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Stabhochspringer Duplantis : Mann mit Flügeln

Schnell, furchtlos und immer hoch hinaus: Arnaud Duplantis Bild: Reuters

Er ist schnell und furchtlos. Das große Vorbild von Armand Duplantis ist die Stabhochsprunglegende Sergej Bubka. Dessen Weltrekord hat er schon übertroffen – doch „Mondo“ will mehr.

          3 Min.

          „Ich habe immer daran geglaubt, dass ich der Beste der Welt sein könnte.“ Und: „Ich wüsste nicht, warum ich nicht höher springen sollte als alle anderen.“ Was bei anderen Athleten arrogant und hochnäsig wirken würde, drückt bei Armand Duplantis seinen Realitätssinn aus. „Mondo“, wie ihn alle Welt nennt, ist objektiv der beste Stabhochspringer der Welt. Im Olympiastadion von Rom übersprang er im September vergangenen Jahres, zwanzig Jahre alt, 6,15 Meter, und er feierte dies als neue Bestmarke, obwohl der Weltverband Hallen- und Stadion-Leistungen gemeinsam wertet und Duplantis deshalb seit Februar 2020 als Weltrekordler führte.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Damals hatte Duplantis innerhalb von sieben Tagen 6,17 und 6,18 Meter überflogen. Doch in Rom übertraf er nicht den Rekord seines Freundes und Konkurrenten Renaud Lavillenie, sprang nicht geschützt unter dem Hallendach. In der Ewigen Stadt überflügelte Mondo den Sergej Bubka von 1994, den Meister des Stabhochsprungs auf dem Höhepunkt seines Könnens, der an einem lauen Juliabend in Sestrière den Weltrekord für 26 Jahre auf 6,14 Meter festgeschrieben hatte.

          Bubka, 57 Jahre alt und seit Jahrzehnten wohnhaft in Monaco, ist bis heute der Maßstab im Stabhochsprung. Gerade für Duplantis. „Ich will wie Bubka zu seiner Zeit das next level erreichen, etwas Großartiges, Legendäres. Ich will mehr Olympiasiege holen als er, mehr Weltmeisterschaften“, sagt er. „Ich will Dinge erreichen, die die Leute sich nicht vorstellen können.“ 6,20 Meter hoch will er springen und darüber hinaus: „in die Zwanziger“. Bei der Zahl der Olympiasiege dürfte der große, alte Ukrainer erreichbar sein: Er war allein in Seoul 1988 erfolgreich, im Trikot der Sowjetunion. Sechs Weltmeistertitel zu übertreffen dürfte, wenn Duplantis im kommenden Jahr in Eugene (Oregon) mit dem Gewinnen beginnt – in Doha 2019 war er Zweiter hinter Sam Kendricks, der den Wettbewerb in Tokio wegen einer Corona-Infektion verpassen wird –, im besten Fall bis 2033 brauchen. Aber 35 Weltrekorde, wie sie Bubka, Zentimeter um Zentimeter, in der Halle und im Stadion aufstellte? „Das wird tough“, räumt Duplantis ein.

          Derzeit ist der junge Mann aus Lafayette in Louisiana, der bei internationalen Wettbewerben für Schweden antritt, die Heimat seiner Mutter, ganz auf Olympia eingestellt. „Der größte Traum meiner Kindheit ist, eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen zu gewinnen“, erzählt er am Telefon. „Dieser Traum ist der, der am häufigsten wiedergekehrt ist, seit ich ein Kind war: oben auf dem Podium zu stehen, als Erster. Olympia – da wollte ich immer hin.“

          Mit drei Jahren schwang sich der kleine Mondo zum ersten Mal an einem Besenstiel durchs Wohnzimmer, mit sieben stellte er seinen ersten Altersklassenrekord auf. Mit zwölf verfolgte er den Olympiasieg von Lavillenie in London, mit sechzehn erlebte er am Bildschirm mit, wie Thiago Braz da Silva vor seinem brasilianischen Publikum in Rio die Goldmedaille holte. „Und selbstverständlich habe ich Usain Bolt gesehen, wie er die Sprint-Rekorde brach und seine revolutionäre Show abgezogen hat“, erinnert sich Duplantis. „Das will ich auch: meine beste Leistung bei Olympia bringen, denn dies ist der wichtigste Moment.“ Er zögert keinen Moment, seine Hoffnung zu konkretisieren: „Vielleicht werde ich einen Usain-Bolt-Moment haben. Das wäre cool.“ In der besten Form seine Lebens sei er, versichert Duplantis vor seiner Olympia-Premiere an diesem Dienstag. „Ich erwarte, dass ich sechs Meter überspringe, aber ich erwarte nicht, dass ich allein bin im Wettkampf“, sagt er: „Immer kommt irgendwer und hat den Tag seines Lebens.“

          Nicht wenige sehen in dem eloquenten jungen Mann, der vor und nach den Wettbewerben und sogar darin Freude und Freundlichkeit ausstrahlt, das Gesicht der Leichtathletik, einen der Athleten, die eine der komplexesten Disziplinen leicht aussehen lassen wie einen Spaß.

          Wie eine Erbse, die man mit dem Plastiklöffel durch die Cafeteria schieße, so hat Greg Duplantis, Vater und Trainer, die Fähigkeit seines Sohnes erklärt, sich mit besonders langen und harten Stäben in höchste Höhen zu katapultieren. Kraft und Tempo sieht man dem jungen Athleten nicht an. Beim Anlauf ist er allen Konkurrenten überlegen, und auf die scherzhafte Bemerkung, damit sei er doch ein Kandidat für die schwedische Sprint-Staffel, erwidert er: „Darüber denke ich mehr nach, als Sie sich das vorstellen können.“ Geschwindigkeit übersetzt sich in Höhe. Duplantis trainiert intensiv dafür. „Wenn ich hundert Meter laufen würde, könnte ich 10,50 Sekunden unterbieten“, ist er sich sicher. Dazu kommt seine Furchtlosigkeit. Beim Anlauf gibt es keinen Zweifel. „Ich bin dessen, was ich tue, so sicher, dass ich nicht im geringsten zögere“, sagt er: „Das hilft.“

          Will er einer der Stars von Tokio 2021 werden? Darüber mache er sich keine Gedanken, antwortet der Überflieger. „Ich weiß, dass ich den Leuten etwas Spektakuläres bieten kann“, sagt er. „Aber du hast keinen Titel, bis du rausgehst und ihn dir holst, bis du zeigst, dass du ihn verdienst.“ Sein Thema sei, so hoch zu springen wie er könne. „Alles andere ergibt sich.“

          Olympia

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