https://www.faz.net/-g8b-7m6hu

Natalie Geisenberger : Nervenspiel im Eiskanal

Gold im Blick: Natalie Geisenberger kann ihre Stärke beim Start nicht ausspielen, ist aber dennoch Favoritin Bild: AFP

Natalie Geisenberger ist große Favoritin im Rennrodeln, die Konkurrenz wartet auf einen Fehler. Angesichts ihrer überlegenen Saisonleistung sind die aber selten.

          3 Min.

          Der Winter fällt weitgehend aus in diesem Jahr in Deutschland. Das begreifen Rennrodler außerhalb von Deutschland als Chance. Weil doch die Klimaerwärmung dazu führt, dass die deutschen Mädchen und Jungen groß werden, ohne je auf einem Schlitten gesessen zu haben. Vielleicht kommt dann die Zeit, in der die Deutschen bei Olympischen Spielen abgehängt werden. Vielleicht.

          Natalie Geisenberger ist in einer anderen Zeit groß geworden, in Miesbach, in Oberbayern, wo es echte Winter gab. Klar, sie fuhr Ski als Kind. Aber auch so gern Schlitten, dass sie in der Schule an einem Schnuppertraining teilnahm. Das war kein guter Tag für den Rest der Welt, der auf Schlitten um die Wette fährt - eine, zugegebenermaßen, nicht sehr große Welt, aber es gibt Sportarten, die in weniger Ländern Freunde finden.

          Natalie Geisenberger ist sofort schnell auf dem Rodel, mit 14 Jahren zieht sie zur Familie des damaligen Bundestrainers Thomas Schwab und wird das erste Mal deutsche Jugendmeisterin. „Und seither ging es weiter kontinuierlich bergauf“, sagt Natalie Geisenberger zwölf Jahre später. Kann man so sagen. Felix Loch, Tobias Wendl und Tobias Arlt und Natalie Geisenberger: Aus der Jugendtrainingsgruppe am Königssee sind innerhalb von zehn Jahren die besten Rennrodler der Welt geworden.

          Pfeilschnelle Medaillenhoffnung: Natalie Geisenberger im Eiskanal

          Felix Loch wurde am Wochenende seiner Favoritenrolle gerecht: Er holte am Sonntag die erste deutsche Goldmedaille in Sotchi. Wendl/Arlt sind es bei den Doppelsitzern. Aber im Rennen der Frauen, das an diesem Montag (Erster Lauf um 15.45 Uhr) beginnt, sticht die Favoritin noch deutlich stärker heraus. Natalie Geisenberger hat in diesem Winter acht Weltcups bestritten und sieben gewonnen. Sie ist Weltmeisterin und war Europameisterin 2013 - auf die EM in diesem Jahr hat sie vor Olympia verzichtet. Seit 2010, seit den Olympischen Spielen in Vancouver, hat die Polizeimeisterin Natalie Geisenberger 29 Weltcuprennen gewonnen und zwei mal den Gesamt-Weltcup. Sie ist die Favoritin.

          Am Samstagnachmittag trainierte Geisenberger im „Sanki Sliding Center“, auf der Bahn, die die Russen in den Kaukasus gebaut haben. „Sie gefällt mir sehr gut“, sagte Geisenberger nach zwei Bestzeiten, „sie ist anspruchsvoll, es gibt drei Bergaufpassagen, die keine Fehler verzeihen, aber sie ist nicht gefährlich.“ Die Gefahr neuer Bahnen ist seit dem Tod von Nodar Kumaritaschwili im Abschlusstraining vor den Spielen von Vancouver ein Thema, aber „Sanki“, da sind sich alle einig, ist für alle Piloten zu bewältigen. Allein: „Sanki“ ist zu steil für die derzeit erfolgreichste Rodlerin der Welt, jedenfalls am Start.

