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Biathleten gegen das IOC : „Komplize eines Systems, das Menschenrechte nicht achtet“

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Sport und Politik seien für ihn nicht zu trennen, sagt Arnd Peiffer vor Olympia. Bild: AFP

Vor dem Start der Spiele in Peking äußern sich zwei deutsche Biathleten mit deutlichen Worten in Richtung der Veranstalter und des Internationalen Olympischen Komitees. Dabei unter anderem im Fokus: IOC-Präsident Bach.

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          Als Erik Lesser erstmals auf der hochmodernen Biathlon-Anlage in Zhangjiakou stand und im Hintergrund die futuristischen Skisprungschanzen sah, wurde der Medaillenjäger nachdenklich. „Ehrlich, es ist sehr schön hier draußen“, schrieb der Biathlet in seiner Instagram-Story: „Aber zu wissen, wie dieses Gebiet vorher ausgesehen hat, macht mich traurig. All das für drei Wochen.“ An diesem Freitag (13.00 Uhr MEZ im F.A.Z.-Liveticker zur Olympia, im ZDF und bei Eurosport) beginnen die Olympischen Winterspiele, zu Ende sind sie am 20. Februar.

          Vor gar nicht allzu langer Zeit gab es knapp 180 Kilometer nordwestlich von Peking noch wenig zu bestaunen. Für Olympia stampften die Veranstalter in China eine gigantische Anlage aus dem Boden, die bei Lesser für Stirnrunzeln sorgt. „Dass aus dem Nichts Stadien aus Beton und Stahl entstehen, die nicht nachhaltig sind und nach den Olympischen Spielen sicherlich nicht ein einziges Mal benutzt werden. Das sind Sachen“, sagte der 33 Jahre alte Thüringer vor dem Abflug nach Peking, „die beschäftigen mich.“

          Große Zukunftsperspektiven gibt es für das Nordische Ski- und Biathlonzentrum Kuyangshu nicht. In den kommenden Jahren sind jedenfalls keine Biathlon- oder Skisprung-Weltcups dort geplant. Was auch mit dem fehlenden Bezug Chinas zum Wintersport zu tun haben könnte. Die Chinesen wüssten nicht einmal, was Biathlon sei, vermutete Lesser. „Dann sind wir in irgend so einem Reagenz-Stadion, kämpfen da um die großen Medaillen, die zuhause was zählen, aber in China nicht.“

          „Ich habe es für euch korrigiert“

          Im Reich der Mitte wollte sich der zweifache Weltmeister von 2015 eigentlich voll auf seine letzten Olympischen Spiele konzentrieren, den Fokus voll aufs Sportliche legen. Einen Seitenhieb gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) konnte sich Lesser aber nicht verkneifen.

          In einer weiteren Instagram-Story postete er Handschuhe, die er von den Veranstaltern bekommen hatte. Die aufgenähten Begriffe „Solidarity, Inclusion, Equality, Peace, Respect“ (Solidarität, Inklusion, Gleichheit, Friede, Respekt) ersetzte er via Fotomontage durch die Worte „Geld, Geld, Geld, mehr Geld“ und sendete eine Nachricht an den offiziellen Olympia-Account: „Ich habe es für euch korrigiert.“

          Deutliche Worte vor Olympiastart: Biathlet Erik Lesser
          Deutliche Worte vor Olympiastart: Biathlet Erik Lesser : Bild: picture alliance / SvenSimon

          Lesser platzierte zudem eine provokanten Kritik an den Siegprämien für Medaillengewinne bei Olympia in Peking. „Ski alpin, Skisprung Herren und Biathlon bekommen nämlich genau 0 Euro dafür, aber ganz viel Ruhm und Ehre“, schrieb er mit Bezug auf die Prämien der Deutschen Sporthilfe. „Fällt mir gerade ein: Wenn ihr euch auf die Balkone stellt und einfach klatscht so als 'Danke'.“

