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Olympia-Bronze für Savchenko/Szolkowy : Bittere Tränen im Eisberg

Was bleibt ist die Leere: Der Sprung aufs höchste Podest blieb ihnen verwehrt Bild: REUTERS

Tränen statt Gold für Aljona Savchenko und Robin Szolkowy in Sotschi: Die deutschen Eiskunstläufer stürzen zweimal, der olympische Traum zerbricht. Gold und Silber gehen an die russischen Gastgeber.

          3 Min.

          Maxim Trankow: Auf den Knien zuerst, dann die Hände vor dem Gesicht. Robin Szolkowy: Auf den Knien und, vier Minuten später, die Hände vor dem Gesicht. Der eine, der Russe Trankow, gewinnt am Mittwochabend Gold im Paarlauf mit seiner Partnerin Tatjana Wolossoschar. Er bejubelt seinen Sieg noch auf dem Eis wie ein Fußballspieler, knieend auf dem Eis rutschend.

          Der andere, der Chemnitzer Robin Szolkowy, stürzt früh in der Kür und verliert gemeinsam mit Aljona Savchenko sogar Silber im „Eisberg“ Eispalast von Sotschi. Die zweite Medaille ging an Xenia Stolbowa und Fedor Klimow, Russland zweites Paar, das mit einer starken Kür an den Deutschen vorbeizog. Die 12.000 russischen Zuschauer erlebten einen traumhaften, rauschhaften Abend: Gold, das hatten sie erwartet von Trankow und Wolossoschar, Silber von Stolbowa und Klimow – das war eine Zugabe.

          Für Aljona Savchenko und Robin Szolkowy endete an diesem Abend ein Weg, den sie knapp elf Jahre gemeinsam beschritten haben, ohne sein Ziel je zu erreichen: den Olympiasieg. Zwei Stürze in der Kür kosteten nicht nur die winzige Chance auf den Triumph, sondern auch den zweiten Platz, den sie nach dem Kurzprogramm inne hatten.

          Vor allem Aljona Savchenko, die Anfang des Jahrtausends ihre ukrainische Heimat verlassen hatte, um in Deutschland auf die olympische Krönung hin zu arbeiten, war nach der Kür zu „Tschaikowskis Nussknacker“ am Boden zerstört. Sie brauchte lange, um Szolkowy nach der Kür die Hand zu reichen und war anschließend wortlos und in Tränen aufgelöst. Ihr Trainer Ingo Steuer hatte Verständnis: „Sie ist fertig.“

          Wortlos und in Tränen aufgelöst: Aljona Savchenko neben Robin Szolkowy Bilderstrecke

          Für die Deutschen ist es die zweite olympische Bronzemedaille, vor vier Jahren in Vancouver waren sie die großen Favoriten, ließen Gold aber „auf dem Silbertablett“ liegen, wie Steuer am Mittwoch meinte. Auch damals stürzte Szolkowy in der Kür. In Sotschi seien die Voraussetzungen aber andere gewesen: „Wir wussten, dass es enorm schwer werden würde gegen die Russen bei ihrem Heimspiel“, meinte Steuer anschließend, „wir mussten alles riskieren. Sie haben gekämpft. Das muss ich sehen als Trainer.“

          Gut neunzig Minuten waren es noch, bis Tatjana Wolossoschar und Maxim Trankow laufen würden, da sprangen gestandene Männer das erste Mal auf. Ein russisches Paar hatte das Eis betreten. Vera Basarowa und Jurij Larionow, Achte nach dem Kurzprogramm, aber die Choreografie eines russischen Triumphs hatte begonnen. Die Männer, manche jenseits der sechzig, hatten ihre russischen Trikoloren in der Faust geballt und feuerten ihre nicht minder enthusiastischen, aber auf den Sitzen gebliebenen Frauen an: „Rossija! Rossija!“ Dabei lief sich Russlands drittes Paar nur warm.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Ungefähr zur gleichen Zeit, als es oben die Zuschauer nicht mehr auf den Sitzen hielt, machte sich Robin Szolkowy in den Katakomben des Eispalasts warm. Der Chemnitzer und seine Partnerin Aljona Savchenko hatten am Vorabend ein grandioses Kurzprogramm geboten – und lagen doch 4,53 Punkte hinter den großen Konkurrenten Tatjana Wolossoschar und Maxim Trankow zurück, die im Kurzprogramm gezeigt hatten, was ihre Landsleute von ihnen erwarteten: Paarlauf nahe an der Perfektion.

