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Eishockey : Die Besten sollen die Ersten sein

  • -Aktualisiert am

Trainer Mike Babcock weist Team Canada den Weg zum erhofften Gold Bild: AP

Die Eishockey-Stars des kanadischen Teams geben sich bescheiden. Doch im Mutterland des Eishockeys wird nicht weniger erwartet als der erste Olympiasieg auf heimischem Boden. Zweimal scheiterte das Team am Projekt Heimsieg.

          3 Min.

          Platz eins in der olympischen Medaillenwertung für Kanada? Ach, sagen da die einheimischen Kellner und Kioskbesitzer in Vancouver, vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Beiläufiges Schulterzucken. Aber im Eishockey? „Da gibt es nur Gold.“ Die Erwartungen der Kanadier an ihre Cracks bei diesen Winterspielen sind so hoch, dass sich Premierminister Stephen Harper sogar Sorgen macht. „Ich kann mir so spontan kein anderes Land vorstellen, wo von einem Team so universell eine Goldmedaille verlangt wird und nicht weniger“, sagte er in einem Interview mit der amerikanischen Zeitschrift „Sports Illustrated“. „Und das bereits seit vier Jahren. Es ist eine Riesensache.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Eishockey, das in Nordamerika angesichts des unbedeutenden Verwandten auf dem Trockenen nur „Hockey“ genannt wird, charakterisiere sein Land in einzigartiger Weise. „Man könnte sagen, dass Fußball in manchen Ländern genauso wichtig ist, aber – keine Nation identifiziert sich so sehr mit einem Sport wie Kanada mit Hockey oder die Vereinigten Staaten mit Baseball.“ Er selbst, räumte der Regierungschef ein, habe durch das Studium der Hockeygeschichte sehr viel über den kanadischen Nationalcharakter gelernt. „Die Entwicklung des Hockeys ist ein wichtiger Teil der Entwicklung einer einheitlichen kanadischen Identität.“

          Begehrte Finaltickets

          So kann man es auch sagen. Aus dem Trainingslager der damals noch 46 kanadischen Nationalspieler berichteten jedenfalls 200 Reporter. Und die Bekanntgabe des 23 Mann starken Kaders Ende Dezember wurde von 13 Fernsehanstalten übertragen, die vier Millionen Zuschauer erreichten. John Furlong, Organisationschef der Winterspiele von Vancouver, erstaunte am Dienstag seine Zuhörer mit der Information, dass es für die 6000 frei verkäuflichen Karten des olympischen Eishockeyfinales 155.000 Anfragen gegeben habe. Für die besten Plätze an jenem Schlusstag der Winterspiele wird im Internet schon ein Vielfaches des regulären Preises von 530 Euro gefordert. Ein Barkeeper in Downtown behauptete gar, er habe sein Finalticket für 7000 Dollar (4765 Euro) verkauft.

          Der Star des Team Canada: Sidney Crosby
          Der Star des Team Canada: Sidney Crosby :

          Jeder will schließlich das Team Canada um seinen Superstar Sidney Crosby um Gold spielen sehen. Dass Kanada in Turin 2006 nicht einmal das Halbfinale erreicht hat, wird verdrängt. Das Endspiel ist Pflicht. Gegen wen ist zweitrangig. Gegen Russland vielleicht oder Schweden, den Olympiasieger von 2006, oder, am liebsten, gegen die Vereinigten Staaten. Die hoffen das auch. Schließlich haben sie 2002 in Salt Lake City, also im eigenen Vorgarten, eine böse Niederlage gegen Kanada einstecken müssen. „Hoffentlich“, sagte der amerikanische Stürmer Patrick Kane, „können wir ihnen diesmal ihre eigene Medizin zu schlucken geben.“

          Noch flimmert die NHL über die Bildschirme

          Der 22 Jahre alte Crosby, das Wunderkind des nordamerikanischen Hockeys, sieht das ganz anders. „Der Druck ist aufregend. Und dass wir in Kanada spielen, wollen wir genießen. Ich glaube, so sehen die Jungs das. Wir mögen das“, sagte Sid the Kid. Außerdem wird er in Vancouver ein angenehmes Leben genießen können. Normalerweise nämlich verfolgt ihn die Bewunderung seiner Landsleute bis zum Tisch im Restaurant. Während der Winterspiele aber wird er wie alle seine Mannschaftskollegen im Olympischen Athletendorf wohnen. Die Zimmer dort sind zwar nicht mit den Luxusunterkünften zu vergleichen, in denen die Stars der nordamerikanischen Eishockey-Liga NHL normalerweise nächtigen. Und eine Mannschaft, die ein gemeinsames Saisoneinkommen von etwa 120 Millionen Dollar zusammenbringt, entwickelt gewisse Ansprüche. Aber spartanisch sind die Zimmer auch wieder nicht zu nennen. Und das Beste daran: Fans und Journalisten haben keinen Zutritt.

          Allerdings ziehen die NHL-Spieler, die für ihre Nationalmannschaften nominiert wurden, noch lange nicht ein in die Räumlichkeiten, in denen sie Seite an Seite mit Snowboardern und Eisschnellläufern an der Essensausgabe stehen werden. Die NHL spielt bis zum 14. Februar, also zwei Tage nach der Eröffnungsfeier. Ob dann immer noch auf den Bildschirmen im Medienzentrum von Vancouver die NHL gezeigt wird? Am vergangenen Sonntag konnten die Olympia-Journalisten sich noch am Duell der Washington Capitals mit dem aktuellen Stanley-Cup-Sieger, den Pittsburgh Penguins, erfreuen. Das Spiel endete 5:4 nach Verlängerung für Washington. Der persönliche Zweikampf zwischen dem hochgeschätzten russischen Linksaußen Alexander Owetschkin für Washington und Spielmacher Crosby für Pittsburgh endete nach Toren 3:2. Aber man soll sich ja bald wiedersehen auf dem Eis von Vancouver.

          Team Kanada muss es schaffen

          Sogar die Spieler der Vancouver Canucks wollen während Olympia lieber im Athletendorf schlafen. Torwart Roberto Luongo sagte: „Ich bin Teil des kanadischen Teams, verstehen Sie? Ich will die ganze Erfahrung machen und mit meinen Teamkollegen und anderen Sportlern zusammen sein.“ Die Atmosphäre im Sportlerdorf ist eben unbezahlbar. Obwohl: Die Stars der amerikanischen Basketball-Profiliga sahen das bisher immer anders. Während der Sommerspiele 1992 in Barcelona schliefen sie in Hotelbetten, die 900 Dollar pro Nacht kosteten. „Ich bin ein schwarzer Millionär“, sagte Charles Barkley damals, „ich habe verdient, zu wohnen, wo ich will.“ Während Olympia 2004 in Athen zogen sich die einzelgängerischen Cracks auf einen Luxusliner zurück. Und auch vor zwei Jahren in Peking wohnten sie im Hotel.

          Nichts als Gold – das ist ein großer Indianerschwur für ein Land, das auf eigenem Boden noch nie eine olympische Goldmedaille gewonnen hat – weder bei den Sommerspielen 1976 in Montreal noch bei den Winterspielen 1988 in Calgary. Und außerdem, mahnen Experten im eigenen Land, seien auch andere Nationen sehr gut in „Kanadas Spiel“. Was also, wenn die Riesensache schiefgeht? Unvorstellbar in diesem Land. Team Kanada muss es schaffen.

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