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Erfolgreiche Kombinierer : Das System Weinbuch

  • -Aktualisiert am

Erfolg mit System: Bundestrainer Hermann Weinbuch sorgt für Olympiagold bei den deutschen Kombinierern. Bild: dpa

Die Deutschen dürfen sich über eine weitere Goldmedaille bei Olympia freuen. Hinter dem Erfolg der Kombinierer steht Bundestrainer Hermann Weinbuch mit seiner bewährten Mischung aus Autorität, Emotionalität und Fingerspitzengefühl.

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          Der Mann bezeichnet sich als begeisterten Golfer und fanatischen Fußballer, aber in erster Linie ist er das, was man einen Erfolgsgaranten nennt – und das in einem ganz anderen Metier. Hermann Weinbuch, Chef der Kombinierer, gilt als einer der erfolgreichsten Bundestrainer überhaupt. Seit 1996 macht er diesen Job schon, wenngleich sie ihn 2011 überreden mussten, weiterzumachen, weil er sich mehr um die Familie kümmern wollte. In Pyeongchang erlebt der 57 Jahre alte Mann aus Bischofswiesen, der selbst dreimal Weltmeister war, seine neunten Spiele, seit 1998 als Trainer.

          Und mit der Goldmedaille von Eric Frenzel vom Mittwoch soll die Weinbuch-Kollektion jetzt auf 45 Medaillen bei Weltmeisterschaften und Olympia angewachsen sein. Aber darauf gibt er wenig. Was nichts daran ändert, dass er der Vater des Erfolgs ist. Der Mann, der die Kombinierer mit einer Mischung aus Autorität, Emotionalität, Gelassenheit und Fingerspitzengefühl dauerhaft in der Weltspitze verankert hat – vor allem aber mit System.

          Einer, der stets die richtigen Worte zu finden scheint, der immer an den richtigen Stellschrauben dreht, wenn es mal nicht läuft. So wie in dieser Olympiasaison, in der die deutsche Dominanz verlorengegangen war. Natürlich beschleichen auch einen so erfahrenen Mann bisweilen leise Zweifel, wenn man dem Plan hinterherhinkt. „Man ist ja auch nur ein Mensch“, sagt Weinbuch. Andererseits hat er als Krisenmanager reichlich Erfahrung. Beispiel WM 2011 in Oslo: „Da habe ich mir schon vorher heftige Fragen anhören müssen, warum wir so schlecht sind.“ Dessen ungeachtet, kam der Auftrag von ganz oben: „Ihr müsst drei WM-Medaillen gewinnen.“ Bei einem Lehrgang in Oslo ist das Team dann zusammengerückt. Es sind sechs Medaillen geworden. Seine Spitzenleute Frenzel und Johannes Rydzek waren da schon dabei.

          Kampf der Alphatiere

          Bei deren Duell, das vergangene Saison die Kombinierer-Welt beherrschte, war Weinbuch mehr als Moderator gefragt. Zwei Alphatiere in einem Rudel, da braucht es eine sensible Hand. „Wir müssen schon aufpassen, dass jeder unserer Chefs komplett gleich viel Aufmerksamkeit bekommt, dass nicht der Eindruck entsteht, dass einer als Favorit gesehen wird“, sagt der 57 Jahre alte Bayer. Eine Saison lang ging es gut, war sogar leistungsfördernd, weil beide Alphatiere sich gegenseitig anstachelten. Dann kam die Phase des Belauerns, und Weinbuch war gefordert, den verlorenen Teamgeist zurückzuholen. Sieht aus, als hätte er auch das geschafft.

          Während es selbst in erfolgsverwöhnten Sportarten wie Skispringen oder Biathlon immer wieder Durststrecken und Wellentäler gibt, liefert das System Weinbuch seit Jahren verlässlich Spitzen-Kombinierer. „Ich hatte schon damals eine Idee für ein System, eine Trainerphilosophie. Davon war ich überzeugt“, sagt Weinbuch. Beim Trainerstudium in Köln hat er sich aus vielen Mosaiksteinchen ein Bild zusammengesetzt. Natürlich probiert man im Laufe eines Trainerlebens viel aus, sortiert, modifiziert, „aber meine Linie habe ich nie verlassen“. Weinbuchs Fundament: ein Rahmentrainingsplan von den Zehnjährigen bis zu den Senioren. „Das baut alles aufeinander auf. Das ist unser Vorteil. Deshalb sind wir so gut“, sagt er. Mit dem 20 Jahre alten Vinzenz Geiger ist in Pyeongchang schon jetzt die Zukunft am Start.

          Aber ganz am Anfang steht beim Deutschen Skiverband (DSV) eine breite Ausbildung, bei der zunächst keine Unterschiede zwischen Springern und Kombinierern gemacht werden. „Erst ab 12, 13 wird dann selektiert. Da weiß jeder, wo seine Talente liegen.“ Andreas Wellinger etwa, der gerade Olympiasieger von der kleinen Schanze geworden ist, war einst bei den Kombinierern im C-Kader, bevor er sein wahres Talent entdeckte. „Wir kommen eher über das Skispringen“, sagt Weinbuch. „Es gibt ja genug Langläufer, die sich nicht von einer Schanze runtertrauen.“

          Fokus auf nahezu perfekte Balance

          Aber natürlich braucht er Männer mit beiden Fähigkeiten. Wobei im System Weinbuch der Fokus auf der nahezu perfekten Balance liegt. Was hilft ein Superspringer ohne Talent zum Laufen? So wie der Norweger Jarl Magnus Riiber, der fast regelmäßig Bestweiten springt, in der Loipe aber meist nicht mithalten kann. „Das ist genetisch vorbestimmt. Da kann man nur noch angleichen“, sagt Weinbuch. „Wir haben das Glück, mit Frenzel, Rydzek und Rießle ziemlich ausgeglichene Athleten zu haben.“ Ein klarer Vorteil: Weil man dann immer handlungsfähig bleibt und auf jede Situation reagieren kann. So, wie es Frenzel bei seinem Olympiasieg gerade eindrucksvoll demonstriert hat.

          Um so lange so erfolgreich arbeiten zu können, muss man auch über den Tellerrand hinausschauen. Fußballtrainer, und da vor allem Vereinstrainer, interessieren Weinbuch ganz besonders. Größen wie Klopp oder Guardiola. „Im täglichen Geschäft gut zu sein ist schon brutal schwer“, sagt er. Und er hat festgestellt, was solche Erfolgstrainer meist auszeichnet: hohe Emotionalität, großes Fachwissen, soziale Kompetenz, dass sie von ihrer Sache überzeugt sind und dass sie lieben, was sie tun: „Da finde ich mich auch oft wieder“, sagt er

          „Was ich mich aber frage, ist, wie die das mit so hohen Emotionen alle drei Tage auf die Dauer durchhalten.“ An Heynckes wiederum schätzt Weinbuch die Ruhe, seine Erfahrung, seine Souveränität. „Er erreicht die Spieler, spricht viel, zeigt ihnen, dass er an sie glaubt. Das versuche ich auch. Die Athleten müssen spüren, dass ich in ihnen etwas sehe: dass sie Stärken besitzen, dass sie Weltspitze werden können.“ Oder Olympiasieger.

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