          Peiffer kritisiert IOC-Präsident Bach

          Weitere Kritik aus dem Biathlon-Lager kam an diesem Donnerstag derweil von Olympiasieger Arnd Peiffer, und der hielt sich mit deutlichen Worten in eine andere Richtung nicht zurück. IOC-Präsident Thomas Bach mache sich mit den Winterspielen in China „zum Komplizen eines Systems, das Menschenrechte nicht achtet“, sagte der 34-Jährige in einem NDR-Interview: „Ich denke da an die Uiguren, an Hongkong und an die fehlende Meinungsfreiheit. Menschen, die sich frei äußern, oder Aktivisten werden mundtot gemacht. Und es gibt auch Leute, die verschwinden.“

          Er sehe den Sport „immer eng verzahnt mit der Politik“, führte der Sprint-Goldmedaillengewinner aus: „Thomas Bach argumentiert immer, die Olympischen Spiele seien unpolitisch. Das ist aus meiner Sicht Augenwischerei.“ Vielmehr könne China samt seines Systems bei den Spielen nun „die eigene Stärke betonen. Die Athleten spielen da nur eine Statistenrolle.“

          Unterdessen erklärte Stefan Schwarzbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Skiverbandes, am Donnerstag auf Anfrage zur Thematik der von Lesser angesprochenen Medaillenprämien: „Es stimmt, dass unsere drei Disziplinen Alpin, Biathlon und Skisprung von der Sporthilfe keine Prämien beziehungsweise Förderung bekommen. Allerdings muss man fairnesshalber schon auch sagen, dass diese Entscheidung seinerzeit in Abstimmung mit unseren Athletensprechern getroffen wurde.“ Dies sei mit Blick auf die im Vergleich mit anderen olympischen Ski-Disziplinen relativ guten Verdienstmöglichkeiten in diesen drei Sportarten geschehen, betonte der Sportfunktionär.

          Diese Entscheidung betreffe nur den Olympia-Kader. „Das Geld wird auch nicht eingespart, sondern kommt den Athletinnen und Athleten aus den darunter liegenden Kadern und damit dem Nachwuchs zu Gute“, sagte Schwarzbach. „Gleichzeitig wurde damals auch festgelegt, dass dafür auch der Solidaritätsbeitrag den diese Spitzensportler sonst an die Sporthilfe geleistet haben, nicht mehr anfällt.“ Damit seien diese Athleten im Vergleich zu vorher nicht viel schlechter gestellt. Bei den Prämien, die der Deutsche Skiverband an seine Medaillengewinner zahle, gebe es keine Unterschiede zwischen den einzelnen Disziplinen. „Die werden wir wie in den Vorjahren ausschütten“, betonte Schwarzbach.

          Für eine Goldmedaille zahle der DSV 25.000 Euro, Silber und Bronze würden mit 15.000 beziehungsweise 7500 Euro honoriert. „Dass dies im Vergleich mit Gehältern und Prämien bei anderen Profisportarten relativ wenig ist, damit hat Erik Lesser natürlich Recht“, meinte Schwarzbach. Die Sporthilfe prämiert Olympia-Medaillengewinner für Gold, Silber und Bronze mit 20.000, 15.000 und 10.000 Euro.

          „Athleten des Olympia-Kaders aus den Sportarten Ski alpin, Biathlon und Skispringen (männlich) sind Teil der Sporthilfe-Familie, werden von der Stiftung im sogenannten ‚Top-Team ohne Förderung‘ unterstützt“, teilte ein Sporthilfe-Sprecher mit. Sie hätten somit Zugriff auf ideelle Förderleistungen der Sporthilfe, wie einen Versicherungsschutz, Zugang zu Seminaren, Bewerbertrainings oder auch einem Mentorenprogramm. Sie würden jedoch nicht mehr finanziell gefördert und erhielten daher auch keine Olympia-Prämien.

          Olympische Winterspiele 2022

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