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Skispringen : Ein Freund, ein trauriger Freund

  • -Aktualisiert am

Ein echter Silber-Surfer: Noriaki Kasai wird Zweiter von der Großschanze - und das mit 41 Jahren! Bild: REUTERS

Beim zweiten Olympiasieg des Polen Kamil Stoch belegt Severin Freund den sprichwörtlich „undankbaren“ vierten Platz. Silber gewinnt der 41 Jahre alte Japaner Noriaki Kasai.

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          41 Jahre sind doch kein Alter. Auch für einen Skispringer nicht, wenn er Noriaki Kasai heißt. Der japanische Senior verpasste bei den Olympischen Spielen von Sotschi am Samstagabend nur hauchdünn den Sieg im Springen von der Großchance. Nur der Pole Kamil Stoch übertrumpfte den Senior noch im allerletzten Sprung des Tages. Sein Sieg fiel denkbar knapp aus: 278,7 zu 277,4 Punkte.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Kasai biss im Zielraum feste auf die Zähne und pustete tief durch, als Stochs Wertung auf der Anzeigetafel aufleuchtete, es hatte nicht viel gefehlt, und er wäre der älteste Skisprung-Olympiasieger der Geschichte gewesen. So aber blieb er nur der Sieger der Herzen und über Gold durfte sich Stoch freuen, der am vergangenen Sonntag schon auf der Normalschanze gewonnen hatte. Sein zweites Gold bei diesen Spielen sicherte er sich bei schwierigen Bedingungen mit einer nervenstarken Vorstellung und zwei konstant starken Sprüngen, Bronze holte sich der Slowene Peter Prevc.

          Für den Bayern Severin Freund, der als einer der Favoriten auf die Schanze geklettert war, blieb nur Platz vier, ein Ergebnis, das aller Ehren wert ist, aber bei Olympia für einen Mann mit den Ansprüchen von Freund ohne großen Belang ist. Als er im zweiten Durchgang mit einem schwachen Sprung auf 129,5 Metern mit insgesamt 272,2 Punkten vom dritten auf den vierten Platz zurückgefallen war, warf er im Ziel wutentbrannt seine Handschuhe in den Schnee. „Das ist extrem bitter für Severin“, sagte Sprung-Bundestrainer Werner Schuster, „jedem Menschen ist eine Rolle zugedacht, und er wurde schon wieder als Vierter auf die Probe gestellt.“

          Schon bei der Weltmeisterschaft 2013 war Freund auf diesem Platz gelandet, ebenso bei der WM im Skifliegen 2012. Von den weiteren Startern des Deutschen Skiverbandes bot Marinus Kraus aus Oberaudorf ein überzeugende Leistung, er wurde Sechster. Mit Windunterstützung war er im zweiten Durchgang auf 140 Meter gesprungen, das war Tagesbestweite.

          „Es hätte keiner so verdient gehabt wie er“

          Kraus machte mit diesem Riesensatz sage und schreibe 18 Plätze im Klassement gut. Richard Freitag belegte Rang 20, Andreas Wellinger verpasste als 45. den zweiten Durchgang. „Es hätte keiner so verdient gehabt wie er“, sagte Freitag zu Freunds geplatztem Medaillentraum. Das ganze Team litt mit dem enttäuschten deutschen Spitzenspringer. Gemeinsam können sie schon an diesem Montag im Teamspringen das Versäumte nachholen. Dann bietet sich einen weitere Chance auf die ersehnte Medaille, sie könnte auch golden sein.

          Am vergangenen Sonntag war Severin Freund auf der Normalschanze gestürzt, da galt es nicht nur, die Enttäuschung zu verarbeiten, sondern auch, den Sturz aus dem Kopf zu bekommen, und das war dem 25-Jährigen aus Rastbüchel in Bayern gelungen. Schon im ersten Training auf der Großchance war er auf 135 Meter gesprungen, und hatte danach auf weitere Flugversuche in der Qualifikation verzichtet. Begründung: Er wolle das gute Gefühl aus diesem Sprung mit in den Wettkampf nehmen. Als Top-Ten-Springer der laufenden Saison war er automatisch für das Finale qualifiziert.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Schon der erste Durchgang am Samstag war dann für viele Starter ein Lotteriespiel. Der Wind wehte mehr oder weniger heftig, und was schlimmer war, er drehte ständig. Von vorn, von hinten, von der Seite, da war viel Glück im Spiel. Den Österreicher Thomas Morgenstern zum Beispiel blies es ebenso aus dem Wettbewerb wie den mit großen Erwartungen gestarteten Andreas Wellinger, der nur bei 117 Meter landete und das Finale der besten Dreißig verpasste. „I woa nit der Oanzige, den wossas abmontiert hot“, sagte Morgenstern. Die Favoriten allerdings hatten schon im ersten Durchgang Bedingungen, die ihnen erlaubten, ihre Klasse zu zeigen.

          Freund sprang auf 138 Meter und ging damit zunächst in Führung, Kasai übertraf ihn, ehe Stoch, der Überflieger der bisherigen Saison, die Führung übernahm. „Der Wind ist problematisch“, sagte Freund zur Pause, „Jetzt muss ich einfach noch mal hoffen.“ Die Hoffnung trog. 129,5 Meter waren nicht das, was ihm eine Medaille beschert hätte. „Vierter ist immer bitter“, sagte Freund nach der ersten Enttäuschung. „Aber ich werde es weiter probieren, und irgendwann werde ich schon einmal auf dem Podest stehen.“ Vielleicht schon an diesem Montag.

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          Skispringen, Herren, Einzel, Großschanze

          Gold: Kamil Stoch (Polen) 278,7 Pkt. (139,0/132,5 m)
          Silber: Noriaki Kasai (Japan) 277,4 (139,0/133,5)
          Bronze: Peter Prevc (Slowenien) 274,8 (135,0/131,0)

          4. Severin Freund (Rastbüchl) 272,2 (138,0/129,5); 5. Anders Fannemel (Norwegen) 264,3 (132,0/132,0); 6. Marinus Kraus (Oberaudorf) 257,4 (131,0/140,0); 7. Gregor Schlierenzauer (Österreich) 255,2 (132,5/130,5); 8. Michael Hayböck (Österreich) 254,7 (134,0/125,5); 9. Daiki Ito (Japan) 252,5 (137,5/124,0); 10. Reruhi Shimizu (Japan) 252,2 (130,0/134,5); ...21. Richard Freitag (Aue) 242,1 (122,5/126,5); 45. Andreas Wellinger (Ruhpolding) 96,6 (117,0)

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