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Olympische Winterspiele : Die Schatten von Sotschi

  • -Aktualisiert am

Evi Sachenbacher-Stehle Bild: dpa

Schwache Ergebnisse und ein Doping-Fall in Sotschi - der deutsche Spitzensport geht schweren Zeiten entgegen, weil er seine Werte jenseits von Gold, Silber und Bronze nicht ernst genommen hat. Jetzt erntet er vor allem Misstrauen.

          Die Olympischen Spiele in Sotschi entpuppen sich als Desaster für den deutschen Sport. Was immer auch noch an Medaillen hinzukommen sollte - selbst ein Sieg des famosen Felix Neureuther würde an dem verheerenden Eindruck, den dieses Weltsportfest hinterlässt, nichts ändern: Man kann niemandem mehr trauen.

          Eine Überraschung kann der positive Doping-Test in der deutschen Mannschaft nicht sein. Die Biathletin Evi Sachenbacher-Stehle fiel schon vor den Spielen in Turin 2006 auf. Damals wies sie zu hohe Hämoglobin-Werte auf, eine Indikation für Blutdoping. Sie kam mit einer Startsperre davon.

          Die jüngste Entdeckung, sosehr sie ein Einzelfall inmitten Hunderter negativer Proben ist, taugt nicht als Beweis für die Sauberkeit aller anderen Starter. Dazu sind zu viele kaum entdeckbare Substanzen, zu viele Betrüger mit einem komfortablen Vorsprung vor den Fahndern im Rennen.

          Auch deshalb wirken die Beteuerungen des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), man werde die Doper fassen, unglaubwürdig. Vermutungen, die Organisation nutze nicht immer alle Nachweisverfahren, nähren den Verdacht: Die Herren der Ringe haben kein besonderes Interesse, den Wert ihrer lukrativen Veranstaltung in Frage zu stellen. Der Interessenkonflikt ist zu groß.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Das gilt auch für die Frage nach der politischen Vereinnahmung des Sports. Die Vergabe der Spiele an Putin, die Übergriffe auf Menschenrechtsaktivisten während der Wettkämpfe und die Umweltzerstörung haben den Prozess der Distanzierung in der westlichen Welt vorangetrieben. Die Stimmbürger Bayerns, die im vergangenen November gegen die Ausrichtung von Winterspielen in München votierten, werden sich bestätigt fühlen.

          Und in diesen Tagen führt die Enthüllung der politischen Instrumentalisierung zu einer weiteren Distanzierung: Während Putin den friedlichen Geist der Spiele zu seiner Inszenierung ausrief, ließ er Janukowitsch in der Ukraine freie Hand. Dagegen hat das IOC nicht protestiert. Aber es trat unerbittlich gegen Athleten auf, die mit einem Trauerflor an die Opfer in der Heimat erinnern wollten. Wenn die olympische Bewegung Brücken baut, dann hat das IOC ein paar abgerissen.

          Felix Neureuther inspiriert

          Vor diesem Hintergrund steckt der deutsche Sport in einem großen Dilemma. Die in einigen Disziplinen schwachen Ergebnisse von Sotschi sind Folgen einer schon lange währenden Entwicklung. Die Konkurrenz wächst, während hierzulande die Voraussetzungen für Spitzensport immer schwieriger werden. Gravierend ist etwa die Lage der Trainer: Sie werden schlecht bezahlt. Die guten wandern ab, junge wenden sich der nicht so aufreibenden Fitnessbranche zu.

          Trotzdem tauchten auch in Sotschi deutsche Athleten auf, die vorführten, warum es eine kluge Investition für die Gesellschaft sein kann, den Sport auch in der Spitze angemessen zu fördern. Die Kraft des Skirennläufers Neureuther, sein Mut, so viel Druck wie möglich auf sich zu nehmen, Ausreden abzulehnen und den Versagensängsten offensiv zu widerstehen, sind beispielhaft. Er inspiriert.

          Vorsicht vor dem Spitzensport!

          Aber Neureuther wird die Stimmung nicht retten: Die Attitüde des IOC und eine gedopte Athletin reichen, die Wahrnehmung in Deutschland zu verstärken: Vorsicht vor dem Spitzensport! Das mag ungerecht sein. Aber letztlich ist diese Reaktion die Frucht eines jahrzehntelangen Vertuschens, Leugnens und Versagens. Der Spitzensport hat seine Werte jenseits von Gold, Silber und Bronze nicht ernst genommen. Jetzt erntet er vor allem Misstrauen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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