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Kommentar : Eishockeyteam als Olympia-Attraktion

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Baumeister des deutschen Eishockey-Erfolges: Bundestrainer Marco Sturm. Bild: dpa

Das deutsche Eishockey-Team überrascht nach einem verhaltenen Start bei Olympia. Nun winkt gar das Finale. Es wäre aber übermütig, das mit einem Vorstoß in die Weltspitze gleichzusetzen. Die Gelegenheit in Pyeongchang war schlichtweg günstig.

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          Sieben Tage haben genügt, um die Eishockey-Welt ins Wanken zu bringen. Die Skepsis, die den ersten Auftritt des deutschen Teams begleitete, ist verflogen. Gewichen ist sie einem Optimismus der Spieler, etwas erreichen zu können, worauf sie ein Leben lang stolz sein dürfen. Der Glaube an die eigene Stärke ist das Markenzeichen des Teams von Marco Sturm. Seit der ehemalige Profi Takt und Ton vorgibt, hat sich viel verändert in der Nationalmannschaft und um sie herum. Zum Positiven. Die zwei Dutzend Profis, die er nominierte und von denen die meisten noch nie derart im Rampenlicht standen, sind bereit, in die Lücke zu springen, die durch die Abwesenheit der NHL-Profis entstand: Das Team entwickelte sich nach einem verhaltenen Start zur Attraktion des Olympia-Turniers.

          Sturm macht als Coach so weiter wie schon als Spieler in mehr als tausend Einsätzen in Nordamerika: Er will hoch hinaus. Sein Fleiß, das gute Auge und die schnelle Auffassungsgabe kommen ihm bei seinem Job hinter der Bande zugute. Er übt seine Aufgabe mit Umsicht aus, was bei den vielen hektischen Szenen, die die Jagd nach dem Puck begleiten, wohltuend auf die Mannschaft wirkt. Kapitän Christian Ehrhoff und die von ihm angeführten vier Reihen lassen sich nicht mehr so schnell verunsichern. Das half ihnen schon während der beiden zurückliegenden Weltmeisterschaften weiter, doch nun winkt ein ungleich schönerer Erfolg: die erste Olympia-Medaille seit 42 Jahren, seit Erich Kühnhackl und Kollegen 1976 in Innsbruck Bronze gewannen.

          Sturm suchte über Monate seine Kandidaten und formte eine funktionsfähige Einheit. Seine Spieler zeichnet Zweikampfstärke, Fitness und Einsatzfreude aus. Darüberhinaus ist jeder bereit, seine Rolle zu akzeptieren und mit Hingabe auszufüllen. So gelang es Sturm, ein sportlich wie menschlich harmonierendes Team zusammenzustellen. Niemand, so wirkt es von außen, scheint allein auf das eigene Wohl bedacht, sondern stellt sich in den Dienst der Sache. Und so bilden die Deutschen ein wehrhaftes Team, das sich mit viel Temperament in die Aufgabe stürzt. Das bekamen die Schweden zu spüren, die sich in der Verlängerung des Viertelfinales – wie zuvor schon die Schweiz – geschlagen geben mussten. Das Duell mit Kanada an diesem Freitag (13.10 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia und bei Eurosport) wird eine ungleich härtere Prüfung. Doch auch davor muss den Deutschen, wenn sie es weiter so geschickt angehen, nicht bange sein.

          Es wäre übermütig, das Erreichen des Olympia-Halbfinals mit einem Vorstoß in die Weltspitze gleichzusetzen. Die Gelegenheit in Pyeongchang war schlichtweg günstig, und Sturms Ensemble hat das Glück des Tüchtigen auf seiner Seite. Die Nationalmannschaft gehörte noch nie zum engsten Kreis der Top-Nationen, sondern war allenfalls hin und wieder ein bisschen näher dran. Es wird spannend zu beobachten sein, wie sich das positive Auftreten im Alltag bemerkbar macht. In der Deutschen Eishockey Liga sind selbst deutsche Nationalspieler oft zweite Wahl, weil ihnen Legionäre vorgezogen werden. An vielen erstklassigen Standorten kämpfen die Verantwortlichen mit finanziellen Problemen, während der ungelöste Dissens über Auf- und Abstieg bei den Fans für Verdruss sorgt. Trübe Tage mit großen Schwierigkeiten, das lehrte die Vergangenheit nach der festlichen Heim-WM 2010, werden wohl schneller, als allen lieb ist, wiederkommen. Umso verständlicher, dass alle Beteiligten das olympische Hochgefühl jetzt am liebsten bis zum Finale am Sonntag und noch ein bisschen weiter auskosten würden.

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