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Eiskunstlauf : Blaue Pillen für den minderjährigen Steuer

  • -Aktualisiert am

„Ich war so dünn“: Steuer verharmlost die Anabolika-Vergabe an ihn Bild: EPA

Ingo Steuer, Trainer des deutschen Eiskunstlaufpaars Aljona Savchenko und Robin Szolkowy, hat als Jugendlicher Doping-Mittel bekommen. In Sotschi verteidigt er die Verabreichung als „Prophylaxe“.

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          Wie passend: Kaum hatte das Eiskunstlaufpaar Aljona Savchenko und Robin Szolkowy die von zwei kapitalen Fehlern verdorbene Kür in Sotschi absolviert, da wich aus den Gesichtern der Weltklasse-Athleten das Vortragslächeln. Statt Sieg Platz drei, statt Gold Bronze. Nichts wert, wie sie sagten. Ihr Trainer Ingo Steuer schloss sich an und verwies damit ungewollt auf den Titel seiner Biographie: „Eiszeiten – Vom Ehrgeiz getrieben“. So erzählt Steuer sein Leben auf Kufen, als müsste alles dem absoluten Erfolg untergeordnet werden. Der extreme Ehrgeiz spricht immer wieder aus der Schilderung der zahlreichen Anekdoten, die Steuer aus seinem Sportler- und Trainer-Leben zum Besten gibt.

          Seinen Lesern präsentiert er eine leichte, aber oft geschwätzige Unterhaltung über 227 Seiten, etwa über eine Haarverpflanzung (samt Fotodokumentation) 2013. Bei den haarigen Themen, wenn es denn mal ernst wird, wenn es um Aufklärung geht über die Trainingsmethoden zu seiner Zeit, die möglicherweise weit über die Person Steuer hinausgehen, dann bleibt der Chemnitzer merkwürdig einsilbig. Er hätte nämlich etwas zu sagen über die größte Gefahr für den Sport: über Doping. Ja, auch im Eiskunstlauf. Über Doping-Praktiken bei ihm, dem Minderjährigen. Denn bevor Ingo Steuer als Jugendlicher im DDR-Sportclub SC Karl-Marx-Stadt vom Einzelwettbewerb zum Paarlauf wechselte und 1984 mit Manuela Landgraf in Sapporo den Junioren-Weltmeistertitel gewann, wurde ihm ein halbes Jahr Athletiktraining verordnet. Steuer erklärt dazu in seinem Buch: „Ein Intensivtraining zum Muskelaufbau. Nicht, dass ich bis dahin keine Muskeln gehabt hätte! Trotzdem sah ich aus wie ein Streichholz mit Schlittschuhen unten dran. Im Paarlauf werden an den männlichen Läufer aber ganz andere Forderungen gestellt. Dazu bekam ich täglich eine kleine blaue Pille mit den Worten ,die nimmst du jetzt mal eine Weile‘.“ Dann sind in Verbindung mit dem Training die Muskeln gewachsen. „War das Doping?“, fragt sich Steuer in seinem Buch und antwortet: „Ich weiß es nicht, dazu müssten andere befragt werden.“

          Nicht wirklich. Die blauen Pillen, die Steuer erhielt, kamen mit hoher Wahrscheinlichkeit vom VEB Jenapharm. Es handelte sich um Oral-Turinabol, ein Anabolikum, das Standard-Doping-Mittel der DDR. Funktionäre, Ärzte und Trainer sprachen vorwiegend von unterstützenden Mitteln, wenn sie die Blauen verteilten. Sie wurden an zwei, drei Generationen von Sportlern verabreicht, getreu dem staatlich verordneten, geheimen Doping-Plan. Mal ohne, mal mit Wissen der Athleten. Spätestens seit 1991 ist diese Geschichte eines Präparates eigens für die Manipulation von Menschen, auch Kindern, dokumentiert worden. Auch in Sotschi sagte Steuer auf Nachfrage, er wisse immer noch nicht, ob er Oral-Turinabol (OT) bekommen habe: „Es gab aber ja keine anderen blauen Pillen. Deshalb gehe ich davon aus, dass es OT war. Ich sehe das aber als Prophylaxe, ich war damals so dünn und sollte Paarläufer werden.“ Verbotene, auf jeder offiziellen Anti-Doping-Liste stehende Mittel als Prophylaxe? „Damals wurde das als Prophylaxe eingesetzt. Aber mit dieser Einstellung habe ich nichts zu tun, ich bin gegen jedes Doping“, erklärte Steuer in Sotschi. In seinem Buch beteuert er, dass in seiner späteren Laufbahn, er wurde 1997 in Lausanne mit Mandy Wötzel Paarlauf-Weltmeister, Doping nie eine Rolle gespielt habe. Chemische Substanzen zu nehmen sei für ihn ehrenrührig. „Ich finde es traurig, dass Ingo Steuer in seinem Buch die Vergabe von Turinabol nicht konkret benannt hat, nachdem seit vielen Jahren bekannt ist, dass Oral-Turinabol auch im DDR-Eiskunstlaufsport eingesetzt wurde. Auch von wem er damals die Pillen bekam, beschreibt er im Buch nicht“, sagte Marie Katrin Kanitz, Dritte der Eiskunstlauf-EM 1987 in Sarajevo im Paarlaufen und zweimalige DDR-Meisterin. Frau Kanitz ist ein staatlich anerkanntes Doping-Opfer. Sie setzt sich seit Jahren für die Aufklärung der perfiden Machenschaften im DDR-Eiskunstlaufsport ein. Seit 2013 arbeitet sie in der Beratungsstelle des Doping-Opfer-Hilfe-Vereines in Berlin.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Zu den Sportarten, in denen die DDR bereits vor den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck Doping-Mittel einsetzte, gehört auch der Eiskunstlauf, wie Stasi-Akten dokumentieren. Darin ist belegt, dass der Paarläufer Rolf Oesterreich vom SC Dynamo Berlin, der mit Romy Kermer in Innsbruck die olympische Silbermedaille gewann, bei der DDR-Ausreisekontrolle positiv auf anabole Steroide getestet worden war und erst anreiste, als der Doping-Missbrauch nicht mehr feststellbar war.

          Auch über ein zweites heikles Kapitel seiner Lebensgeschichte schreibt Steuer schnell hinweg. Er entschuldigt sich zwar formal für seine einstigen Aktivitäten als Stasi-Spitzel im DDR-Eiskunstlauf-Zentrum in Karl-Marx-Stadt. Dort hatte Steuer unter dem Decknamen „Torsten“ als Inoffizieller Mitarbeiter von 1985 bis 1989 üble Spitzelberichte geschrieben. Unverfängliche, wie er nun in seinem Buch behauptet: „Mit meinen Auskünften hätten Menschen in Bedrängnis kommen können. Wenn ich naiv war, so entschuldigt das nichts. Es tut mir leid, aber ändern kann ich es nicht mehr.“ Das Letzte stimmt, das Erstere ist falsch: Steuers Konjunktiv entspricht nicht der Wahrheit. Seine Spitzelergebnisse haben Menschen sehr wohl in Bedrängnis gebracht. Auch das geht aus den Akten hervor. Insofern drängt sich nach der Lektüre der Vergleich zum Auftritt in Sotschi auf: An den wichtigsten Stellen dieser Biographie patzt Steuer.

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