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Eishockey : Die Deutschen dürfen träumen

Unverzichtbar: Dominik Kahun (links). Bild: AP

NHL-Profis als Motivation für das Eishockey-Team: Gegen die Schweiz geht es um den Einzug ins Viertelfinale. Die Deutschen stehen besser da als zuvor gedacht – ein Spieler ist dabei unverzichtbar.

          3 Min.

          Es gibt wenige Momente von bleibendem Erinnerungswert für die Eishockey-Nationalmannschaft, die so bedeutsam waren, dass davon Filme gedreht wurden. Einer war das olympische Turnier 1976. In Innsbruck stieß die Mannschaft um Alois Schloder, Erich Kühnhackl, Rainer Philipp und Franz Reindl unter der Regie von Trainer Xaver Unsinn in Sphären vor, die ihr bis dahin verwehrt geblieben waren und die ihre Nachfolger seitdem nie wieder erreichten: Die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) beendete den Wettbewerb hinter Russland und Tschechien als Bronzemedaillengewinner.

          Den Glückspilzen kam – in Abwesenheit der Kanadier, die aufgrund der seinerzeitigen Amateurbestimmungen keine NHL-Akteure entsenden konnten, und der Schweden, die freiwillig auf eine Teilnahme verzichteten – eine Besonderheit im Reglements zugute: Sie hatten, nachdem in der Finalrunde nach dem Modus „jeder gegen jeden“ gespielt wurde, einen um 0,041 besseren Torquotienten als die Finnen. Die Medaille brachte Reindl, mittlerweile DEB-Präsident, als 21-Jähriger „ganz schnell nach Hause in Sicherheit, weil wir nicht wussten, ob wir sie behalten durften“.

          In Südkorea sind solche Rechenspiele ausgeschlossen. Der Modus wurde längst so verändert, dass es nach der Gruppenphase ausschließlich mit K.-o.-Duellen weitergeht. Edelmetall zu ergattern ist unter normalen Umständen für die international von der Weltspitze weit entfernte deutsche Nationalmannschaft nahezu unmöglich. Doch die Situation in Südkorea ist ein wenig anders: Die National Hockey League (NHL) hatte sich entschieden, den Kampf um den Stanley Cup fortzuführen und ihren Leuten die Freigabe für Olympia zu verweigern.

          Sturm gehörte bei der Uraufführung des Streifens über das „Wunder von Innsbruck“ zu den Ehrengästen und zeigte einige emotionale Szenen daraus bereits zur Einstimmung auf die zurückliegende Heim-Weltmeisterschaft. In Gangneung, wo im Hockey Center an diesem Dienstag die Play-off-Partie um den Einzug ins Viertelfinale gegen die Schweiz (13.10 Uhr MEZ im F.A.Z Liveticker zu den Winterspielen und bei Eurosport) auf dem Programm steht, sagte der 39-Jährige, dass er niemanden in seinem Team verbiete, davon zu träumen, am Wochenende auf dem Siegertreppchen zu stehen.

          „Diesmal ist alles ein bisschen anders“, lautete das Zwischenfazit nach den ersten Tagen, in denen Sturms Mannschaft ihr Potential andeutete, aber Konstanz und Effektivität vermissen ließ. „Die spielerischen Unterschiede sind nicht so groß wie sonst. Es kann jeder jeden schlagen“, sagte Sturm dennoch. Mit Torhüter Philipp Grubauer (Washington Capitals), Verteidiger Dennis Seidenberg (New York) und den Stürmern Leon Draisaitl (Edmonton Oilers), Tobias Rieder (Arizona Coyotes) sowie Tom Kühnhackl (Pittsburgh Penguins) wären den Deutschen gewiss schwerer beizukommen. Die NHL-Profis sind lediglich in der Kabine mit ihren Namensschildern vertreten, die Sturm zu Motivationszwecken neben einer Reihe von Wunschzetteln aufhängen ließ, auf denen er seine Anforderungen an das Team plakativ zusammenfasste. „Es liegt nur an uns, was wir hier erreichen werden“, sagte er nach dem Sieg gegen Norwegen (2:1): „Wenn wir das Momentum mitnehmen, ist einiges möglich.“

          Das Manko, auf die Besten der Besten verzichten zu müssen, trifft auch die Schweizer. Aber nicht ganz so hart. Ihre Liga gilt im internationalen Vergleich als Top-Adresse hinter der NHL und der osteuropäischen KHL. Das Mitwirken von Legionären ist bei den Eidgenossen strenger reglementiert. Derzeit dürfen die Vereine in der Deutschen Eishockey Liga elf Lizenzen an Ausländer vergeben und neun einsetzen. Bei den Schweizern beschränkt sich Zahl der Gastarbeiter pro Partie auf vier – was zu mehr Spielpraxis für junge Schweizer Spieler führt.

          Für Sturm ein großer Vorteil, wie er im Gespräch mit der F.A.Z. sagte: „Andere Nationen werden immer besser und jünger. Wir noch nicht.“ Auch deswegen habe er sich entschlossen, seinen Vertrag vor Olympia bis 2022 zu verlängern. Er sieht Handlungsbedarf, den eigenen Nachwuchs „mehr zu fördern“, wie er sagte, „da müssen wir dranbleiben: Verband, Vereine und die Liga brauchen zusammen eine Lösung, dass wir Spieler selbst produzieren und fördern.“ Aktuell könne er Talenten nur empfehlen, ihre Chance auf Weiterentwicklung im Teenageralter in Übersee zu suchen, „weil es bei uns nichts gibt auf diesem Level. Deswegen sollen sie diese Erfahrung machen.“

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          Dominik Kahun gehört zu den Nationalspielern, die diesen Weg einschlugen und fernab der Heimat ihre Ausbildung vorantrieben. Der 22-Jährige, geboren in Tschechien, ehe er mit seiner Mutter nach Weiden in der Oberpfalz umzog, bildete im Jugendinternat der Jungadler Mannheim mit Draisaitl ein Duo, von dem ihre Lehrer heute noch schwärmen. Die beiden brachten es pro Saison regelmäßig auf fünfzig Tore und mehr – und gerieten so ins Blickfeld nordamerikanischer Scouts. Während sich Draisaitls NHL-Traum erfüllte, kehrte Kahun nach dem Aufenthalt bei den Sudbury Wolves 2014 zurück und landete beim EHC München.

          Im Sturm des Meisters gilt er als unverzichtbar. Sturm schätzt an ihm die Leichtigkeit, mit der er den Puck behandelt. Kahun gibt der Truppe aus Kämpfern mit seinem Speed auf Schlittschuhen und seiner Handlungsschnelligkeit am Schläger eine künstlerische Note. Gegen Norwegen traf er per Penalty, und auch im finalen Test vor Olympia hatte er das 2:1-Siegtor erzielt – gegen die Schweiz. Ein gutes Omen, wie er fand: „Das Selbstvertrauen ist da“, sagte Kahun, „egal, wie die Gegner heißen. Wir wollen so weit kommen wie möglich.“ An Kameras, die den Weg für einen Motivationsfilm aufzeichnen, mangelt es in Gangneung nicht.

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