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Olympia-Kommentar : Pionierin der Lüfte

  • -Aktualisiert am

Strahlende Siegerin: Carina Vogt Bild: dpa

Beim olympischen Debüt der Skispringerinnen gewinnt Carina Vogt Gold. Diesen Glücksfall sollte der deutsche Verband nutzen. Bei den Männern wurden im Moment des Höhenflugs Fehler gemacht, die der DSV bis heute ausbaden muss.

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          Martin Schmitt ist schuld. Der Schwarzwälder, der gerade erst Ende Januar zurücktrat, hinterließ in seinen beiden Jahrzehnten als Skispringer auf den Schanzen tiefe Spuren. Ohne ihn, sagte Carina Vogt, wäre sie nie in die Luft gegangen. Als Schulkind verfolgte sie vor anderthalb Jahrzehnten den Aufstieg ihres Idols vor dem Fernseher, ließ sich inspirieren und eifert ihm heute als junge Frau und angehende Polizeibeamtin nach. Und wie! Sie gewann als Novizin beim olympischen Debüt die Goldmedaille, ein Erfolg, der Schmitt im Einzel stets verwehrt blieb.

          Vogt verewigte sich mit ihrem überraschenden Flug in den Olymp früh in ihrer Karriere in den Geschichtsbüchern des Skisprungs. Diesen Glücksfall gilt es für den Deutschen Skiverband (DSV) zu nutzen. Und die Sünden der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Unter dem blendenden Eindruck der Erfolge von Schmitt und Sven Hannawald hatten sie es lange für überflüssig gehalten, Konzepte für kommende Tage zu schreiben, um Nachwuchs zu werben, Talente auszubilden. Diesen Fehler baden die Herren nach wie vor aus.

          Dabei gilt es, die Begeisterung für das Skispringen zu befeuern. Keine Sportart in Sotschi vereint Kraft, Athletik, Sensibilität und Risikobereitschaft derart zur Perfektion wie die Show der Luftartisten mit ihren schmalen Schultern und den langen Brettern an den Füßen. Ganz gleich, ob der Sport von Männern oder Frauen ausgeübt wird. Der Traum vom Fliegen, der hinter den Mutproben an den Bergen steckt, fasziniert die Menschen. Wer je am Fuß einer der Anlagen beobachtete, wie die furchtlosen Athleten in wenigen Sekunden zu Tal segeln und dabei selbst kleinste Unachtsamkeiten fatale Kettenreaktionen nach sich ziehen können, spürt diesen spektakulären Reiz.

          Ein Massenereignis wird Skispringen dennoch nie. Allenfalls vor den Bildschirmen, bei der jährlichen Vierschanzentournee oder Großveranstaltungen wie jetzt in Russland, besitzt es besondere Anziehungskraft. Im Normalfall ist die Vereinsszene auch hierzulande überschaubar. Nur ein paar hundert Athleten, bislang hauptsächlich männlichen Geschlechts, sind als Aktive registriert. Vielleicht ändert sich daran durch Carina Vogt ja sogar ein wenig.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Immerhin: Der Deutsche Skiverband, der diesmal früher als andere den Trend erkannte und die Gleichberechtigung der Frauen auf den Schanzen förderte, darf sich bestätigt fühlen und besitzt damit bessere Chancen als andere Ski-Nationen in einem sich schnell entwickelnden Metier, das sich international gut vermarkten lässt.

          Nun ist es an den Funktionären, die plötzlich gewonnene Aufmerksamkeit so zu nutzen, dass mehr Mädchen Mut fassen und den Weg einschlagen, der für die Schwäbin am Anfang noch voller Hindernisse war. Wenn in ein paar Jahren eine ihrer Nachfolgerinnen bei vergleichbarer Gelegenheit den Coup in der Höhe von Krasnaja Poljana als Motivation und Einstieg in den Skisprungzirkus nennen würde, hätte Carina Vogts Triumph einen bleibenden Wert für den deutschen Sport.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

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