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Olympiasieger André Lange : In aller Ruhe in die Geschichtsbücher

  • -Aktualisiert am

Bild: ap

Mit seinem vierten Olympiasieg ist André Lange zum erfolgreichsten Bobpiloten der Welt aufgestiegen, Vergleiche mit Michael Schumacher werden schon vor dem großen Finale gezogen. Silber gewinnt der Riesaer Thomas Florschütz vor dem Russen Alexander Subkow.

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          Das hat er nun davon. Zum vierten Mal baumelt eine Goldmedaille um den Hals von André Lange. Er ist der erfolgreichste Bob-Pilot der olympischen Geschichte. Aber seinen Namen soll Lange nicht behalten dürfen. „Dem kann keiner das Wasser reichen“, sagte Rainer Jacobus nach dem Sieg des Thüringers zusammen mit seinem Anschieber Kevin Kuske im Zweier vor den Landsleuten Thomas Florschütz/Richard Adjei: „Er ist der Michael Schumacher des Eiskanals.“

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Nicht ganz. Lange fehlen ein paar Milliönchen auf dem Konto, er besitzt keine Villa in der Schweiz und fliegt auch nicht im Privatflieger zu seinen Rennen. Vermutlich werden die Chinesen in Schanghai auch nicht die Lichtmasten ihrer Stadtautobahn mit dem Konterfei des Chefpiloten auf Kufen schmücken, falls Lange mal zu Besuch kommt. Und doch ist der Vergleich im entscheidenden Punkt zutreffend: „André“, erklärte Bundestrainer Carsten Embach, „ist in der Lage, sich auf das Wesentliche zu fokussieren. Er blendet alles Unwichtige aus.“

          Vierter Lauf im Spiel um Alles oder Nichts: Lange steht oben an der Einstiegsstelle in den heikelsten Kunsteiskanal neben seinem abfahrbereiten Bob. Er hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Fährt er mit oder schaut er nur zu, was passiert? Bei Tempo 150 ist die Kombination der Kurven elf, zwölf und dreizehn die Meisterprüfung. Mit Karacho hindurch oder mit Wucht gegen die Wand.

          Perfekte Symbiose: André Lange und die Olympischen Spiele

          „Bobfahren ist ein Rennsport. Stürze gehören dazu“

          „Cash oder Crash“, sagt Lyndon Rush am Tag nach seinem Sturz. Der kanadische Favorit hatte sich, auf dem Weg zu Bronze, für die Angriffslinie entschieden: Und Crash statt Cash bekommen. Neben Rush können sich auch drei weitere Teams nicht halten. Viele andere kommen nur auf vier Kufen ins Ziel, weil ein paar Veränderungen am Eisausbau auf der Betonschale die Schlitten gerade noch rechtzeitig vor dem Abflug aus der Steilwand holen.

          Lange aber schießt auch im vierten Versuch ohne aufregende Anschläge durch die „Fifty-Fifty“-Passage: Mit 100 Prozent Sicherheit, statt fünfzig Prozent Kippgefahr. Unten im Ziel will er von der besonderen Spannung nichts wissen: „Bobfahren ist ein Rennsport. Da gehören Stürze dazu. Die besten Zehn haben sich durchgesetzt.“ Typisch Lange. Der 36 Jahre alte Berufssoldat aus Ilmenau versteht die Aufregung nicht.

          „Mit André fährt die Ruhe ab“

          Er lässt sich nicht packen von der Nervosität, den naheliegenden Gedanken an das Scheitern im letzten Moment. Oben im Umkleideraum haben sich die gewaltigen Anschieber mit gewöhnungsbedürftigen Ritualen aufgeputscht. Wie so häufig. Vor vier Jahren bei den Spielen in Cesana flog eine Bank durch den Raum. Der kanadische Bremser Lascelles Brown riss ein Waschbecken fast aus der Verankerung. „Zwei, drei haben wieder durchgedreht“, berichtet Kuske, der Modellathlet, von der explosiven Stimmung in Whistler. „Wir waren aber total relaxt. Es ist halt so. Mit André fährt die Ruhe ab.“

          Thomas Florschütz ist auch nicht gerade ein Nervenbündel. Das saß hinter ihm. Der junge, bärenstarke Rheinländer Richard Adjei, im Januar erst in den Zweier des Riesaers delegiert - zur Optimierung der Chancen. Aber mit gleich zwei Medaillen hatten die Deutschen nicht gerechnet. Zu schwankend fuhr Florschütz. Auf der Olympiabahn saß der designierte Nachfolger Lange aber plötzlich im Nacken, noch rechtzeitig vor dessen endgültigem Ausstieg mit dem Ende des Viererwett-Bewerbs am Samstag. „Thomas hat bewiesen, dass er auch im wichtigsten Wettbewerb gute Nerven hat“, sagte BSD-Generalsekretär Thomas Schwab: „Hier muss man erst mal viermal runterkommen.“

          Und so betrachten Florschütz/Adjei ihren Debüt-Erfolg als „Gewinn“. Im Rennen aber hatten sie Gold ins Visier genommen, nach der Bestzeit im ersten und geringem Rückstand nach dem zweiten Durchgang (0,13 Sekunden). Doch die kleinen Abstimmungsprobleme der jungen Fahrgemeinschaft Florschütz/Adjei beim Start warf die Angriffstaktik im dritten Lauf über den Haufen. Die Abschlusssause zu Silber hing schließlich gar am seidenen Faden, mit Florschütz in Kurve 13 auf der Kippkante: „Ich dachte mir: Einen Fehler darfst Du dir erlauben, aber auf der Seite liegend wird das nichts.“ Florschütz blieb auf Kufen.

          „Ohne Show, ohne Inszenierung“

          Im Ziel sprach er dann über Lange wie Formel-1-Piloten über ihren Rekordchampion: „Er hat keinen Fehler gemacht.“ Der Olympiasieger ist in diesem Punkt kritischer: „Perfekt war das nicht.“ Gelassen zieht Lange von einem Interview zum anderen. „Die Anspannung sackt langsam ab.“ Er will noch eine „Hopfenkaltschale“ probieren, ganz gemütlich. Und sich dann auf das große Finale konzentrieren. Den Vierer. Beim letzten Versuch in Whistler „haben wir auf der Nase gelegen und den Weltcup-Einsatz abgebrochen“.

          Nun steigt Lange mit einem neuen Schlitten ein. Eine kühne Premiere zum Finale seiner großen Karriere. Kollegen befürchten ein „Sturzfestival“, falls das Eis nicht noch stärker bearbeitet wird. „Es steht alles auf Grün“, sagt Lange ironisch. Für den letzten Schliff wird er noch einmal alles beiseite schieben. „Wehmut, ja, die kommt sicher, vielleicht am Samstag, vielleicht später“, fügt der 36jährige Steuerkünstler hinzu. Er geht ab als neuer Rekordmann des Bobsports, aus dem Rampenlicht im Ziel in die dunkle Nacht. Ohne Show, ohne Inszenierung. Jetzt will er noch einmal fahren und dann seine Ruhe haben. Wie Schumacher.

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