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Biathlon-Sprint : Wie bei Peiffer aus Pech Olympia-Gold wurde

Die Hände zum Himmel: Arnd Peiffer ist Olympiasieger. Bild: AFP

Schlüssel vergessen, Schlagbolzen kaputt, auf der Treppe ausgerutscht – aber Arnd Peiffer wird nicht nervös: Mit einer perfekten Schießleistung erkämpft sich der Biathlet den Olympiasieg.

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          Wenn man morgens zum Trockentraining geht und irgendwann feststellt, dass man den Schlüssel zum Waffenschrank vergessen hat; wenn einem eine halbe Stunde vor dem Anschießen der Schlagbolzen an der Waffe bricht; wenn man dann noch im Wachskabinentrakt die steile Treppe halb runterfliegt und sich dabei den Ellbogen am Geländer anhaut, dass es höllisch schmerzt – dann hört sich das eher an wie ein kleines Katastrophen-Szenario als wie eine ideale Vorbereitung auf den olympischen Sprint. Und wenn dann einer sagt: „Das heute war eigentlich nicht so mein Tag“, glaubt man ihm das aufs Wort. Aber wenn dieser Mann am Ende des Tages als Olympiasieger auf das Podest im Alpensia-Biathlon-Center springt, dann staunt man ungläubig.

          Aber genau das ist die Geschichte, die Arnd Peiffer am Sonntagabend im Kühlhaus Alpensia widerfahren ist. Der 30 Jahre alte Niedersachse hat sich trotz aller Widrigkeiten Gold im Sprint geholt, vor dem Tschechen Michal Krcmar und Dominik Windisch aus Italien. Aber obwohl er in dieser Disziplin 2011 Weltmeister geworden war, kommentierte Peiffer seinen Coup von Pyeongchang durchaus mit einem Schuss Selbstironie: „Wie konnte das denn passieren?“

          Vor Olympia schien es ja so, als seien die Plätze eins und zwei fest vergeben. An Martin Fourcade, und Johannes Thingnes Bö. Doch der Franzose, Spitzenreiter im Gesamt-Weltcup und seit Jahren der große Dominator, schoss drei Fehler – Platz acht; und der Norweger, dessen junger Herausforderer und mit acht Weltcupsiegen fast noch erfolgreicher, ließ vier Scheiben stehen – Rang 31. Peiffer dagegen, der ein guter Schütze ist, aber seit Jahren keinen Einzeltitel mehr bei Großereignissen gewonnen hat, ließ sich vom tückischen Wind überhaupt nicht beirren. „Ich habe relativ mutig gedreht, ich war schon nervös vor dem letzten Schuss, aber ich habe getroffen. Ich denke, der Wind heute war mein Vorteil.“

          Weil bei guten Bedingungen so viele fehlerfrei bleiben, dass die schnellsten Läufer vorne sind. Zu denen gehörte Peiffer auch am Sonntag nicht. Wie das gesamte Team. Aber ausgerechnet am Schießstand, wo die Deutschen in der ganzen Saison ihre Probleme hatten und deswegen häufig unter Wert geschlagen wurden, präsentieren sie sich bei Olympia geschlossen stark wie nie in diesem Winter: Benedikt Doll Sechster, Simon Schempp Siebter, Erik Lesser Elfter, alle mit nur einer Strafrunde belastet. „Wir haben es hingekriegt, zum Saisonhöhepunkt die beste Schießleistung zu bringen, und das freut mich“, sagte der Mann, der im Weltcup auf Rang fünf liegt, und klang schon fast wie der Bundestrainer.

          Der heißt aber immer noch Mark Kirchner und war vom Coup seines Athleten derart überwältigt, dass er nach einem Freudensprung seine weichere Seite zeigte. Und nicht erst bei der innigen Umarmung mit seinem Gold-Jungen glitzerte es verdächtig in seinen Augen. Das passiert nicht oft. „Hat der echt Tränen in den Augen gehabt?“, fragte Peiffer. Aber im Grunde weiß er schon, warum. Die beiden arbeiten jetzt schon seit elf Jahren zusammen, und vor einem Jahr beim letzten Weltcup in Oslo, es war Peiffers 30. Geburtstag und eine kleine Party war im Gange, da hat ihn Kirchner zur Seite genommen und gesagt: „Arnd, eines wünsche ich mir noch von dir.“ Und Peiffer entgegnete: „Ja, ich weiß schon.“

          Zwar blieb der Dialog an dieser Stelle stecken, aber zwischen beiden war alles klar: „Dass ich zum Höhepunkt noch mal einen raushaue“, klärte Peiffer auf und fuhr fort: „Dass es heute geklappt hat, freut mich natürlich für mich, aber vor allem für ihn.“ Kirchner hatte schon den ganzen Tag von lauter guten Omen gesprochen – und Peiffer damit ein wenig genervt. „Er hat gesagt: Mit deiner Startnummer 22 bin ich mal Weltmeister geworden.“ Und selbst den gebrochenen Schlagbolzen, der Repetieren unmöglich macht, wertete der Bundestrainer als gutes Zeichen: „Genau das ist Erik Lesser 2014 in Sotschi passiert, und dann hat er Silber gewonnen.“ Ja, rede du nur, hat sich Peiffer gedacht. Dass Kirchner recht behalten sollte, „damit hätte ich nie gerechnet“. Und weil Peiffer nicht nur im Rennen ganz im Hier und Jetzt war, mochte er die Frage, wie er denn seine Chancen im Verfolgungsrennen an diesem Montag einschätze, gar nicht erst an sich ranlassen. Aus Erfahrung. „Als ich 2011 Sprint-Weltmeister wurde, habe ich ständig an den Verfolger gedacht und konnte den Sieg gar nicht genießen. Da habe ich mir geschworen: Wenn du je wieder zu einem Höhepunkt einen Sprint gewinnst, dann ist dir der Verfolger bis zum nächsten Tag erst mal völlig egal.“

          Stress und Quälerei kommen noch früh genug. Stattdessen will er sich mit dem gesamten Team, Techniker, Trainer und Teamkollegen, in aller Ruhe ein Bierchen gönnen. „Das lasse ich mir nicht nehmen, und mit 30 Jahren weiß man doch ungefähr, was man sich erlauben kann.“ Man muss die Feste feiern, wie sie fallen. Denn Peiffer wertet seine Goldmedaille als Erfolg des gesamten Teams. Und so, wie sie ihn alle gefeiert und auf den Schultern getragen haben, „das finde ich außergewöhnlich, und das hat mich sehr bewegt“, gestand Peiffer. Das war der Moment, in dem er seine ganze Rührung hinunterschlucken musste.

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