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Skisprung-Teamwettbewerb : Höhenflug mit Luftpolster

  • -Aktualisiert am

Der Überflieger: Andreas Wellinger soll das deutsche Team zur Medaille führen Bild: Reuters

Erst Gold, jetzt noch Silber von der großen Schanze: Der neue Vorspringer Andreas Wellinger soll die Deutschen zum Erfolg beim Teamwettbewerb führen.

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          Vorsichtsmaßnahmen hat es jede Menge gegeben. In den ersten Tagen der Winterspiele, als die Athleten aus aller Welt eintrafen, war bekannt geworden, dass sich rund um die Olympia-Anlagen das Norovirus ausgebreitet hatte. Seitdem wird noch penibler aufgepasst: Desinfektionssprays haben Hochkonjunktur, manche Athleten ziehen einen Schal über Mund und Nase, wenn sie vor die Tür gehen, Hände werden weniger geschüttelt. Es gilt, Abstand zu wahren. Am Samstagabend war es jedoch besonders im Kreis der Polen im Alpensia Resort von Pyeongchang mit einem Mal um jedwede Form der zwischenmenschlichen Zurückhaltung geschehen: Als Kamil Stoch als Gold-Gewinner von der Großschanze feststand, fielen ihm seine Wegbegleiter um den Hals. Auch die Deutschen lagen sich in den Armen. Silber für Andreas Wellinger nach Gold von der kleinen Schanze, geschlagen in einem dramatischen Wettkampf nur um 0,4 Punkte. Wellinger war fast sprachlos: „Eigentlich unbeschreiblich.“

          Olympische Winterspiele 2018

          135,5 Meter weit war er schon im ersten Durchgang gesprungen. Im Finale aber gelang ihm als drittletzter Starter ein Riesensatz auf 142 Meter, keiner flog so weit an diesem Abend. Der Österreicher Michael Hayböck, bis dahin Zweiter, hielt dem Druck nicht stand und brachte nach 140 Metern im ersten Versuch nur noch 131 zustande. Wellinger auf Goldkurs? Nur noch einer oben. Und dann begann das Zittern. Böen verzögerten die Entscheidung.

          Oben Stoch auf dem Sprung, unten Wellinger nach der Landung weiter unter Höchstspannung. Die Jury wartete. Noch eine Böe? Keine mehr. Grünes Licht für Stoch. Schon schoss er die Anlaufspur hinab. Der 30-jährige Star der Szene aus Zakopane wusste, dass er sich gegen den furchtlos gesprungenen Wellinger keine Schwäche würde erlauben dürfen. Das erzählte er später. Absprung: Stoch drückt den Kopf nach vorne in Richtung Skispitzen, um die beste V-Position erreichen zu können. Segeln muss er, tief hinab mit der besten aerodynamischen Position. Er fliegt und fliegt, aber an Wellinger kommt er nicht heran: 136 Meter. Doch die saubere Telemark-Landung überzeugt die Wertungsrichter – und Wellinger: „Kamil hatte heute zwei Sprünge auf diesem Niveau und ist deswegen verdient Olympiasieger.“ Von Enttäuschung keine Spur: „Ich habe mich hier von Sprung zu Sprung gesteigert“, sagt der Münchner, „es ist doch geil, dass ich wieder mit einer Medaille nach Hause gehen darf.“ Es kann noch eine dritte werden.

          Chance zur kollektiven Krönung

          An diesem Montag steht zum Abschluss der Team-Wettbewerb (MEZ 13.30 Uhr) als Chance zur kollektiven Krönung auf dem Programm. Mit Wellinger als deutschem Vorspringer: Bundestrainer Werner Schuster lobte die Konstanz, die Klasse und die Konsequenz, die Wellinger demonstriere. Er habe „alles, was es braucht“: Mit 65 Kilo Gewicht und der Größe von 1,83 Meter den geeigneten Körperbau für das Skispringen, passende Hebelverhältnisse; er verfüge über exzellente koordinative Fähigkeiten und sei mental der Herausforderung gewachsen. „Andreas Wellinger hat klare Vorstellungen, was er will. Aber er lässt sich auch führen. Vor allem ist er mit seiner Arbeitsweise zum Profi geworden“, sagt der Chefcoach über seinen Musterschüler.

          Vor sieben Jahren, während eines gemeinsamen Lehrgangs, waren Schuster die Qualitäten des damals noch in der Nordischen Kombination starteten Teenagers aufgefallen. Er nahm Wellinger kurzerhand in seinen Kader auf, räumte ihm Bewährungsproben ein. Drei Jahre später sprang der junge Deutsche mit dem Team zum Mannschaftssieg bei den Winterspielen 2014 in Russland. „Damals in Sotschi hatte ich überhaupt keine Erwartungshaltung und das Glück, zu einem geilen Team zu gehören“, sagt Wellinger, der die Gunst des Augenblicks zu genießen gelernt hat, nachdem er am eigenen Körper spürte, wie schnell das Pendel in die andere Richtung ausschlagen kann, wie fragil das System ist. Ende November 2014 stürzte er im Sturm über Kuusamo ab.

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