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Olympiasieg der Skispringer : Die Deutschen pokern sich zu Gold

  • -Aktualisiert am

Vier Goldjungs: Andreas Wank, Marinus Kraus, Andreas Wellinger und Severin Freund (von links nach rechts) Bild: AP

Bundestrainer Werner Schuster macht alles richtig. Sein Quartett holt beim Teamwettbewerb der Skispringer den Olympiasieg – Severin Freund sichert im letzten Sprung den knappen Erfolg vor den Österreichern.

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          Aller guten Dinge sind drei. Nachdem sie bei den ersten beiden Möglichkeiten, eine Medaille zu erobern, noch gescheitert waren, haben sich die deutschen Skispringer zum Abschluss ihrer Pflichtauftritte bei Olympia mit der Schanze in Krasnaja Poljana versöhnt. Und wie. Im Mannschaftswettbewerb sicherte sich die Formation von Bundestrainer Werner Schuster die strahlendste aller möglichen Medaillen: Gold.

          Damit ist nach den vorangegangenen Enttäuschungen bei diesen Winterspielen die vom Deutschen Skiverband (DSV) angestrebte Schadensbegrenzung bestmöglich gelungen – sie ist nun überhaupt kein Thema mehr. Das Quartett Andreas Wank, Marinus Kraus, Andreas Wellinger und Severin Freund setzte sich am späten Montagabend unter Flutlicht vor Österreich und Japan durch.

          Letztmalig war einer DSV-Auswahl ein solcher Erfolg vor zwölf Jahren in Salt Lake City geglückt. „Wir haben schwere Zeiten bei diesen Olympischen Spielen hinter uns und viele Durststrecken durchgestanden“, sagte Schuster nach diesem perfekten Abschluss hörbar erleichtert. „Jetzt bin ich stolz auf meine Jungs, weil sie so sehr zusammengehalten haben. Der letzte Sprung von Severin Freund war nicht perfekt, aber er hat‘s durchgebracht. Das kann ein Meilenstein in seiner Karriere sein.“

          Jeder habe im Sieger ein kompaktes und tolles Team gesehen, sagte Schuster nach dem krönenden Finale, das wiederum vor auffallend leeren Tribünenplätzen im Rus-Ski-Zentrum stattfand. Seine Athleten sahen auf ihrer Ehrenrunde nicht so aus, als würde sie dieser kleine Schönheitsfehler einer aus ihrer ansonsten rundum passenden Festveranstaltung sonderlich stören: Sie tobten wie eine Horde kleiner Kinder durch die Gegend und fanden ihr Gemeinschaftswerk einfach umwerfend: Sie tollten im Schnee herum und ließen sich gegenseitig hochleben.

          So sehen Olympiasieger aus: das deutsche Quartett

          Severin Freund, der den letzten, entscheidenden Sprung überzeugend hinter sich gebracht hatte, sagte, er habe im Moment der nahenden Entscheidung, als er als letzte Springer oben auf der Schanzer saß, den genauen Abstand zu den Österreichern gar nicht gekannt. Er sprach von einer „grandiosen Mannschaftsleistung“, fand es bei bester Laune nur schade, dass er den Wettbewerb nicht mit einem „Riesending“ abgeschlossen habe – aber sein Sprung reichte allemal für Gold.

          Schuster, der sich zuletzt mit Kritik an seiner Arbeit konfrontiert sah, weil seine Athleten bis dahin ohne einen ersten Platz bei Großereignissen geblieben war, beobachtet das ausgelassene Treiben zunächst aus sicherer Entfernung am Schanzenturm, nahm dort Gratulationen entgegen – und eilte dann schnellen Schrittes zu seinen Leuten. Er nannte das Ergebnis eine „Belohnung für unsere harte Arbeit, die wir in der Vergangenheit zusammen geleistet haben“.

          Auch der letzte Sprung der Deutschen führt nach ganz oben: Gold in Krasnaja Poljana

          Schuster hatte vor dem Wettstreit, dessen Austragung wegen der Witterungsverhältnisse lange unsicher war, hoch gepokert. Er nahm Richard Freitag aus dem Aufgebot und nominierte statt des Sachsen den Routinier Wank. Ein durchaus überraschender Schachzug, den er mit den Trainingseindrücken begründete. Freitag genoss zuletzt stets sein Vertrauen, während Wank bei der Einzelentscheidung von der Großschanze gar nicht berücksichtigt worden war.

