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Springreiter Skelton : Gold mit 58 Jahren!

  • -Aktualisiert am

Rüstig in Rio: Nick Skelton gewinnt Gold im Springreiten Bild: dpa

In einem dramatischen Stechen gewinnt der Brite Nick Skelton das olympische Finale der Springreiter – und bildet mit seinen beiden Kontrahenten das wohl älteste Podium der Spiele. Die deutschen Springreiter enttäuschen.

          Man war versucht, sich die Augen zu reiben. Ja, sind wir denn hier in einem Historienfilm? Im olympischen Parcours: Nick Skelton. So wie schon seit den siebziger Jahren. Mit fliegendem rotem Rock, scharfem Blick, klarem Ziel jagte er durch das Stechen um die Medaillen. Bei sechs Olympischen Spielen war es ihm nicht gelungen, eine Einzelmedaille zu gewinnen. Und plötzlich, in Rio, beim siebten Versuch, klappte es. Mit 58 Jahren wurde der Brite Einzel-Olympiasieger.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Niemand schaffte den finalen Parcours schneller als er und sein 13 Jahre alter Hengst Big Star, und dazu auch ohne Fehler. Da ihn jeder in der Szene schon lange kennt, kam der Applaus von allen Seiten. Die weiteren Medaillengewinner sind zwar nicht so alt wie Skelton, aber auch schon im vorgerückten Sportler-Alter. Der schwedische Silbermedaillengewinner Peder Fredricson (mit dem Wallach All In) ist 44 Jahre alt, der Dritte, Eric Lamaze aus Kanada (mit der Stute Fine Lady), 48.

          Die älteste Podium-Besetzung der Spiele

          Es dürfte sich um die älteste Podiums-Besetzung der Spiele gehandelt haben, die am Freitag die Medaillen entgegen nahm: Ein Fossilien-Trio, insgesamt glatte 150 Jahre alt. Aber das ist noch nichts gegen die britische Gesamtmannschaft, die in den Tagen zuvor beim Nationenpreis Gas gab, und zu der auch die Brüder John und Michael Whitaker gehörten. Die Equipe war zu viert 203 Jahre alt, obwohl ihr Jüngster, Ben Maher, erst 33 ist. Die Senioren waren ausgezogen, um das britische Mannschafts-Gold von London 2012 zu verteidigen. Sie ließen sich keine grauen Haare wachsen, als das misslang. Aber Skelton griff noch einmal an.

          Als Skelton genug geweint hatte auf dem olympischen Dino-Podest, stieg er vorsichtig wieder herunter und ließ sich von seinem Groom ein Leiterchen aufklappen, mit dessen Hilfe er zurück in den Sattel von Big Star stieg. Er ist der älteste Reiter, der jemals Olympiasieger wurde. Und Skelton ist auch wirklich nicht mehr der Frischeste. Er hat sich in der Vergangenheit schon beide Schultern gebrochen, die Beine auch, und er besitzt eine künstliche Hüfte – alles, was einen Veteran des Springreitens so ausmacht.

          Die weitaus schlimmste Verletzung zog er sich im Jahr 2000 zu, als er unglücklich stürzte und das Genick brach. Der Arzt verbot ihm das Reiten, ein Sturz hätte seinen Tod bedeuten können. Eine Zeitlang musste er sogar eine Art Käfig auf dem Kopf tragen, in dem sein Genick fixiert war. „Doch es wurde besser“, sagte er. Er begann wieder mit dem, was er am liebsten macht: Reiten.

          Mittlerweile steigt Skelton nur noch in den Sattel eines einzigen Pferdes: Von Big Star. Seit die beiden 2013 den Großen Preis von Aachen gewannen, hatten sie aber kein großes Turnier mehr bestritten. „Er brauchte eine lange Pause, weil er verletzt war.“ Es habe zwei Jahre gedauert, bis er wieder in den Parcours zurückkehren konnte. „Wir haben ihn gepäppelt und gepäppelt“, sagte er in Rio. „Wir haben viel Arbeit für ihn aufgewandt und viel Zeit.“ Aber er wusste immer, dass sich das lohnen würde für den 13 Jahre alten Hengst. „Er ist das beste Pferd, das ich jemals hatte.“ So hat Skelton seine Laufbahn an Big Star gebunden. „Sobald er nicht mehr mit der Spitze mithalten kann, gehe ich in Rente.“

          Ein anderer Frührentner des Springreitens, Ludger Beerbaum, dürfte das mit ein wenig Schmerz vernommen haben. Am Morgen war er noch den Parcours des Einzel-Finales abgelaufen, für den er als viertbester Deutscher nicht mehr startberechtigt war. Ein letztes Mal in olympischer Athleten-Kluft, inspizierte der 52-Jährige die Schwierigkeiten. Seine Karriere in der Nationalmannschaft hat er nach dem Gewinn von Mannschafts-Bronze beendet. „Da schwingt Wehmut mit“, sagte Bundestrainer Otto Becker, auch ein ehemaliger Olympia-Reiter und auch noch ein Jahr jünger als der Sieger des Tages.

          Für Christian Ahlmann läuft es in Rio dagegen nicht rund.

          Die Medaillenhoffnungen seiner drei noch aktiven Reiter erfüllten sich nicht. Daniel Deußer mit First Class und Christian Ahlmann mit Taloubet Z waren beide auf gutem Weg, zogen sich aber in der zweiten Runde jeweils einen Flüchtigkeitsfehler zu. „Sie sind eigentlich gut geritten“, sagte Becker. „Um so ärgerlich sind die Fehler.“ Mit einer Bauchlandung hatte in der ersten Runde der deutsche Auftritt begonnen. Meredith Michaels-Beerbaum steuerte planlos auf den ersten Sprung zu, ihr allein gelassenes Pferd Fibonacci sprang viel zu früh ab und landete viel zu früh – und schon verwandelte sich der schmucke Oxer in eine Baustelle. „Das ist mir noch nie passiert“, sagte sie. „Er hat den Kopf geschüttelt und mich böse angekuckt.“ Nach einem Kontrollsprung verließ die 46 Jahre alte Amazone den Parcours, der Reiter-Zukunft entgegen, die, wie man sieht, noch sehr lange dauern könnte.

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