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Winokurow gewinnt Gold : Kasachischer Überfall

  • -Aktualisiert am

Blaues Wunder? Winokurow gewinnt Gold vor Uran Bild: AFP

Ausgerechnet Alexander Winukurow, Kasache mit dunkler Team-Telekom-Vergangenheit, gewinnt das Straßenrennen bei Olympia. Die favorisierten Briten spielen keine Rolle - die Deutschen auch nicht.

          3 Min.

          Zum Sprintfinale ist es dann doch gekommen. Aber nicht unter Sprintern. Alexander Winokurow gewann am Samstag zur großen Überraschung das olympische Straßenrennen der Radprofis vor dem Kolumbianer Rigoberto Uran und Alexander Kristoff aus Norwegen. Da staunten die Experten nicht schlecht. Der 38 Jahre alte Kasache vor dem nahen Finale seiner Karriere doch noch Olympiasieger? Ausgerechnet Winokurow, nach all den Höhen und Tiefs.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          War da nicht mal was? Zum Beispiel die Sperre wegen Blutdopings 2007 und eine kräftige Beteiligung an den Erfolgen im Manipulationsensemble des einstigen Team Telekoms? Als Angestellter der Bonner hatte Winokurow bei den Spielen in Sydney vor zwölf Jahren Silber gewonnen, hinter Jan Ullrich und vor Andreas Klöden. Das Trio war von den Ärzten Lothar Heinrich und Andreas Schmidt betreut worden, die 2007 ihre Beteiligung bei der (verbotenen) pharmakologischen Beschleunigung einräumten.

          Aber wer fragt im Moment des Triumphes nach einer verdrängten Vergangenheit? Die Engländer wollten Antworten auf die Gegenwart. Während über Winokurows Wangen Tränen der Freude liefen, rollten die Geschlagenen hinter ihm ins Ziel, bitter enttäuscht. Allen voran die Briten mit ihrem Tour-Helden Bradley Wiggins, der den Sprinter Mark Cavendish in Stellung hatte bringen wollen.

          Auch die Deutschen kamen mit ihrem Powermann für den Antritt auf den letzten Metern, dem Rostocker André Greipel (27.), nicht zum Zuge. Sie alle hatten sich im Pokerspiel verzockt, waren trotz des vergleichsweise geringen Rückstands von einer Minute 50 Kilometer vor dem Ziel nicht mehr herangekommen an eine große Gruppe mit dem schillernden Glücksritter aus Kasachstan.

          Eine Million Fans an der Strecke

          Wenn die Enttäuschung verarbeitet ist, wird Freude zurückkehren. Nie zuvor hat der Radsport so eine Begeisterung bei Olympischen Spielen erlebt. Schon am Morgen auf ihrem Weg aus der Stadt am Buckingham Palast vorbei säumten die Menschen in mehreren Reihen die Straßen. Und diese Kette riss kaum ab. Wie durch ein Spalier sauste das Feld hinaus in die Grafschaft Surrey, vorbei an Wald und Wiese. Sonst steht dort kaum jemand am Straßenrand. Am Samstag, so die Erwartung des Veranstalters, sollten sich eine Million Fans auf die Beine machen. Gezählt hat sie niemand.

          Aber der Eindruck und die Stimmung erweichte selbst hartgesottene Begleiter des Radsports. Das hatten sie noch nie gesehen, so viele, die winkten, schrien, bangten, jubelten, als ihre Helden in greifbarer Nähe vorbeirasten. Diese Dichte hatte zwei Gründe: Die Straßen Englands verjüngen sich abseits der Metropole London zu engen Gassen. Und die Leute kamen in Scharen, weil sie nach dem großen Triumph von Wiggins bei der Tour de France am vergangenen Sonntag ihren neuen Heroen und weitere Großtaten sehen wollten.

          Da schau an: Sieger Alexander Winokurow (Mitte) mit den Medaillengewinnern Rigoberto Uran (links) und Alexander Kristoff

          Was sie zu sehen bekamen? Die Ruhe der Erfahrenen bei den kleinen Ausreißversuchen, die Hektik der Kleinen auf den ersten Kilometern. Wer auf sich allein gestellt war oder die Sprintentscheidung vermeiden wollte, suchte sein Heil in der Flucht. Eigentlich ist die Streckenführung - am Sonntag fahren die Frauen - für aussichtsreiche Attacken nicht geeignet. Die Schleife auf dem Lande, neunmal mussten die Fahrer kreisen, ehe sie nach London zurückkehren durften, bot keinen schweren Anstieg. Die 2,5 Kilometer lange Box-Hill-Steigung verdient den Namen nicht angesichts der Höhendifferenz von 120 Metern.

          Aber die Enge und der wellige Kurs ließen keine Erholung zu. Das war die Chance für alle, die das Wunschfinale der Engländer vermeiden wollten. Deshalb machte eine größere Gruppe unter anderem mit dem Slowenen Brajkovic, Denis Mentschow (Russland) und Philippe Gilbert Tempo auf der 250 Kilometer langen Olympiatour. Der Belgier, 2011 Sieger von drei Frühjahrsklassikern, ließ nach 190 Kilometern dieses Ensemble hinter sich. Ein mutiger Antritt, solo - und sinnlos. Denn er wurde von der Spitzengruppe schnell wieder eingefangen.

          Gold mit Hilfe der Krauts?

          Auch die Kontrolleure im Hintergrund, allen voran die Briten mit ihrem Frontmann Wiggins vor den Deutschen ließen zunächst nicht abschütteln. Allerdings fehlte nach 180 Kilometern schon Tony Martin. Er schonte sich nach seiner Tempoarbeit für das Einzelzeitfahren am kommenden Mittwoch. Ohne den Medaillenkandidaten ging es auf die letzten 60 Kilometer „heimwärts“ nach London, mit zunehmendem Tempo, mit steigernder Spannung und einer notgedrungenen Allianz: 25 Kilometer vor dem Ziel beeilten sich Engländer und Deutsche, die große Führungsgruppe (55 Sekunden) einzuholen.

          Bert Grabsch trat in die Pedale, der, wie er sagt, geläuterte ehemalige Doper David Millar - aber wo war Christopher Froome, der bei der Tour gebremste Sekundant von Wiggins? Ermattet. „Britons on the front, Germans second, Briton on third“, raunte der BBC-Kommentator. Gold mit Hilfe der Krauts? Da stand dem Chefkämpfer Wiggins schon die Verzweiflung im Gesicht. Nicht mal der Crash des Zeitfahrspezialisten Fabian Cancellara, ein folgender Stau, half den Verfolgern. Zehn Kilometer vor dem Ziel war das Rennen gelaufen. Für Winokurow begann es kurz darauf. Als Uran 500 Meter vor dem Ziel für einen Moment zur Seite schaute, trat er an und fuhr zum Sieg. „Unglaublich“, stammelte er. Stimmt.

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