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Olympia-Sieg im Zweierbob : Gold macht still

Golden Girls: Mariama Jamanka (links) und Anschieberin Lisa-Marie Buckwitz. Bild: AFP

Nicht mal im eigenen Bob-Lager glaubte jeder an eine Medaillen- chance für Mariama Jamanka und Lisa Buckwitz. Jetzt sind die beiden Olympiasiegerinnen.

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          Vor dem vierten, dem entscheidenden Lauf schaute René Spies, der Bundestrainer der deutschen Bobfahrer, nochmal bei der Führenden vorbei. „Sie saß ganz alleine in der Umkleidekabine. Wenn du der letzte bist, der das Gebäude verlässt, dann ist das ein Zeichen. Ich habe mir gedacht: Da wird einiges im Kopf rumgehen.“ Mariama Jamanka war die Letzte in der Umkleidekabine. Nach drei von vier Durchgängen führte sie das olympische Rennen im Alpensia Sliding Center an. Hatte die Amerikanerin Elana Meyers Taylor nach dem ersten Durchgang überholt, eine Frau mit so viel mehr Erfahrung an den Lenkseilen als Jamanka, und, womöglich noch entscheidender, mit so viel schnelleren Starts. Doch auch im dritten Lauf blieb die Deutsche vorne, verlor nur drei Hundertstelsekunden, wurde zur Frau, die noch sitzenbleiben konnte, als alle anderen schon zu ihren Schlitten gingen. Doch dann wurde es auch Zeit für Mariama Jamanka aus Berlin-Reinickendorf und für ihre Anschieberin Lisa Buckwitz aus Schöneiche bei Berlin.

          Der vierte Durchgang: In 5,4 Sekunden schieben die Deutschen an, sind zu Beginn ihrer Fahrt 17 Hundertstelsekunden langsamer als Meyers Taylor und Lauren Gibbs. Wie in jedem Bobrennen wächst der Rückstand nach einem schwachen Start zunächst weiter. Bald sind es fast zwei Zehntelsekunden auf die Amerikanerinnen. Doch der gelbe Bob, entwickelt von der FES in Leipzig, ist schnell. In einem solchen Modell waren am Francesco Friedrich und Thorsten Margis zum Olympiasieg gerast. „Aus meiner Sicht hat FES nicht nur die Lücke geschlossen, sondern heute waren wir mit den besten Bobs unterwegs“, wird Spies anschließend sagen. Aber wenn Jamanka Olympiasiegerin werden will, als Pilotin, die nie ein Weltcup-Rennen gewonnen hat, dann darf sie sich keinen Fehler erlauben. Behält sie die Nerven? Oder erwischt es sie? „Du siehst es nicht bei ihr“, sagt Spies. „Ein Außenstehender sieht das nicht, sie hat immer die gleiche Fassade.“

          Vor vier Jahren saß Jamanka das erste Mal an den Lenkseilen, es ist die klassische Bobsport-Karriere: aus dem Leichtathletik-Stadion in den Eiskanal. Vorher war sie Diskus- und Hammerwerferin, von den Fahrten der ersten Saison hat sie „die vielen Stürze“ in Erinnerung. Und jetzt? Von der Fahranfängerin zur Olympiasiegerin in vier Jahren? Der Vorsprung der Amerikanerin beginnt zu schrumpfen: Von 17 auf 13 Hundertstelsekunden, auf unter zehn, auf sieben. Jamanka steuert den Bob ohne größeren sichtbaren Fehler, eine Zwischenzeit noch, drei Hundertstelsekunden Rückstand. Zielbogen, keine Probleme, sieben Hundertstelsekunden Vorsprung: Olympiasiegerinnen Jamanka/Buckwitz.

          Als Friedrich und Margis im Ziel merkten, dass sie Olympiasieger sind, brachten die Hormone ihre Körper in Fahrt, hallten die Jubelschreie durch die Nacht. Jamanka und Buckwitz dagegen stehen fast reglos da, bis sie sich in die Arme nehmen. „Es war ein Moment der Fassungslosigkeit“, sagt Jamanka. „Ich war völlig geplättet. Ich konnte gar nicht so reagieren wie die Jungs. Die haben das ja von Anfang an begriffen.“ Von null auf eins, bei Olympia. Manchmal macht das erstmal still.

