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Evi Sachenbacher-Stehle : Nervenstarke Wundertüte mit finaler Schwäche

  • -Aktualisiert am

Tiril Eckhoff ist ein wenig schneller auf der Zielgerade gegenüber Evi Sachenbacher-Stehle Bild: AFP

Am Ende fehlen nur wenige Meter zu Bronze. Evi Sachenbacher-Stehle überrascht beim Biathlon-Massenstart als Vierte. Der Olympiasieg geht wieder an Darja Domratschewa, die ihre dritte Goldmedaille holt.

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          Das Schöne an Evi-Sachenbacher-Stehle ist: Sie verliert nie die gute Laune. Ob sie sechs Fehler schießt, wie in der Verfolgung, ob sie die Misere der Kolleginnen erklären muss – stets steht die 33 Jahre alte Neu-Biathletin da und strahlt, als ob sie gerade gewonnen hätte.

          Am Montagabend, beim olympischen Massenstart, hat die Langlauf-Umsteigerin aus Reit im Winkl das Kunststück fertiggebracht, alle 20 Scheiben zu treffen. Das ist ihr noch nie in einem Wettkampf gelungen. Und doch musste sie mit anschauen, wie nach 12,5 Kilometern drei andere aufs Podium stiegen: Darja Domratschewa, die Weißrussin, die jetzt mit drei Goldmedaillen die Biathlon-Königin von Krasnaja Poljana ist; die Tschechin Gabriela Soukalowa, und – das ging dann doch ein bisschen tiefer – Tiril Eckhoff.

          Um ein Haar hätte sie selbst dort oben gestanden, auf dem Bronzeplatz, statt der Norwegerin, aber sie war ein Sekündchen zu spät gekommen. „Drum bin ich schon ein bissel ärgerlich.“ Wie sich Evi Sachenbacher halt so ärgert. Mehr als ein paar Augenblicke dauert die ernste Phase nicht, dann verziehen sich schon wieder die Mundwinkel.

          Selbst beim Wörtchen „undankbar“, was ja fast untrennbar mit Platz eins direkt hinter den Medaillen verbunden ist. „Es muss halt eine Vierte geben, und das war ich heute.“ Aber später sagt sie dann doch augenrollend: „Wisst ihr eigentlich, wie viele vierte Plätze ich schon bei Olympia und WM hatte?“

          Tiril Eckhoff gewinnt Bronze, Evi Sachenbacher-Stehle wird „nur“ Vierte

          Das wäre ein Ding gewesen, wenn die Frau, die im zarten Alter von 31 Jahren beschlossen hat, es noch mal in einem neuen Metier zu versuchen, eine Medaille in den Händen gehalten hätte. Es hätte dem gebeutelten Team gut getan. Und das Verrückte an dieser leider nicht ganz vollendeten Geschichte war, dass Evi Sachenbacher am Montag ausgerechnet die fremde Disziplin, das Schießen, vortrefflich beherrschte.

          Sie galt lange Zeit, was den Umgang mit dem Kleinkalibergewehr umgeht, als Wundertüte. Jedenfalls im Wettkampf. Aber noch verrückter war, dass die zweimalige Olympiasiegerin im Langlauf im Finish mit der zehn Jahre jüngeren Norwegerin nicht ganz mithalten konnte. Bei aller taktischen Finesse. „Ich habe mich hinter ihr gehalten, um Kraft zu sparen, aber der letzte Punch hat gefehlt.“

          Die Deutsche traf alle zwanzig Scheiben und gewann doch keine Medaille

          Und ihre Gedanken kurz nach der Ziellinie reduziert sie auf ein Wort: „Scheiße.“ Weil es irgendwie doch wie verhext sei: „Im Sprint war es knapp, heute war es noch knapper. Aber irgendwie ist immer eine da, die noch vorbei kommt.“ Darja Domratschewa hat im Sommer davon geträumt, drei Goldmedaillen mitzunehmen, Evi Sachenbacher hätte sich damals schon darüber gefreut, es überhaupt ins olympische Biathlonstadion zu schaffen.

          Und jetzt ist sie in der nicht sonderlich eindrucksvollen deutschen Zwischenbilanz die beste Skijägerin. Und die einzige, die auf den superschweren Strecken des Biathlonkomplexes Laura mithalten kann. Wobei man Andrea Henkel, die am Montag auf Platz 18 landete, zu Gute halten muss, dass sie zur Unzeit eine Erkältung heimgesucht hat. „Es reicht noch nicht wieder, um in der Weltspitze mit zu halten“, sagte die 36 Jahre alte Thüringerin.

          Darja Domratschewa gewinnt in Sotschi schon die dritte Goldmedaille

          Evi Sachenbacher kann das immer besser. Weil sie immer treffsicherer wird. 90 Prozent Trefferquote im Sprint, 17 von zwanzig Scheiben im Einzel – stattlich. Bis auf den Ausreißer in der Verfolgung – sechs Fehler –, war das für ihre Verhältnisse geradezu hervorragend. Das Wort Frohnatur klingt immer blöd, aber Evi Sachenbacher besitzt tatsächlich die seltene Gabe, alles Negative, was vorher passiert ist zu löschen. Wenn ihr einer vor den Spielen gesagt hätte, sie wird Vierte, „hätte ich das sofort genommen. Aber wenn man so dicht dran ist“, sagt sie und lässt den Satz unvollendet.

          Gut, sie hat keine Medaille gewonnen, aber dafür die Erkenntnis, dass sie auch unter höchstem Druck die Null schießen kann – und eine Wette. Frauentrainer Gerald Hönig muss demnächst mit einer rosa Mütze am Schießstand erscheinen. Das hat er versprochen, „wenn du vier mal Null schießt.“

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          Knapp vorbei an einer Medaille: Evi Sachenbacher-Stehle

          Ergebnis, Biathlon, Damen, 12,5 km Massenstart

          Gold: Darja Domratschewa (Weißrussland) 35:25,6 Min./1 Schießfehler
          Silber: Gabriela Soukalova (Tschechien) + 0:20,2/1
          Bronze: Tiril Eckhoff (Norwegen) + 0:27,3/1

          4. Evi Sachenbacher-Stehle (Reit im Winkl) + 0:28,3/0
          5. Teja Gregorin (Slowenien) + 0:39,4/0
          6. Monika Hojnisz (Polen) + 0:54,9/0
          7. Kaisa Mäkäräinen (Finnland) + 1:01,5/2
          8. Olena Pidgruschna (Ukraine) + 1:11,5/0
          9. Veronika Vitkova (Tschechien) + 1:23,7/0
          10. Selina Gasparin (Schweiz) + 1:29,3/2

          ...18. Andrea Henkel (Großbreitenbach) + 1:53,6/1
          29. Franziska Hildebrand (Clausthal-Zellerfeld) + 3:43,9/3

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