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Olympiasieger im Eiskunstlauf : Hanyu lächelt nicht wegen Fukushima

Die Gedanken sind in der Heimat: Yuzuru Hanyu, Olympiasieger aus Japan Bild: AP

Der Tsunami vertreibt den Eiskunstläufer Yuzuru Hanyu aus Japan. Er flüchtet nach Kanada, gewinnt Gold bei Olympia in Sotschi und spürt keine Freude: „Ich muss über Fukushima nachdenken.“

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          Yuzuru Hanyu hat gerade die Goldmedaille gewonnen. Er ist der erste japanische Olympiasieger im Eiskunstlaufen. Aber Hanyu, 19 Jahre alt, sieht nicht aus wie ein Sieger am Freitagabend. Hanyu schaut ernst, beinahe niedergeschlagen, als er vor der internationalen Presse sitzt. Sicher, er hatte Fehler gemacht in seiner Kür, seinen Sieg hat er zu einem Großteil seinem brillanten Kurzprogramm zu verdanken, vor allem der ebenso fehlerhaften Kür des Kanadiers Patrick Chan.

          Chan hatte nach Hanyu das Eis betreten, ein grundsolider Auftritt hätte ihm Gold gebracht, aber Chan verstolperte sogar einen Doppelaxel. Und so hat Japan einen Eiskunstlauf-Olympiasieger und Kanada immer noch nicht, auch nicht nach XXII. Winterspielen. Die japanischen Fans in der Halle und auch einige der japanischen Journalisten sind aus dem Häuschen.

          Hanyu könnte sich also freuen. Er tut es nicht. „Ich lächle nicht“, sagt er schließlich. „Ich lächle nicht, weil ich über die Frage nach den Opfern des Tsunamis nachdenken muss. Ich muss über Fukushima nachdenken.“ Vor knapp drei Jahren begann die Erde vor Japans Küste zu beben, wieder einmal, aber dieses Mal würde es schlimm werden. Eine Springflut war die Folge, die Region Tohoku wurde überflutet, das Kernkraftwerk Fukushima wurde in einer Reihe von Störfällen zerstört, große Landstriche wurden verstrahlt.

          Yuzuru ist damals 16, ein Schlaks, lange Arme, lange Beine, aber auch sehr viel Talent. Er lebte und trainierte in Sendai, einer Stadt, die 80 Kilometer vom Epizentrum des Seebebens entfernt liegt. Hunderte Menschen starben in Folge der Naturkatastrophe, und Yuzuru Hanyu reiste vier Monate lang durch Japan, von einer Trainingshalle zur nächsten, während in seiner Heimatstadt von einem Tag auf den anderen nichts mehr beim Alten ist.

          Wer eines Tages Olympiasieger werden will, muss Opfer bringen. Schließlich verlässt er seine Heimat, geht nach Toronto, zu Brian Orser. Orser ist ein weiterer Kanadier, der nie Olympiasieger wurde, aber er war zweimal Zweiter, 1984 und 1988, und gilt nun als einer der besten Trainer der Welt. Doch Yuzuru Hanyu fällt der Schritt nicht leicht – welchem 16-Jährigen würde es leicht fallen, seine zerstörte Heimat hinter sich zu lassen? Es gab Kritik, mancher warf ihm Egoismus vor.

          Nach dem größten Triumph seiner Karriere gedenkt Hanyu den Opfern von Fukushima
          Nach dem größten Triumph seiner Karriere gedenkt Hanyu den Opfern von Fukushima : Bild: AP

          Drei Jahre später ist Yuzuru Hanyu der Olympiasieger, der sich nicht freuen kann. „Ja, ich habe Gold gewonnen. Aber diese Goldmedaille hilft meiner Heimatregion überhaupt nicht. Sie hilft nicht beim Aufbau. Ich fühle mich hilflos. Ich fühle mich, als würde ich keinen Beitrag leisten für meine Heimat.“ Es ist der japanischste Moment der Spiele in Sotschi bisher. Yuzuru Hanyu ist der beste Eiskunstläufer der Welt, auf dem Olymp angekommen, und gleich, so scheint es, wird er sich entschuldigen.

          „Ich muss es zugeben: Ich war manchmal froh, weg zu sein aus meiner Heimat, in Kanada zu leben.“ Er verzieht keine Miene. „Ich habe hart für diese Goldmedaille gearbeitet. Für mich mag sie wunderbar sein.“ Yuzuru Hanyu kommt zu einer Entscheidung: „Ich habe es gesagt: Meine Goldmedaille hilft den Menschen in meiner Heimat nicht. Aber vielleicht kann ich nun mit meinem Namen bei Shows Geld sammeln. Ich werde es versuchen. Jetzt werde ich versuchen, zu helfen.“ Der Olympiasieger verlässt die Bühne. Er lächelt nicht.

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