          Die Goldmedaille, die Krönung des fast elfjährigen Anlaufs auf den Olymp, sie schien außer Reichweite für die Deutschen, reserviert von den Russen. Aber es gab noch eine kleine Chance auf Gold: Vielleicht würden die Russen patzen und Robin Szolkowy und Aljona Savchenko als Schlusspunkt ihrer Kür den dreifachen Wurfaxel zeigen müssen. Das Element, mit dem sie sich von ihren Konkurrenten abheben, weil diese diesen überaus anspruchsvollen Wurf nicht beherrschen.

          „Wir hatten kein Recht, einen Fehler zu machen“

          Als Stolbowa/Klimow eine starke Kür geboten hatten und sich die Begeisterung der Zuschauer ein weiteres Mal gesteigert hatte, betraten die Stars des Abends das Eis. Maxim Trankow und die einst unter Ingo Steuer in Chemnitz trainierende Tatjana Wolossoschar waren aufgebaut worden für diesen Moment: Sie sollten Gold gewinnen für Russland. „Wir hatten kein Recht, einen Fehler zu machen“, sagte Trankow anschließend. Sie machten keinen. Sondern zeigten zu „Jesus Christ Superstar“ von Andrew Lloyd Webber eine harmonische, gute Kür, ohne extraordinäre Glanzpunkte zu setzen.

          Aber die waren, angesichts des Vorsprungs aus dem Kurzprogramm nicht gefragt. Die Zuschauer würden auch so aus dem Häuschen sein. In der Tat: Als Trankow in die Knie ging und jubelte, im sicheren Gefühl des Siegs, obwohl die Deutschen noch nicht gelaufen waren, hatte manche Zuschauerin im „Eisberg“ Tränen in den Augen. 152,69 Punkte für die Kür, eine sehr hohe Wertung, 236,86 insgesamt, die Aufgabe der Deutschen war schier unmöglich geworden.

          „Ich weiß nicht, was dann passiert ist“

          Es wurde aber schnell wieder still, die Deutschen machen sich bereit. Die Anzeigetafel verriet es: Savchenko/Szolkowy hätten ihre eigene Bestleistung um zehn Punkte überbieten müssen, um zu siegen. Der Eisberg schwieg, die Deutschen liefen an. „Ich weiß nicht, was dann passiert ist. Ich hatte beim Einlaufen keine wackligen Beine, nichts“, sagt Szolkowy hinterher. Der dreifach Flip, das erste Element, gelang, auch wenn Savchenko hart landete.

          Dann der dreifache Toeloop, synchron gesprungen, Szolkowy landete auf der Fußspitze – Sturz. Der Traum vom Olympiasieg zerbracht in diesem Moment auf dem Eis. Aber der Sturz bedeutete noch mehr: Sie würden nun den dreifachen Wurfaxel zeigen und stehen müssen, um Silber zu behalten. Sie wagten ihn. Er misslang, Aljona Savchenko stürzte. 21 Punkte Rückstand auf die Sieger, Platz drei. Die Deutschen waren erschüttert.

          Sehr spät am Abend findet Aljona Savchenko doch noch ein paar Worte: „Wir haben Bronze. Das ist besser als nichts.“ Maxim Trankow sagt: „Unser riesiges Land sollte feiern.“

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          Ergebnis, Eiskunstlauf, Paare, Endstand nach der Kür

          Gold: Tatjana Wolossoschar/Maxim Trankow (Russland) 236,86 (Kurzprogramm 84,17/Kür 152,69) Pkt.
          Silber: Xenia Stolbowa/Fedor Klimow (Russland) 218,68 (75,21/143,47)
          Bronze: Aljona Savchenko/Robin Szolkowy (Chemnitz) 215,78 (79,64/136,14)

          4. Pang Qing/Tong Jian (China) 209,88 (73,30/136,58)
          5. Kirsten Moore-Towers/Dylan Moscovitch (Kanada) 202,10 (70,92/131,18)
          6. Vera Basarowa/Juri Larionow (Russland) 199,60 (69,66/129,94)
          7. Meagan Duhamel/Eric Radford (Kanada) 199,53 (72,21/127,32)
          8. Peng Cheng/Zhang Hao (China) 195,72 (70,59/125,13)
          9. Marissa Castelli/Simon Shnapir (USA) 187,82 (67,44/120,38)
          10. Vanessa James/Morgan Cipres (Frankreich) 179,43 (65,36/114,07);

          ...13. Maylin Wende/Daniel Wende (Oberstdorf/Essen) 166,25 (59,25/107,00)

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