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Pechstein-Kommentar : Nicht mit mir!

Claudia Pechstein nach dem 5000-Meter-Lauf der Frauen. Bild: dpa

Mit 45 Jahren nimmt Claudia Pechstein an ihren siebten Olympischen Spielen teil – und auch 2022 will die Eisschnellläuferin nochmal antreten. Warum tut sie sich das an?

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          6:46,91 Minuten für 5000 Meter – Respekt, Claudia Pechstein. Niemand hat am Freitag in Pyeongchang den Olympischen Rekord unterbieten können, den die Läuferin aus Berlin vorlegte – vor sechzehn Jahren bei ihrem Olympiasieg von Salt Lake City 2002. Doch das ist der ehrgeizigen Athletin natürlich nicht genug. Am Freitag, sechs Tage, bevor sie 46 Jahre alt wird, war sie angetreten zum Vergleich mit Konkurrentinnen, die halb so alt sind wie sie, und sie wollte eine Medaille gewinnen. Es wäre ihre zehnte gewesen bei Olympischen Spielen. Das Goldstück ging an Esmee Visser (6:50,23); geboren wurde die Niederländerin 1996, da war Claudia Pechstein seit zwei Jahren Olympiasiegerin. Nun wurde Claudia Pechstein Achte; für die ersten fünf Runden ihres 7:05,43 Minuten langen Laufes brauchte sie immerhin jeweils weniger als 33 Sekunden: Weltklasse.

          Die Claudia Pechstein von heute ist nicht nur wegen ihres Alters eine andere als die von vor sechzehn Jahren. Vermutlich ist sie besser in Form als 2014 in Sotschi, als ihre Rückkehr nach zwei Jahren Sperre schon als Erfolg galt. Für eine Anomalie in ihrem Blutprofil hatte der Eislauf-Weltverband Isu sie gesperrt. Nicht ihre Klagen, nicht der Beleg, dass die Abweichungen genetisch bedingt sind und nicht die Rehabilitierung durch den Deutschen Olympischen Sportbund nahmen ihr Wut und Grimm. Die Isu habe sie nicht nur beinahe in den Selbstmord getrieben, habe sie in den gerichtlichen Auseinandersetzungen nicht nur wirtschaftlich ruiniert, ist sie überzeugt. Dieser Verband habe sie auch um die Teilnahme an den Olympischen Spielen von Vancouver 2010 beraubt und damit um ein würdevolles Finales ihrer Karriere. Deshalb ist sie bei ihren siebten Winterspielen, deshalb hat sie sich vier Jahre lang auf dieses Rennen vorbereitet. Als Olympiasiegerin wäre sie vor acht Jahren stolz und zufrieden abgetreten; dass sie in Kanada zum sechsten Mal Olympiasiegerin geworden wäre, ihre zehnte Olympia-Medaille gewonnen hätte, darf man getrost annehmen. Schließlich siegten die deutschen Läuferinnen in der Teamverfolgung ohne sie, die bis heute stärkste Eisschnellläuferin in Deutschland.

          Die Verletzung Claudia Pechsteins durch die Auseinandersetzung mit der unzureichenden Doping-Bekämpfung des Sports und seiner Schiedsgerichtsbarkeit reicht tief. Aus dem Schmerz schöpft sie die Energie, sich immer weiter zu schinden. Sie misst sich nur vordergründig mit den jungen Konkurrentinnen. Dahinter steckt der Wille, es der Welt zu beweisen: dass sie sich nicht unterkriegen lässt. Falls sie einmal nicht an ihre Mission denke, trete Trainer Peter Mueller ihr in den Hintern, wie sie dankbar sagt, oder ihr Lebensgefährte Matthias Große stachelt sie an – so will sie es.

          Es fällt schwer, sich vorstellen, dass Claudia Pechstein mit diesem Antrieb Glück empfinden kann – schwerer fast als die Aussicht, dass sie ihn bis zu den Olympischen Spielen von Peking 2022 nutzt. In Pyeongchang könnte er noch erstaunliche Ergebnisse beim Massenstart und in der Teamverfolgung in der kommenden Woche hervorbringen. Aber selbst wenn sie eine Medaille gewinnen würde, fände sie wohl nicht den Frieden, den man ihr wünscht.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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