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Rodeln : Felix Loch holt das erste Gold für Deutschland

Felix Loch: erster deutscher Goldmedaillengewinner der Winterspiele von Sotschi Bild: dpa

Wie vor vier Jahren gewinnt Felix Loch den olympischen Rodelwettbewerb. Die Wiederholungstat ist freilich noch höher zu bewerten. Der 24 Jahre alte erste deutsche Goldmedaillengewinner der Winterspiele von Sotschi kann schon bald zur Legende werden.

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          Wie der Olympiasieger durch das Bild tanzte! So ausgelassen, mit weit aufgerissenen Augen, lachend, feixend, tanzend. Er packte sich seine Freundin, herzte und küsste sie, brüllte seine Freude heraus. Als sei es das erste Mal.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Aber Felix Loch ist kein Debütant, trotz seiner Jugend. Mit 24 Jahren hat er nun mit dem Sieg am Sonntag mit fast einer halben Sekunde Vorsprung vor dem Russen Albert Demtschenko und dem Italiener Armin Zöggeler, zwei Senioren der Szene, die zweite Goldmedaille als Rennrodler gewonnen. „Überwältigend, das ist einfach nur geil“, rief Loch, „das ist die Krönung einer perfekten Saison.“

          Nun ist er jüngste zweimalige Olympiasieger in der Geschichte seines Sports. Das war zu erwarten nach den Leistungen in diesem Winter, in den vergangenen drei Jahren. Loch ist der Star der Szene, der Seriensieger, der Mann, den es zu schlagen gilt, auf den alle setzten vor dem olympischen Wettbewerb. Und trotzdem ist der Sieg noch höher einzuschätzen als sein Triumph vor vier Jahren in Whistler. Warum?+++

          Sieg auf der Hausbahn Demtschenkos

          Loch siegte am Samstag und Sonntag auf fremden Terrain, auf der Hausbahn des Russen Demtschenko. Ein Bär von einem Mann, aber etwas in die Jahre gekommen mit 42. Deshalb ist er kein schlechterer Rodler in der Bahn, aber nicht mehr ganz so stark beim Start, der, nach einer groben Regel, 30 Prozent Anteil an der Leistung haben soll. Die Schnellkraft ist dem Senior auf natürlichem Weg ein wenig abhanden gekommen.

          Und so wunderte sich die Konkurrenz von Demtschenko nicht über die Bahnkonfiguration: Der Start ist so steil, dass sich athletische Nachteile beim Beschleunigungspaddeln nicht so stark auswirken wie auf anderen Bahnen. Das könnte ja ein Zufall sein, wenn der Bobstart nicht so flach wäre und nicht rein zufällig gut zum Leistungsprofil der russischen Anschieber passt: Es gibt kaum stärkere.

          Die Goldfahrt: Felix Loch gewinnt die erste deutsche Goldmedaille in Sotschi Bilderstrecke

          Kaum jemand zweifelt, dass die Streckenarchitekten nicht nur das russische Honorar nahmen, sondern das Lied des Auftraggebers sangen. Mit drei ansteigenden Passagen reagierten sie nicht nur auf die dringend geratene Temporeduzierung wegen des Todessturzes in Whistler 2010. Solche Aufstiege kommen auch Athleten entgegen, die was in die Rodelschale zu werfen haben, viel Gewicht.

          Loch, nun mit Gold schwer beladen, ist kein Schmalhans. Er wiegt 90 Kilogramm. Aber Albert Michailowitsch Demtschenko (1,83 Meter groß) bringt es mühelos in die 100-Kilo-Klasse.

          Bleischwere Enttäuschung

          Masse macht es dann doch nicht. Die bleischwere Enttäuschung zwang den Russen in die Knie, während Loch am  Schwierigsten in der Karriere eines Siegertypen wieder gewachsen ist: den von allen erwarteten, für selbstverständlich gehaltenen Sieg zu wiederholen. So beginnt eine Ära, die weit führen kann. Vielleicht vorbei an seinem Ratgeber in Schlittenfragen, Georg Hackl.

          Die beiden standen lange und oft zusammen in der Werkstatt, feilten an der nächsten Goldfuhre. Heruntergefahren hat es Loch dann mit seiner hervorragenden Fahrlage. Es sieht nicht so elegant aus, was ihm selbst der eigene Vater, Cheftrainer Norbert Loch, immer wieder vor Augen führt. Sonst hinge in dessen Büro wohl kaum ein Plakat vom Altmeister Armin Zöggeler, dem Stilisten, der seine Karriere am Sonntag ebenso elegant beendete, wie er sie begann: 1994 in Lillehammer ebenfalls mit Bronze. Er ist der erste Athlet, der bei sechs Winterspielen jeweils eine Medaille gewann: Zwei goldene, eine silberne, drei bronzene.

          Überragendes Fahrgefühl

          Den Oldie aus Russland und den Ästheten aus Südtirol hängt Loch schon lange mit einem überragenden Fahrgefühl  immer wieder ab. Es erlaubt ihm, hohe Risiken einzugehen. Seit fast zwanzig Jahren jagt er durch den Eiskanal. Dies große Erfahrung in jungen Jahren kann man beim Sohn eines passionierten Rodeltrainers fast voraussetzen. Der wuchs schließlich an der Bahn auf. Zumindest nahm ihn Loch senior, damals alleinerziehend, stets mit zur Eisschlange am Königsee, wenn er die Athleten trainierte. Der tollte zufrieden in den Schneehaufen herum und schaute angeblich nur einmal verdrießlich aus der Wäsche - weil der Vater ihn an der Bahn vergessen hatte.

          Seit ein Landestrainer den Fünfjährigen auf einen Rodel setzte und vom „Labyrinth“  zu Tale schießen ließ, ist die Eisbahn Lochs Heimat. Kaum ein Wettkampf, auf den er sich nicht freut. Das ist Lochs Weg, alles aus sicher herauszuholen: Nämlich keine Angst zu haben vor dem Versagen, vor der Favoritenrolle. Das war der Schlüssel für die Gold-Tour am Samstag und Sonntag. Nach dem ersten Lauf knapp in Rückstand hinter Demtschenko, gelang Loch im zweiten eine makellose Fahrt, während sich der Russe einen schweren Fehler erlaubte. Wortlos schritt er selbst am russischen Staatsfernsehen vorbei, wie Beobachter schilderten.

          Loch blieb eine Stunde, bis auch die Praktikantin des Organisationskomitees ihr Interview hatte. Den dritten Lauf nach einer“ angenehmen Nacht“ beendete Loch mit einem Bahnrekord. Da schaute selbst der Hackl Schorsch verblüfft. Langsam wird es eng für ihn. Drei Goldmedaillen und zwei silberne hat die Rodelikone der Bundesrepublik vorgelegt. Loch könnte die Goldquote im neuen Teamwettbewerb am Donnerstag einstellen und 2018 in Südkorea die Sammlung ergänzen. Er wird erst im Juli 25 Jahre alt.

          Lust hat er schon. Denn zur Ruhe setzen kann sich auch ein dreimaliger Olympiasieger im Rennrodeln nicht. 20.000 Euro gibt’s als Gold-Prämie von der Stiftung Deutsche Sporthilfe. 3000 kommen vom internationalen Rennrodel-Verband dazu. Ohne sein Gehalt als Polizeimeister müsste Loch kämpfen. Als Gegenleistung steht der Dienst am Bürger auf dem Programm.  Es ist also gut möglich, dass der alte und neue Olympiasieger im April als Freund und Helfer etwa am Flughafen München zu treffen ist. In Uniform.

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