          Schnell flossen allerdings Tränen, bei Mariama Jamanka waren es Freudentränen. Stephanie Schneider, der eigentlichen Nummer eins unter den deutschen Bobpilotinnen, liefen Tränen der Enttäuschung über die Wangen. Ihr war vor dem Weltcupfinale am Königssee vor vier Wochen Annika Drazek als Anschieberin zugeteilt worden – abgezogen vom Jamanka-Bob. Drazek ist die schnellste Deutsche am Start, aber in den Trainingstagen vor dem Olympiarennen verletzte sich Schneider am Rücken und Drazek am Fuß. Ihre Stärke kommt ihr abhanden, im dritten Lauf macht Schneider zudem einen schweren Fahrfehler. Im vierten ist niemand schneller als sie und Jamanka, doch Schneider und Drazek fehlen im Ziel acht Hundertstelsekunden zur Bronzemedaille, die sich Kaillie Humphries aus Kanada schnappt, die Olympiasiegerin von 2010 und 2014. „Ich habe zu Steffi gesagt: Mach einfach. Ich renne um mein Scheißleben und du machst einfach. Tja. Hat nicht ganz gereicht. Acht Hundertstel, das kann man ja gar nicht beschreiben, wie wenig das eigentlich ist“, sagt Drazek hinterher. „Die Aufgabe dieses Wettbewerbs ist es, viermal souverän hier runter zu fahren. Mariama hat heute gezeigt, was sie drauf hat. Ich ziehe meinen Hut.“

          Vier souveräne Fahrten: diese Aufgabe hat tatsächlich nur Jamanka bewältigt. Auch Meyers Taylor und Humphries waren beeindruckt von der Ruhe, mit der die Deutsche zum Sieg steuerte. „Sie hat es sich abgeholt“, sagte die Amerikanerin. Sie stand vor vier Jahren in Sotschi vor der gleichen Aufgabe und ging mit dem Gefühl, „Gold verloren zu haben“ an Humphries. Am Mittwoch aber habe sie Silber gewonnen, sagte Meyers Taylor: „Du darfst nicht traurig sein, wenn du so fährst und dann jemand kommt und schneller ist.“ Und Humphries, die als erste Pilotin dreimalige Olympiasiegerin werden wollte, sagte: „Ich weiß, wie stressig das ist als Führende. Sie hat die Nerven behalten, das ist einfach cool. Ich gratuliere ihr.“

          Mariama Jamanka dürfte die erste dunkelhäutige deutsche Siegerin bei Winterspielen sein. „Für mich ist es eigentlich kein großes Thema“, sagt sie. „Natürlich ist meine Hautfarbe das ein oder andere Mal Thema gewesen, nicht unbedingt im negativen Sinne. Ich freue mich für mich. Ich weiß nicht, ob das in irgendeiner Form eine Bedeutung hat.“ Elena Meyers Taylor dagegen betonte, dass „alle Frauen auf dem Siegerpodest einen unterschiedlichen ethnischen Hintergrund haben. Ich bin stolz darauf, Teil einer sich verändernden Wintersportlandschaft zu sein.“ Tatsache – einen Olympiasieger-Bob Berlin 1 gab es jedenfalls noch nicht. Noch dazu einen, der selbst im eigenen Lager nicht zur ersten Wahl gehörte. „Es war nicht in unserem Sinne“, sagte Jamanka zum Austausch der Anschieberinnen vor einem Monat. „Aber wir sind in drei Wochen zusammengewachsen“, fügte Lisa Buckwitz hinzu, „und kommen super klar.“ Glänzender kann der gemeinsame Erfolg nicht sein.

          Gold für Deutschland im Zweierbob: Mariama Jamanka und Anschieberin Lisa-Marie Buckwitz.

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