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Olympia-Schwimmerin Mardini : „Flüchtling ist kein Schimpfwort“

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„Meine Botschaft ist einfach: niemals aufgeben“: Yusra Mardini. Bild: Reuters

Nicht die Schwimmstars stehen bei Olympia zunächst im Fokus. Alle blicken in Rio auf die 18 Jahre alte Yusra Mardini. Nach dem ersten Rennen spricht das syrische Flüchtlingsmädchen aus Berlin über ihre filmreife Story.

          Yusra Mardini stand auf einem Podest, ein Mikrofon sollte die eher zarte Stimme der 18-Jährigen aus Syrien auch für die hinteren Reihen der Reporterschar verständlich machen. Schon bei ihrer neuen sportlichen Heimat, den Wasserfreunden Spandau, hatte der Flüchtlings-Teenie mit der filmreifen Story das große mediale Interesse an ihr erfahren. Beim Olympia-Auftakt aber war selbst Weltmeister Adam Peaty nach seinem Weltrekord weniger gefragt als Mardini. „Meine Botschaft ist einfach: niemals aufgeben“, sagte die Schwimmerin am Samstag in Rio de Janeiro.

          Worte wie diese kommen Spitzensportlern gerne über die Lippen. Für Mardini haben sie eine tiefere Bedeutung. Das Flüchtlingsmädchen aus Syrien hatte mit ihrer Geschichte für Aufsehen gesorgt: Gemeinsam mit ihrer Schwester hatte Mardini in der Ägäis ein kenterndes Flüchtlingsboot schwimmend nach dreieinhalb Stunden sicher an Land gebracht. „Ich habe daran keine schlechte Erinnerung. Im Gegenteil. Ohne das Schwimmen wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben“, sagt Mardini.

          Sie gehört nun zum zehnköpfigem Flüchtlingsteam, das bei der Eröffnungsfeier unter der Flagge mit den fünf olympischen Ringen einmarschierte und neben Gastgeber Brasilien mit dem meisten Jubel bedacht wurde. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schwimmern, die 14 Stunden später ihre Vorläufe bestreiten mussten, war Mardini am Abend zuvor im Maracana dabei.

          In Rio kam sie über 100 Meter Schmetterling auf Platz 41 von 45. Bilderstrecke

          Der sportlichen Leistung ist stundenlanges Stehen kurz vor einem Wettkampf zwar nicht zuträglich, doch um Sport allein geht es bei Mardinis Auftritt nicht. Ihr werden die großen Fragen gestellt, auf die selbst Regierungschefs in Zeiten der andauernden Flüchtlingskrise keine rechte Antwort gefunden haben. Mardini weiß um das Interesse nach monatelangem Medien-Marathon. Und sie liefert die Antworten. „Ich möchte allen sagen, dass Flüchtling kein Schimpfwort ist. Wir sind Menschen, wir können viele gute Dinge tun, um zu zeigen, wer wir sind.“

          Kluge Gedanken – in bestem Englisch formuliert – einer jungen Frau, die zu früh erwachsenen werden musste? Oder zurechtgelegte Sätze, nach denen die Medienwelt in diesen Zeiten verlangt?

          Die sportlichen Fakten ihres Rennens über 100 Meter Schmetterling: Mardini gewann ihren Vorlauf gegen zwei andere Schwimm-Underdogs in 1:09,21 Minuten, blieb aber über ihrer persönlichen Bestzeit – das reichte am Ende zu Platz 41 unter 45 Schwimmerinnen. Mit ihrem Berliner Trainer Sven Spannekrebs bereitet sich Mardini nun auf die 100 Meter Freistil am Mittwoch vor.

          Am Ende ihrer knapp dreiminütigem Fragerunde vor dutzenden Aufnahmegeräten wird Mardini von den olympischen Medienmenschen zum Gehen gedrängt. Und geht dann doch noch kurz zurück, als sie nach ihrer neuen sportlichen Heimat, den Wasserfreunden Spandau, gefragt wird. „Ich danke ihnen für die Unterstützung. Sie sind in meinem Herzen.“ Sprach’s – und ging.

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