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Skilangläuferin Steffi Böhler : Zweite Chance nach Krebs und Angst

  • -Aktualisiert am

Steffi Böhler: Es war ein langer, harter Weg – und die Sache hätte auch anders ausgehen können Bild: dpa

Vor zwei Jahren bekam Steffi Böhler eine Diagnose, die ihr Leben veränderte. Doch sie hat sich zurückgekämpft. Und kommt an diesem Donnerstag zu ihrem zweiten Olympia-Einsatz.

          Wenn man nicht danach sucht, nimmt man sie gar nicht wahr, die kleine Narbe am Hals. Aber sie erzählt eine Geschichte, die weit mehr unter die Haut geht als mancher triumphale Olympiasieg. Es ist die Geschichte der zweiten Chance. Und was den sportlichen Teil davon angeht, kann man sagen, dass Steffi Böhler sie fürs Erste genutzt hat. Platz 35 im olympischen Skiathlon, das ist unter normalen Umständen nicht der Rede wert, zumal sie selbst etwas mehr erwartet hatte.

          Aber dass es die 32 Jahre alte Skilangläuferin aus Ibach im Schwarzwald nach Sotschi beziehungsweise Krasnaja Poljana geschafft hat, ist schon ein kleines Wunder. Es war ein langer, harter Weg – und die Sache hätte auch anders ausgehen können. Zwar sagen die Ärzte, sie habe den Schilddrüsenkrebs besiegt, aber hundertprozentige Gewissheit gibt es nie.

          Die Diagnose liegt schon fast zwei Jahre zurück

          „Ständig grübeln bringt ja auch nichts.“ Die Diagnose, die ihr Leben veränderte, liegt zwar schon fast zwei Jahre zurück, aber in diesen olympischen Tagen, da die Welt wieder in Ordnung ist, kommen diese Dinge wieder hoch. Weil Steffi Böhler ständig darauf angesprochen wird, und weil sie ganz offen mit dem Thema umgeht.

          Dabei sein ist alles: bei Steffi Böhler stimmt das olympische Motto Bilderstrecke

          Natürlich war es ein Schock, als sie am 16. April 2012 aus der Narkose aufwachte und mit der Diagnose konfrontiert wurde: Schilddrüsenkarzinom. Die Schilddrüse hatten die Ärzte komplett entfernt, genau wie ein paar Lymphknotenstränge. Es war wie ein Hammerschlag. „Zum Glück ist es durch Zufall frühzeitig entdeckt worden“, sagt Steffi Böhler.

          Einen Monat später begann sie eine Radio-Jod-Therapie, um auch die letzten befallenen Zellen zu zerstören. Hochdosiertes radioaktives Jod, was wegen der Strahlenbelastung vier Tage lang Quarantäne bedeutete.

          Der Krebs wuchtert im Kopf weiter

          Dann begann die quälende Wartezeit. Warten auf den Befund. Schweben zwischen Hoffnung und nackter Angst. Dann die Entwarnung. Die Erleichterung – für den ersten Moment. Denn das Schlimme am Krebs ist, dass er im Kopf weiter wuchert, selbst wenn alle Knoten und Metastasen beseitigt sind. Weil man dem Frieden im eigenen Körper nicht traut, sondern ständig in sich hineinhorcht und Dinge wahrnimmt, die nur in der Einbildung existieren. Ein halbes Jahr hat dieser Zustand angedauert. Viel länger als die körperlichen Beeinträchtigungen.

          Natürlich muss sich der Körper auf die Medikamente einstellen, die die Schilddrüse ersetzen, und am Anfang, sagt Steffi Böhler, habe sie beim Versuch zu joggen das Gefühl gehabt, „dass jedes Bein 100 Kilo wiegt“. Aber sie konnte bald wieder trainieren, in kleinen Schritten. Und so ist das mit Leistungssportlern. Wenn der Körper wieder halbwegs funktioniert, tauchen auch die alten Ziele wieder auf: Sotschi 2014.

          „Peu à peu zurückgekämpft“

          „Trotzdem habe ich mich wegen Olympia aber nicht unter Druck setzen lassen.“ Die Krankheit hat ihre Perspektive verändert: „Ich gehe jetzt viel gelassener an die Dinge heran.“ Steffi Böhler war in Turin 2006 schon dabei, hat dort mit der Staffel Silber gewonnen. Vier Jahre später war sie auch dabei, „aber Vancouver hing wie ein grauer Vorhang vor mir. Ich war dort wie vernebelt.“

          Heute vermutet sie, dass es der Anfang ihrer Erkrankung war. Die unerklärliche Müdigkeit, ja Schlappheit nach dem Training, „mir sind danach oft die Augen zugefallen“, die enttäuschenden Ergebnisse, das alles ließ sich damals nicht erklären. „Du grübelst und fragst dich, was du falsch gemacht hast.“ Die Trainer vermuteten, ihr Problem liege im Kopf. Dass es rund zwanzig Zentimeter tiefer lag, konnte damals keiner ahnen.

          Sie hat sich aufgerappelt

          Das ist jetzt Vergangenheit, Steffi Böhler hat sich mit Hilfe ihres Freundes aufgerappelt, konnte sich der Unterstützung ihrer Trainer sicher sein, und ihren eigenen Weg finden, und hat, spät zwar, die Qualifikation für Olympia geschafft. Am Anfang, als sie in das Weltcup-Team zurückgekehrt sei, sagt sie, „habe ich mich immer auf dem Prüfstand gefühlt.“ So als müsste sie ständig beweisen, dass sie wieder zur ersten Garnitur gehört. Daran zweifelt inzwischen keiner mehr. Sonst würde sie an diesem Donnerstag nicht ihren zweiten Einsatz bekommen, über die 10 Kilometer klassisch.

          „Die Steffi hat sehr schwere Zeiten hinter sich“, sagt Frauen-Trainer Stefan Dotzler, „aber sie hat sich peu à peu zurückgekämpft.“ Die Strecken oben im Langlauf-Stadion auf 1400 Meter sind richtig schwer, zumal die Wärme den Schnee tief werden lässt, und Steffi Böhler zittern die Beine, und der Puls hämmert nach den langen Anstiegen. Aber sie weiß jetzt, dass diese Quälerei nichts ist im Vergleich zu dem, was sie hinter sich hat. „Ich bin einfach nur dankbar, dass ich Olympia erleben darf“, sagt sie.

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