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Eishockey bei Olympia : Deutsche Frauen sind exotisch

Ungewohnt im Rampenlicht: Torhüterin Jennifer Harss Bild: dpa

Das deutsche Eishockey-Team hat in Sotschi Angst vor deutlichen Niederlagen. Die erste droht an diesem Sonntag (14.00 Uhr) gegen Gastgeber Russland. Wirklich Weltklasse sind nur die Torhüterinnen.

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          Von wegen starkes Geschlecht. Als für Peter Kathan der Moment der Wahrheit gekommen war, machte er es kurz und bündig: „Tür auf, Zettel raus, Namen vorlesen, raus.“ So beschrieb der 65-Jährige den Augenblick, als er seinen Kader für die Olympischen Spiele benannte. Kathan, der früher selbst beim EC Bad Tölz einen eher unerschütterlichen Eishockeystil pflegte und dabei keiner Auseinandersetzung aus dem Weg ging, sagt von sich, in seiner Funktion als Chefcoach der Frauen-Nationalmannschaft habe er vor Situationen Respekt, bei denen Emotionen im Spiel sind. Bei der Nominierung flossen bei den Aussortierten reichlich Tränen der Enttäuschung. Die will er in Sotschi nicht trocknen müssen.

          Der Zeitplan der Olympischen Winterspiele in Sotschi

          Kathan hat vor, mit seiner Auswahl aus der Perspektive des Außenseiters die Favoriten piesacken und sich so weiteren Respekt verdienen zu können. Am besten schon an diesem Sonntag (14 Uhr/ ZDF und im FAZ.NET-Liveticker), wenn es gegen Russland geht. „Zu verlieren haben wir nichts“, sagt Torfrau Jennifer Harß, der ein vermutlich arbeitsreicher Nachmittag bevorsteht. 7000 Zuschauer werden im ausverkauften Shayba Stadion erwartet.

          „Wer da eins und eins zusammenzählen kann, weiß, dass es eine schwierige Atmosphäre wird“, betont Jennifer Harß, die die Kulisse aber als „motivierend“ empfindet, während Kathan darauf hofft, dass sie das erste Drittel ohne Gegentreffer überstehen, um dann von der steigenden Nervosität des Heimteams profitieren zu können. Er sagt aber auch: „Angst muss man immer haben.“ Zum Beispiel davor, „dass wir viele Strafzeiten kassieren, dann kann es eine deutliche Niederlage geben“.

          Besonders an Offensivqualität fehlte es der Mannschaft bislang im Vergleich mit den Klassenbesten aus Übersee. Die Mängel im Angriff machten zuletzt oft die Aufpasserinnen zwischen den Pfosten wett. 2006, bei den Winterspielen in Turin, wurden sie so sogar Fünfte. „Es gibt in der Welt vielleicht fünf oder sechs richtig gute Torhüterinnen – und unsere gehören da dazu“, urteilt Kathan über Jennifer Harß, Viona Harrer und Ivonne Schröder. Sie alle spielen in dritt- oder viertklassigen Männermannschaften: Jennifer Harß für den ERC Sonthofen, Viona Harrer beim EC Bad Tölz und Ivonne Schröder beim ELV Niesky in der Lausitz. In Sotschi gilt für sie das Rotationsprinzip.

          Für die 26 Jahre alte Jennifer Harß ist ihre Sonderrolle zwar noch immer „außergewöhnlich“, aber nicht „mehr wirklich spektakulär“. Durch den Wechsel des Einsatzortes habe sie persönlich enorm profitiert, schildert sie: „Bei den Herren läuft es viel professioneller, schneller und härter ab“, und sie erhalte mehr Trainingszeit auf dem Eis als in der Frauen-Bundesliga, die im Schatten der DEL an sieben Standorten ein kümmerliches Dasein am Rande der öffentlichen Wahrnehmung führt. Bei Olympia überträgt das Fernsehen alle Partien live. Die ungewohnte Aufmerksamkeit kommt gelegen. Jennifer Harß wünscht sich, dass sie dazu führe, dass demnächst „dann ein paar mehr Zuschauer als bloß fünfzig zu einem Frauenspiel kommen“.

          Spaß darf beim Training nicht zu kurz kommen: Franziska Busch (von links), Torhüterin Jennifer Harss und Bettina Evers

          Kathan, der den Job seit 2002 macht, sieht bei allen Chancen auch die Risiken. In Sotschi sind die deutschen Männer nicht dabei. Durch ihr Fehlen „ist der Druck auf uns natürlich höher“, findet er, dessen beiden Söhne Peter junior und Klaus ebenfalls Nationalspieler waren; ihre Nachfolger bekleckerten sich unlängst nicht mit Ruhm: Sie verpassten erstmals seit 1948 die Teilnahme an den Winterspielen. Eine Blamage für den nicht von Erfolg verwöhnten Deutschen Eishockey-Bund, die nun die Frauen wettmachen können.

          Die Idee aber, dass in Sotschi eine der vom Deutschen Olympischen Sportbund angestrebten dreißig Medaillen von ihm und seinem Team gewonnen werden könnte, bezeichnet Kathan unverblümt als „Schmarrn“. Der finale Test in Sotschi gegen die Vereinigten Staaten endete desillusionierend: 0:10. Taktisch formulierte Kathan danach seine Marschroute für das Turnier so: „Wir müssen es wie die Gegner der Fußballer vom FC Bayern angehen.“ Das klingt fürs Erste ganz stark nach Schadensbegrenzung.

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