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Olympia 2016 in Rio : So wichtig war Usain Bolt noch nie

Erlöser der Leichtathletik: Usain Bolt in seiner berühmten Pose vor der Christus-Statue in Rio de Janeiro. Bild: Picture-Alliance

Alle schauen auf den schnellsten Mann der Welt. Über 100 Meter will Usain Bolt seine erste Goldmedaille in Rio holen. Doch es geht um mehr als den Olympiasieg. Bolt hat eine Mission.

          „Ich bin wohl auf der Zielgeraden“, sagt Usain Bolt. „Meine Zeit auf der Bahn geht zu Ende.“ Der schnellste Mann der Welt wird am 21. August 30 Jahre alt, und sein langer Abschied hat begonnen: Drei Olympiasiege noch, die Weltmeisterschaften im nächsten Jahr, dann ist Schluss. Wenn sein Plan aufgeht, wird er mit neun olympischen Goldmedaillen gehen und mit vierzehn WM-Titeln abtreten, ungeschlagen. Allein der Sieg über 100 Meter bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2011 in Daegu fehlt ihm wegen seines Fehlstarts dort.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Und noch eine Kleinigkeit will Bolt erledigen: „Aus irgendeinem Grund werde ich vor den 200 Metern nervös“, verrät er. Aber er könne doch nicht verlieren! „Ich weiß“, erwidert Bolt. „Aber trotzdem.“ Und dann erzählt er, dass er den Weltrekord auf seiner Lieblingsstrecke im Visier habe. Er hält den Rekord zwar längst, seit er die unglaublichen 19,32 Sekunden des Amerikaners Michael Johnson unterboten hat, zunächst um zwei Hundertstel bei seinem Olympiasieg von Peking 2008, und dann verbesserte er den Rekord bei der WM von Berlin auf 19,19 Sekunden - unerreichbar für Sterbliche. „Den Weltrekord will ich laufen“, sagt Bolt nun in Rio. Unter 19 Sekunden: Das will ich wirklich.“ Wenn er dazu in der Lage ist, könnte in der Nacht auf Montag (3.25 Uhr MESZ / Live in der ARD und Olympia-Ticker bei FAZ.NET), im Finale über 100 Meter, auch dieser Weltrekord Bolts gefährdet sein, diese unglaublichen 9,58 Sekunden von Berlin.

          Ganz allein habe Bolt die Leichtathletik von einer sterbenden Sportart in eine mit einem einzigartigen, lächelnden und weltweiten Star verwandelt, schrieb vor den Olympischen Spielen von London 2012 die Nachrichtenagentur Associated Press. Leider nur hatte die Leichtathletik allein in den vergangenen zwölf Monaten so schwerwiegende Skandale wie kein anderer Verband: eine korrupte Verbandsspitze, eine käufliche Anti-Doping-Abteilung, systematisches und staatlich forciertes Doping in einem seiner größten und erfolgreichsten Verbände, dem russischen, und noch dazu den Nachweis, dass die Weltmeisterschaften 2013 in Moskau durch massive Manipulationen der Gastgeber eine Farce waren. Der Weltverband der Leichtathleten hat zwar die Russen ausgeschlossen, auch von Rio. Doch die Einladung eines russischen Teams von mehr als 270 Mitgliedern in fast allen anderen Sportarten lässt die Sportart in der olympischen Welt nun isoliert erscheinen.

          Die Leichtathletik braucht Bolt dringender denn je. In der Schlusswoche der Spiele, von Sonntag bis Samstag, muss er wieder einmal mit seinem Charme, mit seinem Ruhm, mit seinem Star-Appeal und vor allem mit seinem Tempo die Zuschauer in seinen Bann ziehen. Bolts Mission ist es, der Leichtathletik und den Olympischen Spielen den Glanz zu geben, der die Blessuren und dunklen Seiten der Veranstaltung überstrahlt.

          Die Show, die Bolt auf der Bahn veranstaltet, ist dazu bestens geeignet. Seine neuen Moves? „Noch geheim“, sagt Bolt. Was er vor dem Lauf veranstaltet, ist bei einem weltweiten Fernsehpublikum von etwa zwei Milliarden Zuschauern fast genauso wichtig wie das, was er nach dem Startschuss leistet. Seine Pose des Blitzeschleuderers - Lightning Bolt - ist zu einem Markenzeichen geworden. Auf Jamaika kann man Polohemden mit einem Bolt-Logo auf der Brust kaufen, sein Hauptsponsor Puma bietet eine Bolt-Linie an, mit der sich der Fan von Kopf bis Fuß einkleiden kann. 16 Sponsoren sind über die Jahre zu Puma hinzugekommen, dem Unternehmen, das Bolt schon mit 16 Jahren verpflichtete und ihm auch seinen Manager verschaffte.

          Ricky Simms und seine Agentur sind mit Bolt zur Nummer eins ihres Gewerbes geworden. Rund eine halbe Million Euro kostet die Verpflichtung des Sprinters Bolt; eine Investition, die sich lohnt. Startet er, verkaufen Sportfeste wie Rom oder Paris gut 10.000 Tickets mehr. Als Bolt und Simms öffentlich machten, dass ein Start in London sie mehr Steuern koste, als die Startprämie bringe, änderte der britische Finanzminister die Richtlinien. Es liegt offenbar im nationalen britischen Interesse, dass Usain Bolt Jahr für Jahr an den Ort zurückkehrt, an dem er 2012 seine Olympiasiege Nummer vier, fünf und sechs holte. Das Sportfest, von Crystal Palace ins Olympiastadion umgezogen, ist dank Bolt auch eine große Party der jamaikanischen Bevölkerung.

          Der Superstar,d er die Spiele retten soll: Usain Bolt Bilderstrecke

          Dem Sport verdankt Bolt seine Berühmtheit. Doch mit Sport verdient er nur einen Bruchteil seiner Einnahmen. Das Fachmagazin „Forbes“ schätzt sie auf mehr als 30 Millionen Dollar pro Jahr, und sie werden sich vermutlich nicht verringern, wenn Bolt nicht mehr rennen wird. Denn in dem Maße, in dem er sein Markenzeichen auf der Bahn etabliert hat, ist er dank umsichtiger Partnerwahl auch in der Werbung ganz vorn.

          Mit Witz, Authentizität und Glamour werben die Unternehmen, und ihre Spots und Anzeigen etablieren Bolt als eigenständige Celebrity, unabhängig vom Sport, theoretisch. Denn Bolt will als Legende des Sports gehen, als der erste und vielleicht auch letzte Sprinter der Welt, der bei drei Olympischen Spielen nacheinander alle seine Wettbewerbe gewann. „Ich will eine Legende werden“, nahm sich Bolt nach Peking 2008 vor. Muhammad Ali und Pelé, Kobe Bryant und Michael Schumacher - deren Universum wollte er erreichen. Nach Rio, das ist der Plan, wird er ein Fixstern darin sein.

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