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Geteiltes Gold bei Olympia : „Ein krasses Rennen“

Geteiltes Gold, geteilte Freude: Deutschland und Kanada. Bild: EPA

Spannender geht es nicht: Nach großem Rückstand holen die Bobfahrer Francesco Friedrich und Thorsten Margis im kleinen Schlitten die führenden Kanadier noch ein – und teilen sich mit ihnen den Olympiasieg.

          3 Min.

          Drei Minuten, 16 Sekunden und 86 Hundertstelsekunden: Vier Durchgänge lang sind die vier Männer mit ihren Schlitten durch die Bobbahn von Pyeongchang geschossen, die Lenkseile in der Hand, die Köpfe so tief wie möglich, im steten Kampf mit dem Luftwiderstand. Drei Minuten, 16 Sekunden und 86 Hundertstelsekunden waren vergangen, als auf der Anzeigetafel die Nummer eins aufleuchtete, als vier Männer ihre Arme in die Luft rissen. Olympiasieg!

          Einen Sekundenbruchteil später Verwirrung bei zwei der vier. Justin Kripps und Alexander Kopacz sehen die Anzeigetafel, sehen die Eins und sehen zwei jubelnde Deutsche auf sich zustürzen. Francesco Friedrich und Thorsten Margis sind Olympiasieger. Kripps und Kopacz aus Kanada sind Olympiasieger. Vier Goldmedaillen im Zweierbob – zum zweiten Mal, zwanzig Jahre nachdem der Kanadier Lueders und der Italiener Huber das geschafft hatten 1998. „Ein krasses Rennen“, sagte Friedrich anschließend. „Wir hatten Glück. Ein harter Kampf, aber ein gerechter Zieleinlauf.“

          Friedrich und sein Anschieber Thorsten Margis hatten einen schlechten Sonntag und eine miese Nacht hinter sich. „Müde irgendwie“ sei er gewesen, sagte Friedrich. Platz fünf nach zwei Läufen, 29 Hundertstelsekunden hinter Landsmann Nico Walther, weil er zweimal Kurve zwei „verhauen“ hatte. Mindestens einen halben Kilometer in der Stunde zu langsam, vielleicht auch einen ganzen, schätzte Margis, seien sie am Sonntag dort unterwegs gewesen. So langsam, das machte beide rasend. Margis erzählte von einer zerlegten Planke. Aber sie sahen noch eine Chance: „Die Trainer kamen und sagten: ‚Wenn ihr morgen ordentlich fahrt, habt ihr noch eine Medaillenchance.‘ Da habe ich gefragt: ‚Wollt ihr mich verarschen? Es geht um Gold. Um nichts anderes.‘“ Und doch kamen sie nicht in den Schlaf. Stattdessen Kurve zwei im Kopf, wieder und wieder.

          Am Montagabend, um Viertel nach acht Ortszeit, begann die Aufholjagd. „Zappelig“ fühlten sich beide vor dem Start, erzählte Margis, „nervöser als sonst“. Doch der Start glückt, kein Duo startet in Pyeongchang besser. Und dann? „Sitzt du hinten drin und denkst: Bitte, bitte, bitte triff das Ding dieses Mal.“ Margis Flehen wird erhört. Friedrich trifft Kurve zwei, steuert den FES-Bob mit einer neuen Hinterkufe schneller als jeder andere ins Tal. 48,96 Sekunden. Bahnrekord. Friedrich/Margis springen von Platz fünf auf Platz zwei, zu Lasten der deutschen Konkurrenz. Nach drei Läufen führt Kripps, nicht mehr Nico Walther. Der schnellste Mann des Sonntags ist nur noch Fünfter, noch hinter dem dritten Deutschen, Johannes Lochner. Auf Platz drei liegt der Lette Oskars Melbardis. Die ersten fünf trennen nach drei Läufen 13 Hundertstelsekunden.

          Friedrich wurde 2013, 2015, 2016 und 2017 Weltmeister im Zweierbob, dreimal mit Margis im Rücken. Die vergangenen Jahre aber waren vor allem geprägt von der schlechten Erfahrung der Spiele in Sotschi 2014. Die Bobs waren nicht konkurrenzfähig, keine Medaille. Friedrich? Achter im Zweier, Zehnter im Vierer. In der Vorbereitung auf Südkorea war der deutsche Verband in die Vollen gegangen. Den Piloten stand die Materialwahl frei, sie konnten sich entscheiden zwischen dem staatlich geförderten FES-Bob und dem Fabrikat des Tirolers Wallner. Friedrich war mit Wallner in die Saison gegangen, aber im Zweier auf das FES-Modell umgestiegen. „Die Athleten haben gemerkt, dass wir sie voll unterstützen“, sagt Thomas Schwab, Generalsekretär des Bob- und Schlittenverbandes für Deutschland. „Alles ist aufgegangen.“

          Ein Geschwindigkeitsunterschied war nicht zu erkennen zwischen den Fabrikaten, deren Hersteller mit zwei miteinander konkurrierenden Autoherstellern kooperieren: Wallner mit dem BSD-Sponsor BMW; die FES stellt seine Schlitten bei VW in Wolfsburg in den Windkanal. Der Argwohn sitzt mit im Schlitten. In Pyeongchang aber entschieden nicht die Schlitten, es waren die Nerven. Vierer Lauf: Weder Walther noch Lochner gelingen saubere Fahrten, sie werden Vierter und Fünfter. Melbardis dagegen fährt Laufbestzeit. Eine Medaille ist sicher. „Da wusste ich, jetzt wird es eng“, sagte Cheftrainer René Spies, „jetzt brauchen wir einen Zauberlauf.“ Friedrich liefert ihn – „fast. Er hatte eine kleine Bande in Kurve neun. Da wusste ich: Jetzt ist die Tür offen. Kripps kann es machen.“ Spies ist seit 2016 Bundestrainer, sein Vertrag endet nach den Winterspielen – oder wird verlängert. Seine Piloten fahren auch für seine berufliche Zukunft.

          Die Kanadier starten schlechter als Friedrich und Margis, sie haben ihre fünf Hundertstelsekunden Vorsprung verloren. Und holen sich die Führung doch zurück: eins, zwei, drei Hundertstelsekunden zeigt die Zwischenzeitmessung wenige Kurven vor Schluss an. Vor Kurve dreizehn, das sieht Spies auf dem Monitor, macht Kripps einen kleinen Fehler. „Gott sei Dank“, denkt der deutsche Coach. Friedrich hatte auf der Geraden den Kopf eingezogen, steuerte blind, Spies schöpft Hoffnung. „Drei Hundertstel, ich wusste, da bleibt es nicht bei. Das geht jetzt auf zwei, eins oder null. Und dann war es null. Eine unglaubliche Sache, nach den Jahren.“

          Samstag und Sonntag treffen sich alle wieder, zum Rennen mit dem großen Schlitten. „Ich habe vor der Saison gesagt, das werden die härtesten Rennen, die es je gegeben hat“, sagte Spies am Montag. „Das wird im Vierer nicht anders. Der Grad zwischen Gold und Platz sechs ist extrem klein.“ Friedrich ist zuversichtlich: „Hoffen wir, dass wir noch mal so ein Ding rausziehen.“

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