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Sachenbachers positiver Dopingtest : Beben aus dem Nichts

  • -Aktualisiert am

Sportlerdämmerung: der positive Test dürfte das Ende ihrer Laufbahn bedeuten Bild: dpa

Evi Sachenbacher-Stehles positiver Doping-Test dürfte das Ende ihrer Karriere bedeuten. Sie schreibt „vom schlimmsten Albtraum, den man sich vorstellen kann“. Eine erste Erklärung bietet sie schon an: „Nahrungsergänzungsmittel“.

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          Jetzt dürfte ihr das berühmte Lachen doch noch gründlich vergangen sein. Und nicht nur Evi Sachenbacher-Stehle. Sondern der gesamten deutschen Olympia-Delegation in Sotschi, und besonders der Abteilung Biathlon des Deutschen Skiverbandes (DSV). Evi Sachenbacher-Stehle positiv in A- und B-Probe - diese Nachricht erschütterte am Freitag in Krasnaja Poljana die Sportwelt. „Ich erlebe gerade den schlimmsten Albtraum, den man sich vorstellen kann“, erklärte die 33 Jahre alte Biathletin später schriftlich. Sie kam damit der offiziellen Erklärung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zuvor. Die Dopingprobe, die am Montag nach dem Massenstart-Rennen genommen worden war, enthielt in der A- und B-Probe das ausschließlich im Wettkampf verbotene Stimulans Methylhexanamin. Diese Substanz findet sich häufig in Nahrungsergänzungsmitteln, die für extremen Fettabbau oder Muskelaufbau werben.

          Nach der Anhörung vor der Disziplinarkommission des Internationalen Olympischen Komitees, habe der DOSB Evi Sachenbacher-Stehle aus der Deutschen Olympiamannschaft ausgeschlossen und ihre Rückreise veranlasst. Am selben Tag wurde bekannt, dass auch der italienische Bobfahrer William Frullani in Sotschi positiv getestet wurde, auf Dimethylpentylamin - ebenfalls ein Stimulans.

          Evi Sachenbacher-Stehle: Doping-Test unleugbar positiv Bilderstrecke

          Evi Sachenbacher-Stehle beteuerte ihre Unschuld: „Ich kann im Moment allen Beteiligten nur ausdrücklich versichern, dass ich zu keinem Zeitpunkt bewusst verbotene Substanzen zu mir genommen habe und alles daran setzen werde, diese Sache lückenlos aufzuklären“, heißt es in der Erklärung. Cheftrainer Uwe Müssiggang, der ebenfalls von einem Nahrungsergänzungsmittel ausgegangen war, zeigte sich dennoch schockiert. „Ich hätte nicht gedacht, dass sie in ihrem Alter noch so einen Riesenfehler macht.“ Man habe die Athleten „hundert Mal“ hingewiesen, im Umgang mit Getränken und solchen Mitteln äußerst vorsichtig zu sein.“ Zudem beschäftige der DSV eine hauptamtliche und eine Teilzeitkraft, die sich ausschließlich mit Antidoping befassten und die Athleten über Gefahren aufklärten.

          Müssiggang beschrieb noch einmal, was man selbst im Wettkampf alles anstelle, um Manipulationen auch von außen auszuschließen. Meist bewache ein Physiotherapeut die Getränke, damit die in keinem Moment unbeobachtet blieben. „Wenn sie dann so grob fahrlässig gehandelt hat, dann ist das umso ärgerlicher“, fuhr der 62 Jahre alte Sachse fort. Natürlich fürchtet er jetzt den Generalverdacht. So wie das den anderen Nationen auch geht. „Jetzt wird es doch heißen: die Deutschen. Wenn so ein Fall auftritt, multipliziert man das meistens auf die ganze Mannschaft.“ Wenngleich die deutschen Skijägerinnen mit ihren mäßigen Leistungen wenig Anlass zum Grübeln gegeben hatten. Zudem hatten sich DSV-Skijäger stets offensiv gegen Doping ausgesprochen und sich bisweilen auch weit aus dem Fenster gelehnt, wenn die Konkurrenz aus anderen Nationen ertappt wurde.

