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Deutsches Eishockey-Team : Ohne das richtige Gespür beim Olympia-Comeback

Gerangel vor dem deutschen Tor: Deutschland verliert gegen Finnland Bild: dpa

Niederlage zum Start ins olympische Turnier: Die deutschen Eishockey-Herren verlieren gegen Finnland. Der kommende Gegner der deutschen präsentiert sich derweil in guter Form.

          3 Min.

          GANGNEUNG. Es herrscht noch Nachholbedarf. Kurz bevor die Sirene ertönt und das erste Bully ankündigt, läuft auf dem Videowürfel erst mal ein mehrminütiger Film, der die Eigenheiten des folgenden Spiels erläutert. Südkorea ist in Sachen Eishockey ein Entwicklungsland, und die Zuschauer bekommen als Service von den Veranstaltern erklärt, um was es gleicht geht. Tenor des digitalen Nachhilfeunterrichts: Die Jagd nach dem Puck ist „aufregend, dynamisch und berauschend“. Auf den sich anschließenden Auftritt der Deutschen trafen die idealisierenden Attribute am Donnerstag nur teilweise zu. Sie verloren ihr Auftaktmatch gegen Finnland 2:5 (1:2, 0:2, 1:1). Damit setzte sich auch bei der ersten Olympia-Vorstellung seit Vancouver 2010 eine schwarze Serie fort: Gegen das „Team Suomi“ gab es seit 34 Jahren keinen deutschen Sieg mehr. Der Münchner Brooks Macek (9. Minute) und der Berliner Frank Hördler (42.) erzielten die Treffer für die Auswahl von Bundestrainer Marco Sturm. Für die Finnen, für die bei fünf der letzten sechs Winterspielen jeweils Edelmetall heraussprang, trafen Sami Lepistö (4.), Mika Pyörälä (16.), Eeli Tolvanen (38.), Lasse Kukkonen (39.) und Jonas Kemppainen (53.). Die Nationen, deren Protagonisten sich selbst für den Gewinn der Goldmedaille ins Gespräch brachten, hatten sich in den beiden Hockey-Arenen von Gangneung schwergetan; sowohl die Russen (2:3 gegen die Slowakei) als auch die Amerikaner (2:3 gegen Slowenien) unterschätzten jeweils ihre als Außenseiter angetretenen Konkurrenten – und rutschten entsprechend aus.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Dieser Fehler unterlief den coolen Finnen nicht. Sie setzten sich mit ihrer läuferischen Stärke sowie Cleverness in der Chancenverwertung durch. Die Deutschen versuchten, die individuelle Überlegenheit des zweimaligen Weltmeisters dadurch zu verringern, dass sie jeden Zweikampf mit viel Einsatzbereitschaft annahmen. Vor allem, wenn der hundert Kilogramm schwere und 1,91 Meter große David Wolf (Mannheimer Adler) in den Ecken seine Checks ausfuhr, wackelte die Bande – und es ging ein Raunen durch das Publikum in der mit knapp 4000 Zuschauern zur Mittagszeit leidlich gefüllten Halle. Doch der Grat zwischen erlaubter und übertriebener Härte ist in diesem Sport schmal, und den Deutschen fehlte in einigen Szenen das richtige Gespür. Vor dem ersten Gegentreffer ließ sich Stürmer Yasin Ehliz bei einem Vorstoß hinter dem Tor von Mikko Koskinen zu einer ungebührenden Attacke hinreißen; in Unterzahl rauschte der Puck an Danny aus den Birken vorbei. Der Keeper hatte trotz wenig berauschender Leistungen bei früheren Großereignissen das Vertrauen erhalten, weil er laut Sturm die „nötige Ruhe“ ausstrahlt. Seine Gegenüber Koskinen, der bei Sankt Petersburg unter Vertrag steht und als bester Torwart der osteuropäischen Kontinental Hockey League gilt, parierte von 24 Schüssen 22. Der Münchner Aus den Birken musste an seinem 33. Geburtstag von 20 heranfliegenden Scheiben eine Handvoll passieren lassen – zu viel. „Das war ein bisschen blöd für den Danny. Es ist frustrierend, wenn jeder reingeht“, merkte Sturm an, dem für diesen wichtigen Posten außerdem der Mannheimer Dennis Endras und Timo Pielmeier (Ingolstadt) zur Verfügung stehen.

