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Deutschland-Achter : Keine Chance gegen Goldfinger

Der Deutschland-Achter in Tokio Bild: Reuters

Ein silbernes Happy End: Der Deutschland-Achter gibt alles – doch Neuseeland siegt mit einer Legende namens Bond an Bord.

          3 Min.

          Sein Name ist Bond. Hamish Bond. Er ist einer der berühmtesten Neuseeländer seiner Zeit, und er hat seinem Namensvetter im Dienste Ihrer Majestät am Freitag alle Ehre gemacht. Bond war schon vorher ein wahrer olympischer Goldfinger gewesen und ist es jetzt erst recht. In aller Stille hatten die neuseeländischen Ruderer im Frühjahr ihre Mission Tokio anlaufen lassen, zogen ihre besten Ruderer zusammen, holten – sag niemals nie – den schon vor zwei Jahren zum Radsport gewechselten Bond in den Achter zurück und qualifizierten sich im Mai bei der letzten Chance in Luzern für die Olympischen Spiele. Dann ward das Boot nicht mehr gesehen.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

          Der Plan ging auf: Der Achter mit der 35 Jahre alten Ruderlegende an Bord gewann das Finale auf dem Sea Forest Waterway mit fast einer Sekunde Vorsprung vor dem Rest der Meute, die ihm nach der 1000-Meter-Marke fast geschlossen hinterherhetzte. Alle bissen sich die Zähne an den starken Kiwis aus, auch die Deutschen. Dem Deutschland-Achter blieb die Silbermedaille. Und die Gewissheit, dass mehr nicht möglich gewesen war, denn die Ruderer vom Dortmunder Stützpunkt hatten alles gegeben, im Ziel nach 2000 Metern waren die hochtrainierten Muskelmänner am Ende aller Kräfte angelangt.

          Keine Vergleichsgrößen

          „Auf der zweiten Hälfte wurde bei mir das Licht schwarz“, berichtete Schlagmann Hannes Ocik. „Und ich weiß, wenn es bei mir schwarz wird, ist es bei den anderen schon aus.“ Sie hatten sich komplett in den Tunnel begeben in diesem Rennen, das sie von Beginn an am Limit fahren mussten, denn das Ganze war eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Die europäischen Top-Nationen waren den Übersee-Booten aufgrund der Pandemie seit 2019 nicht mehr begegnet, man hatte keine Vergleichsgrößen.

          Bis zur 500-Meter-Marke kämpfte der deutsche Achter denn auch an der Spitze des Feldes, wenn auch nur mit hauchdünnem Vorteil. Doch die Angriffe kamen von allen Seiten, von den Neuseeländern, den Briten, den Amerikanern. Ein Zwischenspurt brachte nicht die erwünschte Wirkung. „Nach der 1000-Meter-Marke hat Neuseeland ein Pfund draufgelegt, da konnten wir nicht mithalten“, sagte Hannes Ocik. Zwischendurch lagen die Deutschen sogar auf Rang drei hinter den Briten, mobilisierten die letzten Reserven und knöpften den Erzrivalen aus Großbritannien noch einmal 13 Hundertstelsekunden ab. Auf diesem letzten Streckenabschnitt fuhren sie die beste Zeit des ganzen Feldes. Aber Neuseeland blieb unerreichbar. Die Zielhupe ertönte, viele sackten zusammen, die Kiwis nicht. Sie reckten die Arme und spannten noch einmal ihre Muskeln an.

          Es war ein Olympia-Finale, das weh tat. Die Briten, Olympiasieger von Rio 2016, wurden Dritte. Die Vereinigten Staaten bekamen keine Medaille, die Niederlande und Australien waren schwer geschlagen. Neuseeland aber krönte eine erfolgreiche Regatta für das Land: Auch Emma Twigg im Einer gewann Gold, dazu der Frauen-Doppelzweier, der Frauen-Achter wurde Zweiter. Auch in dieser Beziehung kann der Deutsche Ruderverband mit seinen beiden Silbermedaillen – für den Achter und für Jonathan Rommelmann und Jason Osborne im Leichtgewichts-Doppelzweier – nicht mithalten.

          Hamish Bond fügte seiner Legende ein weiteres Kapitel hinzu: Achtmal war er Weltmeister, 2012 und 2016 Olympiasieger im Zweier ohne, nun ist er der erste Neuseeländer, der bei drei Olympischen Spielen nacheinander siegte. Dass er 2018 bei den Commonwealth Games Dritter im Zeitfahren mit dem Rennrad wurde, zeigt sein enormes Ausdauertalent. Und noch etwas: Dieser Mann liebt es offenbar, sich zu quälen.

          „Ein schwacher Trost“

          Die deutsche Crew ebenfalls, das machten sie am Freitag wieder einmal deutlich. „Die letzten fünf Jahre waren nicht einfach“, sagte Richard Schmidt, der Trierer auf Ruder-Platz sieben. „Wir hatten viele Rückschläge, wir haben uns immer wieder rausgekämpft. Das mit der Pandemie hat uns echt zugesetzt.“ Seit dem zweiten Platz bei den Olympischen Spielen in Rio waren sie das weltweit dominante Boot gewesen, sie gewannen alle Weltmeistertitel. Doch 2020 begannen die Zweifel. Erst das Bangen vor der Olympia-Verschiebung, abgebrochene und ausgefallene Trainingslager, dann die Furcht, die Spiele könnten ganz abgesagt werden und alles umsonst gewesen sein.

          Die Unsicherheit, wo die Mannschaft körperlich stand, wurde noch größer, als der Deutschland-Achter im Frühjahr bei der Europameisterschaft in Varese nur Vierter wurde. So gesehen ist das Silber von Tokio sogar ein Happy End. Und so wich die Erschöpfung in den Gesichtern zwar erst der Enttäuschung, doch dann ordneten die Achter-Ruderer ihre Gesichtszüge neu und lachten doch. Für Schmidt und Steuermann Martin Sauer waren es die letzten Olympischen Spiele. „Es ist noch zu früh, um nostalgisch zu werden“, sagte der nüchtern.

          Der Einer-Ruderer Oliver Zeidler hingegen, der gekommen war, um Gold zu gewinnen, aber im Halbfinale an Schiebewind und Seitenwelle gescheitert war, weinte nach dem B-Finale im Zielbereich. Er gewann es zwar und wurde damit Siebter. Doch er fand: „Das ist ein schwacher Trost.“ Ralf Holtmeyer, der mit 65 Jahren nun scheidende Cheftrainer, zeigte Verständnis für den 25 Jahre alten Ingolstädter, der erst seit 2016 rudert: „Er ist Späteinsteiger, da kann man so ein Bootsgefühl beziehungsweise so eine Bootsbeherrschung nicht unbedingt erwarten. Das wird noch eine Zeit dauern, bis er die vielleicht hat.“ Bis zu den Olympischen Spielen 2024 in Paris sind es immerhin noch drei Jahre.

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