          Es war ein hektischer Tag für die Biathleten, die erst am Mittag von einem möglichen Dopingfall in der Mannschaft erfahren haben wollen, allerdings noch anonym. „Nach 14 Uhr wussten wir auch von der positiven B-Probe und der Anhörung“, sagte Müssiggang. Aber immer noch keinen Namen. Und das knapp fünf Stunden vor dem Start der Frauen-Staffel, die ihre letzte Chance auf eine olympische Medaille in Angriff nehmen wollte. Dass sie schon nach dem Sturz von Startläuferin Franziska Preuß samt einem vom Schnee verstopften Korntunnel außer Reichweite geriet und das Quartett am Ende mit mehr als dreieinhalb Minuten Rückstand auf Sieger Ukraine Elfte wurde, passte bestens ins düstere Bild.

          Schon 2006 in Turin war sie in Verdacht geraten

          Verwunderlich war schon vor der Nachricht vom positiven Test gewesen, dass die zweimalige Langlauf-Olympiasiegerin Evi Sachenbacher-Stehle, die erst vor zwei Jahren zu den Biathleten gewechselt war, nicht für diese Staffel nominiert worden war. Aber das hatte trotz Platz elf im Sprint und Rang vier im Massenstart rein sportliche Gründe. Der DOSB wurde am Donnerstagabend gegen 21.30 Uhr von IOC-Präsident Thomas Bach über den positiven Fall informiert. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich die 33 Jahre alte Biathlon-Umsteigerin aus Reit im Winkl auf der Athletenparty im Deutschen Haus auf. Dort soll ihr DOSB-Generalsekretär Michael Vesper nach Augenzeugenberichten die Nachricht überbrachte haben.

          Schon 2006 bei Olympia in Turin war Evi Sachenbacher, damals noch Langläuferin, in Verdacht geraten. Damals war bei einer Blutkontrolle vor den Spielen ein Hämoglobinwert von 16,4 Gramm pro Deziliter festgestellt worden, 0,4 Gramm über dem zulässigen Grenzwert. Das hatte ihr eine fünftägige Schutzsperre eingetragen. Obwohl ein erhöhter Hämoglobinwert kein eindeutiger Beweis für Blutdoping oder Manipulation mit Erythropoietin ist, wohl aber ein Indiz sein kann.

          „Das ist dann Dummheit“

          Die Athletin hatte damals unter Tränen versichert, nie wissentlich gedopt zu haben und eine genetische Disposition für die erhöhten Werte verantwortlich sei. Alfons Hörmann, damals noch DSV-Präsident, hatte in einer Anhörung sogar ein Gutachten der hämatologischen Abteilung der Klinik der Universität Tübingen vom 6. September 2005 vorgewiesen. Danach sollen von 22 Hämoglobinwerten aus verschiedenen Blutproben vier über dem Grenzwert von 16,0 und sechs im Grenzbereich zwischen 15,5 und 16,0 gelegen haben. Der Einspruch gegen die Schutzsperre wurde vom Cas allerdings abgelehnt, und der internationale Skiverband lehnte den Antrag des DSV auf eine Ausnahmegenehmigung für Sachenbacher-Stehle damals ab.

          Der positive Test jetzt dürfte das Ende ihrer Karriere bedeuten. Für den Ruhpoldinger Trainer Wolfgang Pichler, der die Bayerin während ihrer Langlauf-Karriere eine Zeitlang betreut hat und seit drei Jahren in russischen Diensten steht, ist der Fall klar: „ Das ist schon das zweite Mal bei ihr, dass ein Verdacht besteht. Das ist dann Dummheit, das kann man nicht entschuldigen.“

          Die Erklärung von Evi Sachenbacher-Stehle

          „Ich erlebe gerade den schlimmsten Albtraum, den man sich vorstellen kann, denn ich kann mir überhaupt nicht erklären, wie es zu der positiven Probe gekommen ist. Selbst entsprechende Nahrungsergänzungsmittel hatte ich im Labor vorher überprüfen bzw. mir die Unbedenklichkeit von den Herstellern bestätigen lassen, um immer auf der sicheren Seite zu sein. Ich kann im Moment allen Beteiligten nur ausdrücklich versichern, dass ich zu keinem Zeitpunkt bewusst verbotene Substanzen zu mir genommen habe und alles daran setzen werde, diese Sache lückenlos aufzuklären.“

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