          Auch wenn Schwedens Viktor Fasth hinter überwunden ist – das Tor zählt nicht. Und Schweden siegt letztlich souverän.
          Auch wenn Schwedens Viktor Fasth hinter überwunden ist – das Tor zählt nicht. Und Schweden siegt letztlich souverän. : Bild: Reuters

          Ihre Effizienz im Abschluss behielten die Skandinavier auch bei einer weiteren Hinausstellung von Ehliz sowie Felix Schütz (Köln) bei. Sturm, der das Treiben in Unterzahl mit verkniffener Miene auf der Bank verfolgte, sprach hinterher die Versäumnisse deutlich an: „Es waren die berühmten Kleinigkeiten. Und dumme Fouls wurden bestraft.“ In der Analyse der Niederlage werde er das Thema „Disziplin ansprechen“. Der frühere Weltklasse-Angreifer bezeichnete es als „deutsches Problem“, dass sich die eigenen Stürmer grundsätzlich zu selten direkt im Slot, der von den Verteidigern streng bewachten Zone vor dem gegnerischen Schlussmann, aufhielten. „Wir versuchen das immer wieder zu trainieren. Leider braucht das ein bisschen länger. Gute Nationen sind uns da voraus. So schießt man eben Tore.“ Er selbst habe auch erst während seiner Zeit in Übersee gelernt, dass es sich dort, wo die Duelle um den Puck schmerzhaft sein können, als Stürmer besonders lohnt, auf die Gunst des Augenblicks zu lauern. Bei den Finnen taten sich als aufmerksames Wachpersonal besonders Torschütze Lepistö und sein nicht minder durchsetzungsstarker Kollege Lasse Kukkonen hervor. „Das ist ein anderes Level hier, und ein anderer Speed“, sagte Sturm, dessen Kader komplett aus Profis der Deutschen Eishockey Liga (DEL) besteht, weil ihm die Unterstützung aus Nordamerika wegen des NHL-Boykotts fehlt. „Insgesamt war es nicht ganz so, wie wir es uns vorgestellt hatten“, bilanzierte Kapitän Ehrhoff, für den es bereits die vierte Olympia-Teilnahme ist. 21 seiner 24 Mitspieler betraten dagegen Neuland. „Wir haben deswegen vielleicht etwas nervös angefangen“, meinte Sturm, der das Spiel der Seinen als „generell okay“ bewertete: „Wir haben auch gute Sachen gemacht.“ Dazu zähle das schnelle Umschalten von Abwehr auf Attacke.

          Nur der Gruppensieg oder das beste Punktekonto der drei Zweiten führt direkt ins Viertelfinale, alles andere in die Play-offs um die übrigen vier Plätze. Ehrhoff und seine Kollegen könnten sich demnach selbst mit drei Niederlagen zum Start noch für die K.-o.-Phase in der kommenden Woche qualifizieren. Routinier Patrick Reimer, einer der wenigen einheimischen Goalgetter aus der DEL, in der nach wie vor zumeist Legionäre vor und hinter der Bande den Ton angeben, sagte zur Ausgangslage: „Wer hierhergekommen ist und dachte, es wird ein Spaziergang, der hat sich geschnitten.“ Für den Nürnberger kommt es in der nächsten Partie schon an diesem Freitag (13.10 Uhr, MEZ) darauf an, gegen Schweden „voll zu marschieren. Wir dürfen uns nicht verstecken.“ Sturm sah ebenfalls „Luft nach oben“. Oder mit anderen Worten: Auch bei den Deutschen geht es mit Nachholbedarf weiter.

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