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Zehnkämpfer Ashton Eaton : Der König der Könige

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Ein amerikanischer Traum: Ashton Eaton hält den Zehnkampf-Weltrekord Bild: REUTERS

In aller Lockerheit hat Zehnkämpfer Ashton Eaton den Weltrekord verbessert. Jetzt will der Amerikaner Gold bei den Olympischen Spielen. In deutscher Abgeschiedenheit bereitet er sich auf London vor.

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          Wetten auf die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in London würde Harry Marra nicht. „Das ist nicht mein Job“, sagt der freundliche ältere Herr im Trainingsanzug. Marra ist ein gefragter Mann in diesen Tagen, genauer seit drei Wochen, seinerzeit verbesserte Ashton Eaton bei den amerikanischen Trials in Eugene den Zehnkampf-Weltrekord auf 9039 Punkte.

          Drei Wochen, die das Leben des 64-jährigen Marra und insbesondere das von Eaton nachhaltig verändert haben. Eaton kam es zunächst so vor, als ob der abschließende 1500-Meter-Lauf nicht 4:14,48 Minuten, sondern drei Tage länger gedauert hätte, so gewaltig war der Rummel um ihn.

          Die Abgeschiedenheit der hessischen Universitätsstadt Marburg ist deshalb ein idealer Rückzugsort für das Erfolgsteam Marra/Eaton. Im Unistadion lauern ihnen zumeist nur Sportstudenten auf. Im Trainingscamp der amerikanischen Olympiamannschaft in Birmingham wäre dies anders gewesen.

          Eaton braucht Ruhe, denn sobald er öffentlich auftritt, beginnt der Rummel. Wie am Freitagabend bei einem Testwettkampf in Mörfelden unweit von Frankfurt. Das Mini-Meeting stand unter dem Motto „Meet the Champions“. Eaton verzichtete auf den 110-Meter-Hürden-Lauf, warf den Diskus mit 46,53 Metern nahe an seine Bestleistung heran und leistete sich im strömenden Regen drei ungültige Versuche bei seiner Einstiegshöhe im Stabhochsprung (4,94 Meter).

          Letzter Platz unter zwölf Teilnehmern, aber egal. An der Mission von Eaton, dem Sieg in London, ändert dies nichts. „Wenn ich wetten würde, dann auf meine Fähigkeiten, Ashton auf Gold zu trainieren“, sagt sein Trainer.

          Erste Disziplin: 100 Meter - 10.21 Sekunden Bilderstrecke
          Erste Disziplin: 100 Meter - 10.21 Sekunden :

          “Multi Event Coach“ steht auf der Visitenkarte von Marra, bezahlt wird er vom Oregon Track Club. Marra spricht akzentuiert und mit Bedacht. „Der Druck hat sich nicht erhöht“, behauptet er: „Aber wer in London mit dem Druck am besten umgehen kann, gewinnt.“ Härtester Konkurrent von Eaton ist sein Landsmann Trey Hardee, Weltmeister der Jahre 2009 und 2011, Bestleistung 8790 Punkte.

          Doch was macht Eaton so außergewöhnlich, hebt ihn nach aktuellem Stand extrem ab von der restlichen Weltelite? Manfred Kehm, Stabhochsprungtrainer des deutschen Olympia-Zehnkämpfers Jan Felix Knobel, hat Eaton erstmals 2008 bei den amerikanischen Collegemeisterschaften in der Halle beobachtet. Und nach den Eindrücken im 60-Meter-Sprint dachte er: „Das ist der kommende Weltrekordhalter.“

          „Mich interessiert nicht, was Spezialisten meinen“

          Eaton lebt von seiner Schnellkraft und der daraus resultierenden Bewegungsexplosivität, Krafttraining mit Gewichten absolviert er kaum. „Er ist ein Vollblut-Zehnkämpfer, der in bestimmten Momenten aber auch unbekümmert Spaß haben kann“, sagt Kehm. Marra schwört auf Medizinballtraining jedweder Ausprägung und arbeitet viel mit Imitationsübungen.

          Selbst im Kugelstoßen nimmt Eaton das Wettkampfgerät nur selten in die Hand. Deutlich sichtbare Muskelstränge überall am Oberkörper wie bei Hardee? Fehlanzeige. „Wir arbeiten viel an der Verfeinerung seiner Techniken. Dabei interessiert mich nicht, was Spezialisten meinen“, sagt Marra.

          „Du erreichst im Zehnkampf nie dein Limit“

          Ashton Eaton, 24 Jahre alt und mit der kanadischen Mehrkämpferin Brianne Theisen liiert, geht gelassen mit seinem neuen Ruhm um. Den Hallen-Weltrekord im Siebenkampf hatte er bereits dreimal verbessert, doch die zwei Regentage von Eugene waren ein Vorstoß in eine neue Dimension. Ein perfekter Wettkampf eines perfekten Zehnkämpfers? „Nein. Du erreichst im Zehnkampf nie dein Limit. Das macht ihn so attraktiv.“

          Es ist nicht überraschend, dass der Amerikaner als herausragender Prototyp des Lauf-Sprung-Zehnkämpfers individuelle Verbesserungen am ehesten im Kugelstoßen (Bestleistung: 14,74 Meter) und im Speerwerfen (60,26 Meter) erwartet. Wissenschaftlich abgesichert ist: Die Punkteverteilung beim vormaligen Weltrekordhalter Roman Sebrle aus Tschechien (9026 Punkte/2001) war gleichmäßiger.

          „Es ist immer der Zehnkampf, der dich wählt“

          “Bei Ashton ist beeindruckend, mit welcher Lockerheit er seine Leistungen abruft“, sagt Knobel. Eine hohe Lernfähigkeit, schnelle Auffassungsgabe und extreme Fokussierung im Wettkampf bescheinigt Marra seinem Athleten. Aber Weltrekorde planen? „Das geht nicht. Wir gehen in kein Meeting und sagen: Hier fällt ein Weltrekord. Es gibt nur drei Wochen vorher immer ein Gefühl, wie gut er ist.“

          Mutter Roslyn Eaton ist die wichtigste Bezugsperson im Leben des Zehnkampf-Weltrekordhalters, dessen katzengleiche Eleganz verblüfft. „Sie hat mich immer unterstützt. Ich durfte auswählen, was ich machen will.“ Er hat den härtesten leichtathletischen Wettkampf auserkoren, genaugenommen war es eigentlich andersherum. „Es ist immer der Zehnkampf, der dich wählt, nicht du ihn.“

          „Er kann sich eine Disziplin schenken“

          Qual, Leid und Lust an zwei Tagen, der Kampf gegen sich selbst, die Konkurrenz und die äußeren Bedingung, jede Menge Pathos um die Könige der Athleten - die Metaphern des Zehnkampfs sind bekannt. Das Erfolgsgeheimnis von Eaton, neben schier unerschöpflichem Talent und Fleiß, dürfte zudem das Umfeld in Hayward Field sein, dem Stadion der University of Oregon in Eugene. Dort trainiert er, dort stellte er seit 2008 alle seine Zehnkampf-Bestleistungen auf.

          „Ich glaube nicht, dass er sich um Ratten in der Stabhochsprungmatte kümmern muss wie wir in Frankfurt“, sagt Knobel. Dass Eaton eine Klasse für sich sei, stehe außer Frage. „Er kann sich eine Disziplin schenken und ist trotzdem noch vorne.“ Subtrahiert man vom Weltrekord des Amerikaners seine schwächste Disziplin (Speerwurf: 58,87 Meter/721Punkte), bleiben immer noch 8318 Punkte. 30 mehr als der persönliche Rekord von Knobel.

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