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Bobtrainer Bethge : „Raimund for Whistler“

  • -Aktualisiert am

Wäre am liebsten zu Hause geblieben: Für Bobtrainer Bethge ist die Olympia-Reise ein Risiko Bild: dpa

Bobtrainer Raimund Bethge gelang, was wenigen im deutschen Sport glückte. Er wirkte wie der personifizierte Ost-West-Ausgleich - und war zudem enorm erfolgreich. Kein Wunder, dass seine Athleten nicht ohne ihn nach Vancouver wollten.

          Alle wollen sie zu den Olympischen Spielen. Mancher kämpft ein Athletenleben darum, anderen ist jedes Mittel recht, Dritte ziehen vor Gericht, um einmal dabei zu sein. Raimund Bethge wäre am liebsten zu Hause geblieben. So hatte es sich der Cheftrainer der deutschen Bob- und Skeleton-Auswahl gedacht und im Herbst Abstand genommen: von einem goldenen Abschluss seiner glänzenden Trainerlaufbahn beim bedeutendsten Wintersportfest des Planeten, von einer Karriere mit einer ganz besonderen Note.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Dem leisen, 62 Jahre alten Bethge gelang, was wenigen im deutschen Sport glückte. Er wirkte zwei Jahrzehnte wie der personifizierte Ost-West-Ausgleich. Der Brandenburger war 1990 zu seiner eigenen Überraschung nicht „abgewickelt“, sondern vom Bobverbands-Präsidenten Klaus Kotter zum Chef einer höchst heterogenen, in Teilen feindseligen Mannschaft ernannt worden. Von alleine wuchs nicht zusammen, was angeblich zusammengehörte. Im Gegenteil. Bethge aber gewann als Trainer des erfolgreichen Ich-AG-Experten und Olympiasiegers Christoph Langen nicht nur dessen Vertrauen, sondern mit seinen ausgewogenen Entscheidungen etwa in heiklen Nominierungsfragen deutschlandweit Ansehen. „Es war manchmal hart, aber immer gerecht“, sagt der frühere Winterberger Bob-Pilot René Spies.

          Bethge ließ Ost und West Spielraum, ohne die Kontrolle aus der Hand zu geben. Dabei stellte sich heraus, dass man auf zwei Wegen zum Chefpiloten der Bobszene aufsteigen kann. Als Unternehmer (Langen) mit eigenem Risiko und entsprechend größerer Gewinnmarge oder als exzellenter Steuermann (Lange) in einem professionellen Betreuungssystem. Das Ergebnis ist zählbar: Unter Bethges Leitung gewannen die vereinten Bobfahrer 127 Medaillen bei Europa-, Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen.

          Sliding Center in Whistler: Medaillenbahn für Bethges Bobs

          Es können und werden wohl noch mehr werden. Denn Bethge ist am Dienstag in Vancouver gelandet. Ganz gegen seine Gewohnheit ging er ein Risiko ein - auf eigene Kosten. Schon beim letzten Überseeflug vor einem Jahr erlitt der ehemalige Anschieber eine lebensgefährliche Thrombose; unter anderem Spätfolgen eines fürchterlichen Crashs. Im Herbst 2005 war Bethge im italienischen Eiskanal bei Cesana von einem Bob erfasst worden. Damals wurde ein Unterschenkel zertrümmert, der andere brach mehrfach. Inzwischen macht sich auch das harte Training als Leichtathlet bemerkbar. Bethge war 1969 DDR-Meister über 110 Meter Hürden.

          Das letzte Hindernis auf dem Weg zur Bobbahn nach Whistler räumten seine Athleten aus dem Weg. Erst protestierten Andre Lange und Sandra Kiriasis intern. Sie fürchteten wohl, die Abwesenheit des Chefs könne zu Kompetenzstreitereien oder gar Führungslosigkeit führen. So wie es die monatelange Diskussion um Bethges Nachfolge nahelegte. Weil der inoffizielle Athleten-Druck wenig Wirkung zeigte, entschloss sich die gesamte Mannschaft beim Weltcup in St. Moritz zu einer überwältigenden Kleiderordnung: „Raimund for Whistler“ stand auf eigens gedruckten T-Shirts. „Das war der wohl emotionalste Moment in meiner Karriere“, sagte Bethge vor zwei Wochen. Und antwortete nach einer kleinen Pause mit britischem Humor: „Na ja, vielleicht ist es auch der schnellste Weg, mich loszuwerden.“

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