          Beim Start ist sie der Anti-Hackl

          Natalie Geisenberger ist eine 1,83 Meter große Frau, durchtrainiert, sie hat lange Arme und ist mit 26 Jahren in einem für die Athletik idealen Alter. Weil sich auch beim Rodelstart die Geschwindigkeit aus der Multiplikation von Kraft und Weg ergibt, schätzt Natalie Geisenberger lange Wege, auf denen sie ihre Kraft mit den Paddelschlägen aufs Eis bringen kann. Besser als sie ist in diesem Jahr niemand gestartet. Sie ist, was den Start beim Rodeln angeht, gewissermaßen der Anti-Hackl. Georg Hackl hatte aufgrund seiner kurzen Arme stets über seine Nachteile gegenüber der Konkurrenz geklagt. Geisenberger beschwert sich nicht über „Sanki“, das nicht, aber: „Diesbezüglich haben die Russen halt ihren Heimvorteil genutzt.“

          So wird sich Natalie Geisenberger am Montagabend zu den ersten beiden Läufen in die Eisrinne stürzen ohne die Athletik, ihren größten Trumpf gegenüber der Konkurrenz, ausspielen zu können. Trotzdem war sie in dieser Saison so überlegen unterwegs, dass die Konkurrenz nur eine Chance haben wird, sie unter Druck zu setzen: im ersten Lauf. Die olympischen Rennrodel-Entscheidungen fallen in vier Läufen, aber sollte Geisenberger nach der ersten Fahrt bereits einen großen Vorsprung haben, eine Zehntelsekunde oder mehr, dann dürfte es für den Rest der Welt zu spät sein. Ihre Konkurrentinnen wissen das, die Russin Tatjana Iwanowa, die Kanadierin Alex Gough und vor allem Tatjana Hüfner, die Olympiasiegerin von 2010. Sie, die Geisenberger auf ihrer Heimbahn in Oberhof die einzige Niederlage zufügte, aber in Sotschi im Training nicht zurecht kam, muss hoffen, dass der ersten Gold-Kandidatin im ersten Lauf ein Fehler unterläuft, dass sie nach einem Viertel des Rennens noch nicht auf Platz eins der Ergebnisliste steht.

          Und dann verunglückte Kumaritaschwilli

          2010 ist Geisenberger das passiert. Hüfner war zwar damals, mit 26 und frei von Rückenschmerzen, die sie zuletzt peinigten, die Favoritin. Aber die Gegnerin aus Bayern gehörte längst zur Elite. Ihr wurde der Sieg zugetraut, an zwei guten Tagen. Aber Geisenberger machte viele Fehler. Sie war gewissermaßen vom olympischen Geist gepackt, gab Interviews, freute sich auf die Eröffnungsfeier - nahm die Spiele auf. Und dann verunglückte Kumaritaschwili: „Ich habe mir sehr schwergetan mit dem tödlichen Unfall von Nodar. Ums Haar hätte ich sogar noch den dritten Platz verloren. Daher habe ich mich über Bronze sehr gefreut, das mache ich heute noch.“

          Nun liegt die Medaille in einer eigens gebauten Vitrine daheim. In Sotschi verzichtet Geisenberger auf Interviews und Fernsehauftritte. Sie weiß, wer die Favoritin ist und dass die deutsche Konkurrenz wachsen wird in den nächsten vier Jahren. Selbst wenn der Winter weiter ausbleibt. Die Deutschen haben vier Kunsteisbahnen.

          Weitere Themen

          Gigantische Olympische Ringe Video-Seite öffnen

          Sommerspiele in Japan : Gigantische Olympische Ringe

          Die Installation ist 32,6 Meter breit und 15,3 Meter hoch. Sie soll in der Bucht von Tokio vor Anker gehen, in der Schwimm- und Triathlonwettbewerbe stattfinden. Die Olympischen Sommerspiele beginnen am 24. Juli.

          Topmeldungen

          Der amerikanische Präsident Donald Trump spricht Mitte Januar bei einer Wahlkampfkundgebung im Bundesstaat Wisconsin.

          Wahlen in Amerika : Die Opposition muss draußen bleiben

          In der republikanischen Partei gibt es durchaus ein paar Trump-Gegner, sie haben aber meist keine gewählten Ämter. Eine neue Lobbygruppe ruft in ihrer Verzweiflung nun zur Wahl von Demokraten auf.
          Dubravko Mandic vergangenen Herbst in Leipzig

          Protest der AfD gegen SWR : Eine Grenze überschritten

          Nach dem „Oma-Video“ hat die AfD in Baden-Baden gegen die Öffentlich-Rechtlichen gehetzt, darunter der Politiker Dubravko Mandic. Der Auftritt könnte strafrechtliche Folgen haben.

          Harry und Meghan : Ohne königlichen Glanz

          Ein unabhängigeres Leben führen und dennoch im Namen der Königin auftreten, das war der Plan von Harry und Meghan. Er hat sich nicht erfüllt. Und nun sinkt auch noch die Beliebtheit des Rotschopfs. Schwere Zeiten für das einstige königliche Traumpaar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.