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Olympia in Pyeongchang : Wellingers kühler Kopf im heißen Kampf um Gold

  • -Aktualisiert am

So sehen Olympiasieger aus: Andreas Wellinger holt in Pyeongchang Gold. Bild: AFP

Wind und Kälte machen den Skispringern schwer zu schaffen. Im entscheidenden Moment nach Mitternacht springt Andreas Wellinger von Platz fünf nach dem ersten Durchgang noch zum Olympiasieg.

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          Einen kühlen Kopf zu bewahren fiel selbst dem mitunter als Hitzkopf auftretenden Andreas Wellinger diesmal nicht sonderlich schwer. Ihm blieb bei dieser Geduldsprobe auch nichts anderes übrig. In der Kälte von Pyeongchang, wo die Temperatur nach Sonnenuntergang auf bis zu minus zwölf Grad Celsius sank, während es sich durch den Windchill noch deutlich eisiger anfühlte, gelang Wellinger in einem heißen Kampf um Gold, bei dem er lange zittern musste, das vom Deutschen Skiverband (DSV) erhoffte Auftaktergebnis: Im entscheidenden Moment nach Mitternacht blieb der Münchner in der Nacht auf Sonntag (Ortszeit) ganz cool und sicherte sich in einem packenden Finale mit einem Sprung auf 113,5 Meter und neuem Schanzenrekord den obersten Platz auf dem Podium. Nach dem ersten Durchgang und 104,5 Metern hatte er noch auf dem fünften Rang gelegen.

          Der 22-Jährige setzte sich aber mit einer formidablen Aufholjagd und dank seiner Nervenstärke in der Schlussabrechnung gegen die beiden Norweger Johann Forfang (106, 109,5 Meter) und Robert Johansson (100,5 und 113,5) durch. Anders als sonst üblich verzichteten die drei Medaillengewinner anschließend auf eine ausgiebige Feiereinlage nach der Blumenzeremonie im Ziel – stattdessen zog es sie, nach einem Wettkampf, der ihnen auch wegen der äußeren Begleiterscheinungen physisch sowie psychisch alles abverlangte und noch länger in Erinnerung bleiben wird, rasch in die wärmenden Quartiere zurück. Vor dem Start hatten sich alle bis zum letzten Moment in flauschige Decken gewickelt, um ein Auskühlen des Körpers zu verhindern. Wellinger verlor bei dem Frostwetter sein Bewegungsgefühl nicht und brachte die zweidreiviertel Stunden des Bibberns bestmöglich hinter sich: Sein Coup bescherte dem DSV die erste Skisprung-Goldmedaille seit dem Triumph von Jens Weißflog 1994 in Lillehammer.

          Nichts ist unmöglich! Wer sich dem „Alpensia Sport Park“ über die Schnellstraße nähert, die die koreanische Küste mit dem bergigen Hinterland verbindet, traut zunächst seinen Augen kaum. Als unübersehbares Monument überragt der Turm der Skisprungschanze das Olympia-Zentrum von Pyeongchang. Dass in Sichtweite des markanten Kolosses mehr als ein Dutzend Windräder errichtet wurden, deren große Flügel sich permanent in der Luft drehen, ist ein sichtbares Indiz dafür, dass die Kraft der Natur an diesem Ort eine besondere Rolle spielt.

          Und doch blieb den Organisatoren der Winterspiele nach eigenen Angaben keine andere Wahl, als hier die Skisprung-Wettkämpfe stattfinden zu lassen – ihnen habe schlicht die Alternative im Land gefehlt. Dafür mussten sie umgerechnet rund acht Millionen Euro in die Anlage investieren, um sie baulich auf ein für die Sportler akzeptables Niveau zu bringen. Ein großer Teil des Geldes wurde dabei links und rechts der Schanze für mächtige Windnetze ausgegeben, deren engmaschiges Netz das Areal vor den Einflüssen der unberechenbaren Böen schützen soll. Eine Idee, die am Samstag nur bedingt weiterhalf – weil es von vorne blies.

          Mit den zu jedem Zeitpunkt nur schwer kalkulierbaren Bedingungen kamen die Deutschen vergleichsweise gut zurecht. Ihr System erwies sich sogleich als stabil, obwohl auch sie nach ihrer Anreise zu Beginn der Woche nur zwei Tage hatten, um sich einzugewöhnen. Auf Normalschanzen, bei denen die Anfahrtsgeschwindigkeit um rund zehn Kilometer in der Stunde geringer ist und damit nicht so große Weiten erzielt werden können, finden ansonsten in diesem Winter keine Weltcup-Veranstaltungen statt. „Wir sind von Anfang an gut eingestiegen“, kommentierte Horst Hüttel, der Sportliche Leiter des DSV, die bemerkenswerte Vorstellung, die ihn selbst „ein bisschen verwundert“ habe – in positiver Hinsicht. Markus Eisenbichler (Siegsdorf) als Achter, Richard Freitag (Aue, 9.) und Karl Geiger (Oberstdorf, 10.) rundeten aus seiner Sicht das erfreuliche Resultat ab. Freitag war voll des Lobes für die glänzende Darbietung des Kollegen: „Das ist genial“, sagte der Weltcup-Zweite, der seit seinem Sturz bei der Vierschanzentournee Anfang Januar selbst nicht mehr ganz so beständig unterwegs ist, „und absolut verdient.“

          Lange musste er zittern um den Sieg vor dem TV-Gerät. Bilderstrecke

          Wellinger blickte, als das Flutlicht das Podest taghell erleuchtete, zufrieden auf die Anzeigetafel, genoss den Augenblick zunächst für sich allein, eher er mit einem breiten Lächeln im Gesicht vor die knapp 1500 Zuschauer schritt, die ihn für den bislang wichtigsten Sieg in seiner Karriere bejubelten. Er konnte vor lauter Aufregung seine Gefühle zunächst kaum beschreiben. Dieser Erfolg, stellte er immerhin fest, sei „der Wahnsinn“. Für Werner Schuster, den Bundestrainer, gab neben aller individuellen Klasse seines Champions auch „der Teamspirit“ seiner Leute den Ausschlag zum Guten. „Jeder steht füreinander ein, die Jungs puschen sich oder fangen sich gegenseitig auf, wenn es mal nicht so klappt.“

          Um sich seinen großen Traum zu verwirklichen, hatte Wellinger auf die Teilnahme an der Eröffnungsfeier verzichtet und sich in Ruhe im Appartement im Olympischen Dorf auf die Herausforderung eingestimmt. Er sei nicht wegen der pompösen Schau nach Südkorea gekommen, sondern „um Wettkämpfe zu springen“, erklärte er sein Fernbleiben. Gesagt, getan.

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