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Sportsoziologe Gunter Gebauer : Was falsch läuft bei Olympia

Schatten auf den Spielen: Bei Olympia läuft längst nicht alles rund. Bild: Reuters

Weil Gunter Gebauer seit frühester Jugend Sport und Olympia liebt, ist er geradezu aufgefordert, Kritik an dem zu üben, was falsch läuft. Und das ist einiges in der Welt Olympias. Sein Buch ist eine Lektüre, die Wirkung haben könnte.

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          Was hat es mit diesen Olympischen Spielen auf sich, um die seit ihrer Verschiebung von diesem aufs nächste Jahr so viel Aufregung herrscht? Haben sie nicht eine glorreiche Geschichte? Gibt es nicht einige historische Unappetitlichkeiten? Und geht es da, neben Sport, nicht um sehr, sehr viel Geld? Wer so fragen sollte, ist bei Gunter Gebauer bestens aufgehoben. Der Mann ist zweifach qualifiziert. Er war Weitspringer, betrieb mithin eine Disziplin der sogenannten olympischen Kernsportart Leichtathletik. Erwachsen wurde der Philosoph, Sportsoziologe und Professor an der Freien Universität Berlin.

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          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Gebauers ist seine Credibility aus der Sandgrube so wichtig, dass er ihr das erste Kapitel dieses kurzen Buches widmet. Da beschreibt er, welche Wirkung Rom 1960 auf ihn hatte, die ersten Olympischen Spiele, die live im Fernsehen übertragen wurden. Der Vater kaufte ein abschließbares Fernsehgerät, aus heutiger Sicht ein kurioses Gerät. Es zeigte Schwarzweißbilder, und nicht der Empfänger bestimmte, was lief, sondern der Sender.

          Der sechzehnjährige Gunter Gebauer erlebte auf dem Fußboden des abgedunkelten Wohnzimmers mit, wie der 23 Jahre alte Armin Hary aus dem Saarland als erster und vermutlich letzter Deutscher über 100 Meter und mit der Staffel Olympiasieger wurde. Er sah den Sieg des berühmten Adam-Achters, benannt nach dem Trainer und geführt von Schlagmann Hans Lenk, dessen Assistent an der Hochschule Gebauer werden sollte. Er erlebte mit, wie die Olympischen Spiele in die moderne Welt eintraten und zum Feld des Kalten Krieges und zugleich Bestandteil der Populärkultur wurden.

          Was die Welt damals vom Sport sah, erschien heil. Gebauer aber begegnete schon wenig später im Sportverein Doping und Dopern. Dies bestimmt seine Wahrnehmung von der Heuchelei und Verantwortungslosigkeit im Sport bis heute. Bevor er auf das Olympia der Antike und Baron de Coubertin zu sprechen kommt, der diese Spiele 1896 in Athen wiederbelebt, beschreibt Gebauer wie Olympia heute aussieht.

          Gunter Gebauer

          Das Internationale Olympische Komitee in Person des damaligen Präsidenten, Juan Antonio Samaranch, schüttelt missbilligend den Kopf, als Gebauer in einem Vortrag vor der Fixierung auf Erfolg und Geschäft warnt – dies gefährde die ursprüngliche Idee. Und in Person des heutigen Präsidenten Thomas Bach prognostiziert das IOC Gebauer allen Ernstes, dass die Spiele von Peking 2008 China politisch öffnen würden. Das Gegenteil war der Fall. Mit dieser Beschreibung etabliert Gebauer seine Warte. Weil er seit frühester Jugend Sport und Olympia liebt, ist er geradezu aufgefordert, Kritik an dem zu üben, was falsch läuft.

          Das ist einiges in der Welt Olympias. Was aus der Idee zur Erziehung der Jugend geworden ist, beschreibt Gebauer in kurzen Charakterisierungen der einzelnen Sommer- und (seit Chamonix 1924) Winterspiele bis Pyeonchang 2018 und streut, am Beispiel von Sotschi 2014 und Rio 2016, Erkenntnisse ein wie diese: „Olympische Spiele bürden den Gastländern gewaltige finanzielle Anstrengungen auf. Ihre Bürger haben die Folgen zu tragen, ohne wirkliche Profite davon zu haben, außer einen erhöhten Nationalstolz. Mit ihrer Unzufriedenheit kommen autokratische Regimes wie Russland besser zurecht als instabile Demokratien wie Brasilien, das sein Heil bei einem rechtsradikalen, militärisch auftretenden Regierungschef suchte.“

          Ja, die Reclam-Reihe „100 Seiten“, in der dieses Buch erschienen ist, wirkt wie eine Mischung aus Schullektüre und Magazinbeitrag, bemüht sich, die Sorgfalt eines Lexikoneintrags mit glaubwürdiger Subjektivität zu verbinden. Das gelingt in diesem Fall auch in den Kapiteln und Exkursen über die späte Zulassung von Frauen bei Olympia, die unglaublich erfolgreiche Vermarktung der Spiele, über Korruption im IOC und das staatlich betriebene Doping Russlands, das in den Winterspielen von Sotschi 2014 seinen Höhepunkt gehabt haben dürfte.

          Die Prägnanz des Buches ist eine Freude, die Kenntnis des Autors nötigt Respekt ab. Man ist geneigt anzunehmen, dass diese 100 Seiten sogar Wirkung haben könnten, wenn sie an den 39 Eliteschulen des Sports im Unterricht gelesen und diskutiert würden, dort, wo junge, talentierte Menschen Jahre und Jahrzehnte ihres Lebens für die Teilnahme an Olympischen Spielen einsetzen, die meisten von ihnen vergeblich. Auch ihnen gilt die Empfehlung Gebauers, sich die Gemeinsamkeit, die Olympische Spiele schaffen können, zur Aufgabe zu machen. Athleten sollten Achtung vor dem Gegner haben, Zuschauer die Athleten als Menschen wertschätzen. Ein Wahlspruch, findet Gebauer, der dem IOC gut zu Gesicht stünde. Wenn es denn wollte.

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