ich soll mich aufs neue Gerät konzentrieren, hieß es. Naja. Vielleicht hätte man mit dem alten nicht ganz so schlecht ausgesehen.“

          Der Medaillenspiegel der Winterspiele in Sotschi

          900.000 Euro hat den deutschen Steuerzahler das Projekt Sotschi-Bob dem Vernehmen nach gekostet, für Zweier- und Viererbob. Auch wenn der große Schlitten besser laufen soll, jedenfalls lassen das die Weltcup-Ergebnisse vermuten: Der Sotschi-Bob, der auch mit Hilfe von BMW-Technik entwickelte wurde, wird jedenfalls in seiner kleineren Ausführung als kostspielige Fehlkonstruktion in Erinnerung bleiben. Gleichwohl ist an den Schlitten auch ohne Wissen der FES gearbeitet worden, in der Hoffnung, sie würden dadurch schneller. Die Hoffnung erfüllte sich nicht.

          „Es waren Feineinstellungen“, sagte Bundestrainer Langen. „Wir haben versucht, Kleinigkeiten zu finden und haben sie nicht gefunden. Also gehen wir davon aus, dass das Grundgerät nicht richtig läuft.“ Nach Olympia werden Grundsatzdiskussionen geführt. Der aktuelle kleine Schlitten ist zu langsam, neue Prototypen werden angedacht und natürlich wird der Verband sich als erstes wieder an das FES wenden. Aber andere Häuser bauen auch schnelle Schlitten, BMW Nord-America hilft bei Holcombs Untersatz und BMW ist Sponsor des BSD. „Mit diesem Gerät kann man nicht in die nächste Saison gehen, das ist Fakt. Da muss etwas passieren“, sagt Florschütz.

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          Ergebnis, Männer, Zweierbob

          Gold: Alexander Subkow/Alexej Woewoda (Russland) 3:45,39 Min. (56,25/56,57/56,08/56,49 Sek.)
          Silber: Beat Hefti/Alex Baumann (Schweiz)  3:46,05 (56,46/56,68/56,26/56,65)
          Bronze: Steven Holcomb/Steven Langton (USA) 3:46,27 (56,34/56,84/56,41/56,68)

          4. Alexander Kasjanow/Maxim Belugin (Russland) 3:46,30 (56,69/56,60/56,44/56,57)
          5. Oskars Melbardis/Daumants Dreiskens (Lettland) 3:46,48 (56,62/56,68/56,43/56,75)
          6. Justin Kripps/Bryan Barnett (Kanada) 3:46,62 (56,56/56,70/56,42/56,94)
          7. Chris Spring/Jesse Lumsden (Kanada) 3:46,79 (56,66/56,77/56,62/56,74)
          8. Francesco Friedrich/Jannis Bäcker (Oberbärenburg/Winterberg) 3:46,85 (56,50/56,88/56,63/56,84)
          9. Lyndon Rush/Lascelles Brown (Kanada) 3:46,88 (56,61/56,87/56,64/56,76)
          10. Rico Peter/Jürg Egger (Schweiz) 3:46,96 (56,96/56,68/56,60/56,72)
          11. Thomas Florschütz/Kevin Kuske (Riesa/Potsdam) 3:47,00 (56,63/56,89/56,77/56,71)

          ...15. Maximilian Arndt/Alexander Rödiger (Oberhof) 3:48,20 (56,98/56,92/57,22/57,08)

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