          Nun musste er als Startmann, als der dichte Nebel sich gelichtet hatte, auf Anhieb Verantwortung übernehmen. Das gelang Wank, der in Halle (Salle) geboren wurde und als Sportler im Schwarzwald heimisch wurde, wie vom Coach erhofft. Mit seinem Satz auf 132 Meter behauptete er sich souverän und übergab als Mitglied in der Führungsgruppe an Kraus.

          Severin Freund ist der letzte Springer und sichert Gold

          Der Oberaudorfer, am vergangenen Donnerstag 23 Jahre alt geworden, machte das Beste aus der komfortablen Situation. Während der Konkurrenz teilweise die wechselnden Windbedingungen zu schaffen machten und sie mitunter ihre Mühe hatten, unfallfrei unten anzukommen, segelte der frühere Nordische Kombinierer wie von einer tragenden Hand gestützt auf 136 Meter hinab. Durch Wellinger, der es auf 133 Meter brachte, übernahmen die Deutschen erstmals die Führung, die ihr beständigster Akteur in diesem Weltcup-Winter, Severin Freund, mit 131,5 Metern ausbaute. Zur Halbzeit lagen sie so mit der Winzigkeit von 0,3 Punkten vorne.

          Im Finale ging es für Freund, der von der kleinen Anlage gestürzt war, und seine Kollegen danach nur noch darum, Österreich und Japan im Blickfeld zu behalten; weil die Punktedifferenz zum Rest der Verfolger schon ein sicheres Polster versprach, das auch kleiner Fehler verzeihen würde. Wank (128 Meter), Kraus (134,5) und Wellinger (134,5) riefen ihr Potential anschließend optimal ab und vor dem Schlussakt, den Freund bestritt, betrug ihr Vorsprung vor dem „Team Austria“ schon 2,6 Zähler. Und er verteidigte ihn im Showdown gegen Weltmeister Gregor Schlierenzauer.

          Österreichs Gregor Schlierenzauer (rechts) gratuliert Freund

          Der Fünfundzwanzigjährige, der schon dreimal in seiner Karriere lediglich den undankbaren vierten Platz belegte, bestand die Nervenprobe diesmal ohne Schwierigkeiten. Schon bei der Landung bei 131 Meter ahnte er, dass es endlich für den großen Wurf reichen würde. Er breitete die Arme aus, fuhr die abschließenden Meter im Ziel auf die wartenden Mitstreiter zu, ging kurz in die Hocke.

          Nach einigen Sekunden des Wartens, die sich wie Minuten für das Quartett anfühlen mussten, rissen sie gemeinsam die Arme zum Jubeln in die Höhe, als auf der Anzeigetafel endlich das ersehnte Ergebnis aufleuchtete – es war der Schlusspunkt ihres wechselhaften Olympia-Abenteuers und zugleich das Startzeichen für eine weitere lange Partynacht im Deutschen Haus von Krasnaja Poljana.

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          Geschafft: Nach 1994 und 2002 sind die Deutschen wieder Olympiasieger

          Ergebnis, Skispringen, Herren, Mannschaft, Großschanze

          Gold: Deutschland  1041,1 (519,0/522,1) Pkt. (Andreas Wank/Oberhof 132,0/128,0 m, Marinus Kraus/Oberaudorf 136,5/134,5, Andreas Wellinger/Ruhpolding 133,0/134,5, Severin Freund/Rastbüchl 131,5/131,0)
          Silber: Österreich 1038,4 (516,5/521,9) (Michael Hayböck 134,0/130,0, Thomas Morgenstern 129,0/133,5, Thomas Diethart 136,0/132,5, Gregor Schlierenzauer 128,5/132,0)
          Bronze: Japan  1024,9 (507,5/517,4) (Reruhi Shimizu 132,5/131,5, Taku Takeuchi 127,0/130,0, Daiki Ito 130,5/132,0, Noriaki Kasai 134,0/134,0)

          4. Polen 1011,8 (489,2/522,6)
          5. Slowenien 995,6 (488,2/507,4)
          6. Norwegen 990,7 (486,0/504,7)
          7. Tschechien 967,8 (476,0/491,8)
          8. Finnland 942,8 (461,5/481,3)
          9. Russland 422,3
          10. USA 402,5

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